Kultur
Die Guttenberg-Show
Aktualisiert am 03.03.2011 4 Kommentare
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Ein Blender
Die Plagiatsaffäre fehlt in der neuen Guttenberg-Biografie. Trotzdem ist sie erhellend.
Als die Plagiatsaffäre begann, war das Buch bereits geschrieben. Und zum Zeitpunkt, als der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg am Dienstag seinen Rücktritt verkündete, konnte man das Werk schon in den Buchhandlungen kaufen. Der Biografie der beiden FAZ-Journalisten Eckart Lohse und Markus Wehner mit dem schlichten Titel «Guttenberg» fehlen also zwei wichtige Kapitel. Das hat zur Folge, dass man beim Lesen nach Stellen sucht, welche die späteren Ereignisse vorausspiegeln. Die Autoren demaskieren Guttenberg als Fabelwesen, das den rasanten Aufstieg der Fähigkeit verdankt zu blenden. Guttenberg trat 1999 in die CSU ein, wurde drei Jahre später in den Bundestag gewählt. 2008 wurde er zum Wirtschaftsminister ernannt, ein Jahr darauf zum Verteidigungsminister. Ohne seine beispiellose Medienwirksamkeit und Politshow wäre das unmöglich gewesen.
Lohse und Wehner haben eine klassische Biografie vorgelegt. Mit Akribie zeichnen sie den Werdegang des gefallenen Ministers nach, dessen Vorfahren sowohl mit den Nazi-Widerstandskämpfern der Stauffenbergs als auch mit den Kollaborateuren der Ribbentrops verwandt waren. Sein Grossvater war in den Siebzigerjahren ein schillernder CSU-Politiker, der sich nicht scheute, Franz Josef Strauss Paroli zu bieten.
Dario Venutti
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«Am 2. Oktober 2010 dröhnen in der Berliner Parteizentrale der CDU die Glocken. Alarm? Es sind die Glocken der Hölle. Halleluja!
Während im Rest Deutschlands an dessen Wiedervereinigung erinnert wird, die sich am Tag darauf zum 20. Mal jährt, während viele Helmut Kohl lauschen oder Angela Merkel zuhören, schlägt im Konrad-Adenauer-Haus die Zukunft an die Tore. Aus den Lautsprechern schrillt ‹Hell’s Bells› der australischen Hardrockband AC/DC.
Karl-Theodor zu Guttenberg tritt auf.
Unter dem hämmernden Rhythmus teilt sich die Schar der vielleicht 200 von der Jungen Union geladenen Gäste wie einst das Rote Meer beim Auszug Mose aus Ägypten, und hindurch schreitet der Bundesminister der Verteidigung. Philipp Missfelder, der Vorsitzende der Jungen Union, ist an seiner Seite und freut sich über den Coup. Nicht Helmut Kohl, nicht Angela Merkel, sondern Deutschlands Top-Promi hat er an Land gezogen. Zusätzlich zu den Deutschlandfahnen, die die jungen Gäste schwenken, sind einige blaue Pappschilder mit den Lettern KT zu sehen, den Initialen des Vornamens von Guttenberg.
Guttenberg weiss, dass sein Auftritt Fragen aufwirft. Warum steht er hier, ein Mann, der am Tag des Mauerfalls 17 Jahre alt war und kaum gewichtige Erinnerungen präsentieren kann? Warum er als CSU-Mann in der CDU-Zentrale, noch dazu in Abwesenheit der Vorsitzenden? Will er die Aufmerksamkeit, die der 20. Jahrestag der Einheit mit sich bringt, nutzen, um sich in den Vordergrund zu spielen?
Verschwörungstheoretiker
Guttenberg kennt diese Fragen. Wie es seine Art ist, greift er sie gleich zu Beginn auf. Er sei gewarnt worden, hier zu sprechen. Der Ort, der Tag, das Thema seien falsch. Aber: ‹Alle Verschwörungstheoretiker sind bisher im Praxistest durchgefallen.› Und an die Journalisten im Saal: Da jetzt wieder alle mitschrieben, wie oft er Kanzlerin Merkel und den CSU-Vorsitzenden Seehofer erwähne, werde er das gleich zu Beginn tun. Es folgt eine höfliche Nennung der beiden Parteivorsitzenden. Nun würden die Namen im Rest der Rede ‹nicht mehr inflationär› vorkommen. Das ist weit untertrieben. Sie kommen so gut wie gar nicht mehr vor.
Karl-Theodor zu Guttenberg hält Deutschland seit zwei Jahren in Atem und macht nicht den Eindruck, als wolle er damit so bald aufhören. Wie war das mit den Glocken der Hölle? Vier Kernbotschaften enthält der Text des AC/DC-Songs: ‹Ich komme wie ein Hurrikan. Ich nehme dich mit in die Hölle. Ich werde keine Gefangenen machen. Keiner legt sich mit mir an.›
Mann der Bildergeschichten
Karl-Theodor zu Guttenberg hat die Beziehung zwischen den Politikern und den Bildern in eine neue Dimension katapultiert. Er erzählt, so formuliert es ein Kabinettsmitglied, geradezu eine Bildergeschichte. Das – ziemlich grosse – Startkapital für Guttenbergs Superpopularität ist ein Foto. Es entsteht im März 2009, wenige Wochen nachdem er überraschend Wirtschaftsminister geworden ist. Guttenberg reist mit der für einen Wirtschaftsminister spektakulären Zahl von 38 deutschen Journalisten als Begleittross nach Amerika, um über die Zukunft von Opel zu beraten. Das rasch zu Berühmtheit gelangte Foto, das den Minister nachts im Lichtermeer des Times Square mit ausgebreiteten Armen in der Was-kostet-die-Welt-Pose zeigt, übertrifft jedoch die kühnsten Erwartungen. Die einen sind begeistert, die anderen finden die Szene gestellt und masslos übertrieben. Doch eines ist unstrittig: Es ist ein gutes Foto, ein in jeder Hinsicht brillantes Bild. Und es hat eine Nachricht: Deutschland hat einen Spitzenpolitiker, der diese Pose kann, dem man sie abnimmt, ganz gleich, ob sie einem gefällt oder nicht.
Ende Mai folgt ein zweites Bild, kein Foto, sondern eine Kameraeinstellung. Guttenberg nachts vor dem Kanzleramt, in der Pose des Widerständlers. Der junge Minister, kaum ein paar Monate im Amt, stellt sich mit politischer Todesverachtung, die sich in einer ersten Rücktrittsdrohung niederschlägt, gegen den Rest des Kabinetts und spricht sich für eine Insolvenz von Opel aus.
Gegen das politische Establishment
Das Erfolgsgeheimnis des Mannes aus Oberfranken ist in wesentlichen Teilen in diesen beiden Bildern enthalten. Allerdings fällt es leichter, sie im Rückblick zu lesen: Er sieht gut aus, er bewegt sich mühelos in der grossen, weiten Welt, Englischkenntnisse sowie Erfahrungen in den Strassen von New York eingeschlossen. Das ist die äussere Botschaft, die Bild eins vermittelt. Bild zwei, vor dem Kanzleramt, erzählt die innere, die politische Geschichte: Der Mann steht auf seinen eigenen Füssen, hat keine Angst, sich von Anfang an gegen das politische Establishment mitsamt der Bundeskanzlerin zu stellen, er schert sich nicht um den politischen Mainstream, ist dem Arbeiter im 10-Mann-Betrieb näher als dem Grosskonzern, der sich bettelnd an den Staat wendet, und schliesslich hängt er nicht an dem Job eines Bundesministers, auch wenn er ihn gerade erst bekommen hat. Schritt für Schritt, mit traumwandlerischer Sicherheit blättert Guttenberg ein grosses Kapitel seiner Bildergeschichte nach dem anderen auf.
Top Gun Guttenberg
Besonders toll treibt der Minister es ein knappes Jahr nach der Amtsübernahme als Verteidigungsminister. Der 28. August 2010 ist kein normaler Tag in der Bildergeschichte des Karl-Theodor zu Guttenberg. Was die ‹Bild›-Zeitung an jenem Samstag auf ihrer Titelseite bringt, stellt alles bisher Dagewesene in den Schatten. Guttenberg ist in den Anzug eines Jet-Piloten der Bundeswehr geschlüpft, hält den zwei Kilo schweren Helm in der Hand und lacht in die Kamera. Hinter ihm steht das Kampfflugzeug Eurofighter. Für diejenigen, die es immer noch nicht begriffen haben, wird auf Seite zwei neben einem fast identischen Foto auf den Film ‹Top Gun› hingewiesen.
Guttenberg ist Tom Cruise, der Hauptdarsteller jenes 1986 in die Kinos gekommenen Actionfilms aus dem Jagdfliegermilieu, in dem es nur darum geht, wer wen vom Himmel schiesst. In einem Text ist erklärt, dass der Minister plane, in einem Eurofighter mitzufliegen. Zitat Guttenberg: ‹Ich möchte selbst erfahren, welchen ungeheuren Belastungen unsere Piloten tagtäglich ausgesetzt sind.› Mit 2000 Kilometern in der Stunde soll Guttenberg durch die Luft fliegen. Der Spezialanzug sorgt dafür, dass das Blut nicht in die Beine absackt und der Minister ohnmächtig wird. 2000 Stundenkilometer sind selbst für einen wie ihn eine neue Dimension. Irgendwie erinnert die ganze Geschichte daran, mit welcher Geschwindigkeit Guttenberg Politik macht und wie oft es heisst, dass er ja zur Not aussteigen und vom Vermögen der Familie leben könnte.
Ein Bierzelt im Griff
Zu den Pflichten eines Guttenberg gehört es auch, sich für öffentliche Belange zu engagieren und Position zu beziehen. Damit das gelingt, gilt es, den öffentlichen Auftritt beizeiten zu üben. Enoch zu Guttenberg (der Vater, Anm. d. Red.) zwingt seine Söhne, bei Begräbnissen von Angehörigen des Familienbetriebes oder bei Feuerwehrfesten Reden zu halten, so wie er es selbst als Junge schon machen musste; auch bei Sitzungen in Gremien des Familienunternehmens ist der Jugendliche dabei. ‹Er hat mir die Akten und Dokumente gegeben, die zur Vorbereitung dieser Termine angefertigt wurden. Gott sei Dank hat er mir auch die Möglichkeit gegeben, dumme Fragen zu stellen›, erinnert sich Karl-Theodor. Er ist damals 13, 14 Jahre alt.
‹Aufzutreten haben beide Söhne hart lernen müssen›, sagt der Vater. Aber die Schule habe sich bewährt: ‹Ein Guttenberg schafft es, ein Bierzelt zum Schweigen zu bringen. In fünf Minuten haben wir ein Bierzelt im Griff.› Dabei gehe es nicht darum, was die Leute hören wollten, sondern wie sie es hören wollten. Karl-Theodor habe das gleich gekonnt.
Kein fleissiger Schüler
In Rosenheim besucht Karl-Theodor zu Guttenberg das humanistische Ignaz-Günther-Gymnasium. Er ist ein guter, aber kein besonders fleissiger Schüler. ‹Ich habe es immer geschafft, mit relativ geringem Aufwand relativ weit zu kommen.› Der Gymnasiast mag die alten Sprachen Latein und Griechisch. Ein bisschen was Besonderes waren die Griechisch-Fans schon in der Schule, sie fühlten sich als ‹intellektuelle Speerspitze›, erinnert sich ein Lehrer. Noch heute liest Guttenberg altgriechische Bücher wie etwa Platons ‹Politeia› (‹Der Staat›) im Original. Dass er einmal gegenüber einem Journalisten davon gesprochen hat und auch noch anmerkte, er tue es, um den Kopf freizubekommen, wird ihm als Zeichen einer zur Schau gestellten Extravaganz ausgelegt, es habe etwas ‹obszön Angeberisches›, wie ein Feuilletonist schreibt.
Einen ausgeprägten Hang, für die Schule zu arbeiten, hat Guttenberg nicht. Er ist froh, wenn der Unterricht zu Ende ist. Das Reiten ist ihm viel wichtiger und auch die Musik – ein Zug, der bei seinem Vater in noch stärkerem Masse zu finden war. Das kann als Teil der adligen Seite Guttenbergs gelten. Für den Adel hat Bildung, also die Aneignung von Wissen, anders als für das Bürgertum nie die überragende Rolle gespielt. Wichtiger waren ihm Charakter, Auftreten, Moral, auch Opferbereitschaft. Bei den Guttenbergs ist dieser Zug nie bis zu einer regelrechten Verachtung für Bildung ausgebildet. Doch auch später wird sich Guttenberg mit der Abfassung einer Doktorarbeit schwertun.»
Eckart Lohse und Markus Wehner: Guttenberg. Biographie. Droemer-Verlag, München 2011. 384 S., ca. 30 Fr.
Erstellt: 03.03.2011, 07:55 Uhr
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4 Kommentare
Top Gun Guttenberg ist trotzt der großspurigen Bild-Ankündigung nie im Eurofighter geflogen: sie blieben für einige Zeit wegen technischer Probleme am Boden. Der Minister-Spaß hätte den Steuerzahler ca. 70.000 € die Flustd. und ca. 30.000 Euro Maßanzug gekostet. Die Presse schwieg darüber... Antworten
Ja, der Guttenberg weiss sich zu inszenieren. Da ist er in der Schar der tristen Politiker der bunte Vogel, der hervorsticht und den Massen gefällt. Wer ein wenig mehr Hirn hat, sieht die viele heisse Luft, die Guttenberg produziert hat. Gut, dass dem bunten Vogel die Flügel gestutzt sind - wenigstens im Moment. Wer weiss, was da noch alles kommt. Guttenberg ist nicht ungefährlich. Antworten
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