Kultur

Die Kirche ist geistig impotent und blutleer

Von Michael Meier. Aktualisiert am 19.04.2011 6 Kommentare

Kommt die Kirche noch aus der Krise? Nach dem Missbrauchskandal schlagen drei namhafte Gelehrte mit ihren Büchern Alarm.

Kirchendämmerung: Drei neue Bücher sehen den Untergang und kaum Morgenröte.

Kirchendämmerung: Drei neue Bücher sehen den Untergang und kaum Morgenröte.
Bild: Keystone

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Franz-Xaver Kaufmann: «Kirchenkrise – Wie überlebt das Christentum?» Herder-Verlag, ISBN: 978-3451323843

Hans Küng: «Ist die Kirche noch zu retten?» Piper-Verlag, ISBN: 978-3492054577

Friedrich Wilhelm Graf: «Kirchendämmerung – Wie Kirchen unser Vertrauen verspielen», C. H. Beck, ISBN: 978-3406613791

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Die Kirchenkrise ist in aller Munde, ebenso der unter dem Begriff Säkularisierung segelnde Bedeutungsverlust der Religion in der Moderne. Warum also abermals drei Bücher zur Kirchenkrise? Weil dieser Begriff eine Verharmlosung der tatsächlichen Entwicklung darstellt, wie der Schweizer Religionssoziologe Franz-Xaver Kaufmann in seinem Buch «Kirchenkrise» erklärt. Ihm zufolge geht es um einen «eklatanten Abbruch religiöser Traditionen in beiden Konfessionen, der sogar die Existenz bisheriger Kirchenverfassungen bedroht».

Hans Küng spricht in seinem Band «Ist die Kirche noch zu retten?» von der «Auszehrung» einer ernsthaft kranken Kirche. Die Krankheitsursache liegt für ihn in der viel zu wenig beachteten Problematik der Kirchenverfassung. Er zeigt, wie sich die Kirche seit dem 11. Jahrhundert immer mehr in Richtung eines monarchischen Absolutismus entwickelte, der in der Erklärung der päpstlichen Unfehlbarkeit im 19. Jahrhundert gipfelte. Die «Kirchenkrise» ist für Küng darum eine «Kirchenleitungskrise», die hausgemachte Systemkrise einer Kirche, die sich nach innen festigt und nach aussen isoliert.

Laut Küng muss ein absolutistisch verfasstes Papsttum in der demokratischen Gesellschaft ein Fremdkörper sein. Anders als das demokratische System halte dieses an einem Zweiklassensystem von Klerikern und Laien und an der Ständegesellschaft ohne Volkssouveränität und Gewaltenteilung fest. Auch für Kaufmann liegt die Ursache der tief gehenden Krise des zentralistischen und hierarchischen römischen Systems im vermeintlich göttlichen Ursprung desselben. Seit dem reformerischen Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–65) habe sich diese Hierarchisierung paradoxerweise noch verstärkt.

Der Papst als Pädophilenfreund

Am Missbrauchsskandal macht Kaufmann die Weltfremdheit des kirchlichen Systems erschreckend plausibel. In der sonst so rigiden katholischen Moraltheologie spiele der klerikale Kindsmissbrauch kaum eine Rolle: «Die kirchliche Moral deckt sich weder mit dem säkularen Strafrecht noch mit der herrschenden gesellschaftlichen Moral.» Die Vertuschung der Übergriffe im Beichtgeheimnis, die blosse Versetzung der Täter, die fehlende Zusammenarbeit mit der staatlichen Strafverfolgung und der mangelnde Wille zur Aufklärung der Straftaten: Dies alles lässt Kaufmann von einer «moralischen Parallelwelt» sprechen. In dieser seien die institutionellen Abwehrreflexe weit grösser als der Wille, sich den moralischen Ansprüchen der Gesellschaft zu unterwerfen.

Der Missbrauchsskandal legt auch für Küng die Defizite der Heiligen Kirche und der Heiligen Väter offen. Für ihn ist es schlicht unverständlich, wie Papst Benedikt jetzt seinen Vorgänger Johannes Paul II. seligsprechen will, der den pädophilen Wiener Kardinal Groer lange Zeit deckte und dem pädophilen Gründer der Legionäre Christi, dem Mexikaner Marcial Maciel, bis zum Schluss freundschaftlich verbunden war. Der vom Papst einst als grosser Förderer der Jugend gepriesene Mexikaner hatte Dutzende Seminaristen missbraucht – und selbst seinen eigenen Sohn. Der Vorzeige-Priester hatte drei Kinder mit zwei wohlhabenden Mexikanerinnen, welche die fünf Mexiko-Reisen Johannes Paul II. mitfinanzierten. Zu Recht zieht Küng auch Papst Benedikt zur Verantwortung: Dieser habe die Missbrauchsfälle zwar immer wieder bedauert, zu seiner persönlichen Verantwortung als Chef der Glaubenskongregation am weltweiten Vertuschungssystem aber geschwiegen.

In der modisch-liturgischen Prunksucht im Ratzinger-Pontifikat sehen Küng wie auch Kaufmann ein Symptom der Dekadenz. Küng spricht gar von einer Fassadenkirche: In den pompösen Messen der männlich-zölibatären Hofgesellschaft im Vatikan kann er das Abendmahl Jesu kaum mehr erkennen.

Peinliche Selbstherrlichkeit

Ähnlich klingt es im dritten lesenswerten Buch zur Krise der Kirchen. In dem Buch «Kirchendämmerung» spricht der evangelische Theologe Friedrich Wilhlem Graf von einem neuen «postmodernen Konservativismus», der sich mit Prunk und schrillen Goldbrokatgewändern als ästhetischer Fundamentalismus in Szene setze: An Benedikt illustriert Graf «die Untugend der nur peinlichen Selbstherrlichkeit vieler führender Kleriker».

«Die Kirchen», schreibt Graf, «sind hochnarzisstisch und fortwährend auf sich selbst fixiert.» Diese Diagnose gilt ihm zufolge für beide Grosskirchen. Beide träten peinlich moralisierend auf und schrieben sich ein prophetisches Wächteramt gegenüber dem Staat zu, seien aber unfähig zur Selbstkritik. An Weihnachten erzeugten die Kirchenoberen ethischen Hochleistungsdruck, predigten aber oft nur billige, kleinbürgerliche Trivialmoral.

Leiden an der Kirche

Die Frage drängt sich auf: Haben die Kirchen angesichts so vernichtender Diagnosen überhaupt noch Überlebenschancen? Kaufmann hält die katholische Kirche für krank – und dennoch für überlebensfähig. Die Geschichte zeige, dass Religionen generell zu den dauerhaftesten Gebilden der Menschheit gehörten, zumal die hochgradig durchorganisierte katholische Kirche. Allerdings habe diese den Kontakt zur Seele der meisten Menschen verloren: «Wem ein schlichtes Überleben der Kirche in der Form einer hochorganisierten Superstruktur nicht genügt, wird hierzulande an seiner Kirche leiden. Er wird das Leuchtende, Hoffnung Spendende des Glaubens vermissen.» Darum wird für den Religionssoziologen der ausserhalb der Kirchen gelebte, auf echter (mystischer) Erfahrung gründende Glaube von Einzelnen immer wichtiger.

Diese Einschätzung teilt Theologe Graf, der von einer «strukturellen Islamisierung der konfessionellen Christentümer» schreibt: «Man fühlt und versteht sich als Christ, ohne noch einer Kirche anzugehören.» Dies in einem Moment, wo man die Muslime aufrufe, sich nach dem Vorbild der Christen kirchenähnlich zu vergesellschaften. Graf zufolge werden die organisatorisch hochgerüsteten Kirchen mit ihren Hunderttausenden Mitarbeitern allerdings nicht so schnell untergehen.

Auch Küng, der den Zustand der Patientin Kirche für sehr ernst hält, glaubt nicht, dass die 2000 Jahre alte Institution implodieren wird. Die Vergangenheitsgläubigkeit der gegenwärtigen Kirche führe zu «schöpferischer Schwäche, geistiger Impotenz und blutleerer Scholastik». Nur durch eine Neuorientierung an Jesus von Nazareth könne die bürokratisierte und verrechtlichte Kirche genesen. Notfalls rät Küng zu zwangstherapeutischen Massnahmen etwa durch Verweigerung der Kirchensteuer oder durch Widerstand gegen den Ortsbischof, wie das die Baselbieter Kirchgemeinde Röschenz im Fall Sabo vordemonstriert habe. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2011, 16:36 Uhr

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6 Kommentare

Walter Ammann

19.04.2011, 21:44 Uhr
Melden 12 Empfehlung

Der Niedergang der Religion im Allgemeinen ist ein sehr positives Zeichen. Es scheint dass die Menschheit endlich etwas reifer wird und diese "Märchen für Erwachsene" immer weniger benötigt. Antworten


Michael Strässle

25.04.2011, 18:57 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Im Prinzip erleben wir wie das eigentlich uneuropäische Christentum langsam auswächst und die Werte wie Logik und Recht aus der Antike zurück kommen. Irgend einmal wird man die Zeit zwischen 300 und 1700 als Christliches Zeitalter sehen. Mit allen Kreuzzügen Inquisition und Hexenjagten. Antworten




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