Die Kreuzigung des Sündenbocks
Von Martin Halter. Aktualisiert am 06.05.2011 2 Kommentare
Das Buch
John Cheever: Die Lichter von Bullet Park. Roman. Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel. DuMont, Köln 2011. 255 S., ca. 31 Fr.
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Bullet Park ist eine jener Suburbs, in denen grosse Erzähler wie James Salter, Richard Yates oder John Updike von jeher die dunklen Seiten des American Dreams entdeckten. Die Fassaden der Villen und Ehen sind noch intakt, die Vorgärten aufgeräumt, aber dahinter lauern Abgründe von Frustration, Aggression und Depression. Die Männer fahren morgens mit dem Zug in ihre Büros nach New York und lassen die Frauen allein mit unzufriedenen Kindern, bigotten Nachbarn und den Anfechtungen der Moderne. Wenn sich die Ehepaare dann abends auf der Cocktailparty wieder vereinen, wird geheuchelt, gelästert und getrunken, was das Zeug hält.
Schwerer Trinker
John Cheevers Roman von 1969, der jetzt in einer eleganten Neuübersetzung wieder zugänglich ist, erinnert daran, was in den Vorstadthöllen der amerikanischen Literatur früher so alles weggesoffen, weggeraucht und wegtherapiert wurde: Langeweile und Leere, Ehe- und Erziehungsprobleme, ausweglose Verzweiflung und die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Intelligente, sensible Menschen haben keine Wahl: «Wer kein Trottel ist, muss sich besaufen.»
Cheever selbst hat diesen Grundsatz immer beherzigt. Wie sein Held Paul Hammer war er ein schwerer Trinker mit selbstzerstörerischen Neigungen, aber das macht seine Beobachtungen nicht weniger luzide und seinen biblischen Grimm nicht weniger gnadenlos: «Verflucht sei ihre Scheinheiligkeit, verflucht ihre Heuchelei, verflucht ihre Kreditkarten, verflucht ihre Geringschätzung der Wildnis des menschlichen Geistes, verflucht ihre Makellosigkeit, verflucht ihre Lüsternheit. Doch vor allem seien sie verflucht, weil sie dem Leben jene Kraft und Würze, jene Farbe und Inbrunst geraubt haben, die ihm Bedeutung verleiht.» Wer aufrichtige, tiefe Gefühle sucht, Liebe und Hass, Treue und Wahrheit, darf sich nicht an Spielregeln und Gesetze halten. Cheever wollte sich in die Mittelschicht einschleichen «wie ein Spion»; dabei nahm er seine Maskerade so ernst, dass er vom Undercover-Agenten zum teilnehmenden Beobachter auf verlorenem Posten wurde.
Wie Bilder von Edward Hopper
Dennoch: Dass Hammer in seinem Hass auf die «partnertauschenden, judenhetzerischen, trunksüchtigen geistigen Bankrotteure» von Bullet Park den jungen Tony Nailles als «Paradebeispiel für ein Leben ohne echtes Gefühl und echten Wert» kreuzigen und an die Kirchentür nageln will, ist schon starker Tobak. Es passt eigentlich auch nicht zu dem melancholischen Romantiker.
John Cheever (1912–1982) ist bei uns vor allem durch seine Short Stories und seine «Wapshot»-Romane bekannt geworden. Dass ihm die kleine Form eher als die grosse liegt, sieht man diesen «Lichtern von Bullet Park» an: Es sind vor allem Schlag- und Irrlichter, erbarmungslos hell und schneidend scharf, poetisch und intellektuell brillant. Aber die Figuren sind einsame, beziehungsunfähige Monaden, Verlorene wie auf einem Bild von Edward Hopper. Sie bleiben einander fremd, und so wollen sich auch Cheevers Porträts und Geschichten nicht recht zu einem Roman runden. Der kaltblütig distanzierte, allwissende Erzähler des ersten Teils entpuppt sich im zweiten als ekstatischer Schwärmer (und psychisches Wrack), der sarkastische Realismus löst sich in unwirklichen Grotesken auf.
Hammer, anfangs als Bote aus der Fremde eingeführt, räumt das Feld denn auch bald zugunsten seines Gegenspielers Eliot Nailles. Der Vertreter für Mundwässerchen und ähnlich zweifelhafte Parfüms und seine Frau Nellie, deren Status als «Musterexemplar heterosexueller Monogamie» sich eher Zufällen verdankt, stehen für alles, was Hammer verachtet: Lügen, lüsterne Träume, Oberflächlichkeit. Als Tony, ihr verkorkster Sohn, sich eines Tages ins Bett legt und nicht mehr aufsteht, stehen Eltern, Therapeuten, Traumdeuter und Ärzte vor einem Rätsel; erst ein zwielichtiger Wunderheiler kann den Jungen wieder ins Leben zurückholen.
Ein zynischer Racheengel
Im zweiten Teil des Romans erzählt Hammer seine eigene Lebensgeschichte. Vom Vater im Stich gelassen, von seiner Mutter, einer kleptomanisch-sozialistischen Exzentrikerin, vernachlässigt, fühlt sich der europäisch gebildete Übersetzer in Amerika fehl am Platz. Ziel- und ruhelos lässt er sich durch die Flugplätze und Bahnhöfe, Hotels und Bars beider Kontinente treiben, verliebt sich in Frauen, Männer, Kinder, Hunde und Häuser. Aber weder kurzzeitige Affären noch die Ehe mit der launischen Marietta können Pauls «bête noire» zum Schweigen bringen.
Unter seinen tadellosen Manieren und seinem kultivierten Zynismus nisten Trauer, nackte Verzweiflung und ohnmächtige Wut, und so fällt er am Ende wie ein Racheengel über den armen Tony her. Nailles kann seinen Sohn mit der Kettensäge befreien, der Angreifer landet in der Psychiatrie. Alles wird wieder «so herrlich, herrlich, herrlich, herrlich wie früher».
Abrechnung mit den Lebenslügen
Der Schluss ist einigermassen missglückt, aber das ändert nichts an der Bedeutung von Cheevers Roman. «Die Lichter von Bullet Park» ist seine Abrechnung mit den Lebenslügen der weissen Mittelklasse Ende der 60er-Jahre. Die alten Werte von ehrlicher Arbeit und Familie bieten kein transzendentales Obdach mehr, aber auch sexuelle Abenteuer, Cocktails, Tabletten, Partys und Psychiater bieten keinen Halt.
Nailles wirft den Fernseher aus dem Fernster, der seinen Sohn verdirbt. Nachbar Heathcup bringt sich beim Streichen seiner Wohnung einfach so um. Am Bahnhof verschwindet ein Mann zwischen den Gleisen, ohne dass jemand Notiz davon nähme. Alle warten auf ein Wunder göttlicher Gnade, aber sie bekommen (und verdienen) nur obskure Wanderprediger, «spirituelle Cheerleader» und den schäbigen Trost von Ersatzreligionen. Oder eben einen depressiven Säufer, der den Sündenbock Tony buchstäblich opfern will. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.05.2011, 20:34 Uhr
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