Kultur

Der weisse Affe

Von Martin Halter. Aktualisiert am 10.01.2012

Vor 100 Jahren erfand der Schriftsteller Edgar Rice Burroughs den Affenmenschen Tarzan. Zum tierlieben Vegetarier wurde der wilde Mann aber erst nach seiner Bändigung durch das Kino.

Der ungekrönte König des Dschungels: Johnny Weissmuller in «Tarzan the Ape Man» (1932). (Bild: Everett Collection (Keystone))

Lustig: Bo Derek und Miles O’Keeffe in «Tarzan the Ape Man» (1981).

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Cheeta hat das Tarzan-Jubeljahr nicht mehr erlebt. An Heiligabend verschied Tarzans Schimpansenfreund im biblischen Affenalter von 81 Jahren in einem Primatenaltersheim in Florida. Dass er, wie die Direktorin behauptete, sein Debüt 1932 an der Seite von Johnny Weissmuller gab, ist wohl nur eine Werbelegende. Der malende, Bier trinkende und christliche Folkmusik hörende Affenmethusalem war vermutlich viel jünger und hat womöglich nie in einem Film mitgespielt (schon 2008 war ein anderer, ähnlich begabter Ur-Cheeta in Kalifornien als Schwindler entlarvt worden).

So oder so: Der Affe ist tot, aber Tarzan lebt. Zum 100. Jahrestag von Edgar Rice Burroughs’ Roman «Tarzan of the Apes» bringt der Zürcher Verlag Walde + Graf jetzt eine dreibändige Tarzan-Kassette heraus – bald soll auch eine neue Tarzan-Trilogie unter der Regie von Craig Brewer verfilmt werden.

Tarzan, der edle Wilde mit dem Wortschatz und der Intelligenz eines King Kong, ist ein Mythos des 20. Jahrhunderts – das Missing Link zwischen Mogli aus Kiplings «Dschungelbuch» und den Bat-, Spider- und Supermännern der Comics. Nach dem Tod seiner leiblichen Eltern von seiner Affenmutter Kala adoptiert, bringt er sich Schreiben und Lesen, aber nicht Sprechen bei; das macht ihn zum ewigen Grenzgänger zwischen Tier und Mensch, Zivilisation und freier Wildbahn. Als Earl of Greystoke ist er eigentlich ein schwerreicher Lord, aber bei seinen Affenbrüdern in Afrika fühlt er sich wohler als im Oberhaus und in den gestutzten Rabatten englischer Parks.

Wilde Tiger in Afrika

Der weisse Affe macht wenig Worte und noch weniger Federlesens mit seinen Feinden: «Wenn Tarzan tötete», heisst es in «Tarzan bei den Affen», «lag ein Lächeln der Freude auf seinem Gesicht und verschönte es.» Der König des Dschungels hat oft Grund zum Lächeln: Wilde Tiere (darunter die in Afrika eher unbekannten Tiger und fleischfressende Riesenaffen) und böse Menschen (Scheichs, Piraten, Kannibalen, bolschewistische Spione, Nazis, Amazonen) schleichen durch sein Revier. Die Eingeborenen zählen nicht mit; sie stehen noch unter den Tieren.

Tarzans Schöpfer Edgar Rice Burroughs, geboren in Chicago, war ein gescheiterter Erdöl- sowie Goldsucher und Vertreter für Bleistiftanspitzer, ehe er die Pulpfiction als Geldquelle entdeckte. In seinen 67 Romanen retten furchtlose Helden in abgelegenen Gegenden leicht bekleidete, aber tugendhafte Jungfrauen aus den Fängen von Kopfjägern, Marsund Höhlenmenschen. Im August 1912 erschien sein erster von 26 Tarzan-Romanen in dem Magazin «All Story». Der tumbe Urwaldschrat passte gut ins Zeitalter kolonialer Herrenmenschen, zivilisationsmüder Lebensreformer und FKKNaturapostel, und Burroughs spielte virtuos auf der Klaviatur exotisch-erotischer Männerfantasien. Sein Tarzan – der Name bedeutet in der Affensprache der Waziri «Weisshaut» – war die Rache des Urwalds an der Kultur, aber durch und durch weiss; ein amerikanischer Kaspar Hauser, der das sozialdarwinistische Gesetz des Dschungels mit brutaler Unerbittlichkeit exekutierte.

Des Widerspenstigen Zähmung

Für den Film musste er erst mal gezähmt werden. Tarzan bekam einen züchtigen Lendenschurz, mit Jane eine ordnungsgemäss angetraute Gefährtin (und getrennte Schlafzimmer im Baumhaus), einen Sohn und possierliche Begleiter: Aus dem Panther Sheetah wurde im Kino der tollpatschige Schimpanse Cheeta, aus dem aggressiven, Fleisch fressenden Affenkönig Tarzan eine Art Albert Schweitzer im Leoparden-Look: vegetarisch, tierlieb, human. So hangelt sich Tarzan seit nun bald 100 Jahren durch die Filmgeschichte – mal als hirnloser, wortkarger Parzival, mal als Urwaldsamariter und Gralshüter, mal als Kulturflüchter und gefallener Engel.

Tarzan-Darsteller müssen nicht unbedingt Schauspieler sein, aber mindestens 1,90 Meter grosse Hünen – ein Stellenprofil, dem Rummelplatz-Muskelmänner, in Ehren gealterte Kugelstösser, Bodybuilder und Unterwäschemodels am ehesten genügten. Der erste Tarzan Elmo Lincoln trug 1918 noch ein Toupet, erstach bei den Dreharbeiten aber eigenhändig einen (allerdings altersschwachen und vorsorglich sedierten) Löwen. Johnny Weissmuller, fünffacher Olympiasieger im Schwimmen, war dann der ungekrönte König des Dschungels, seine Partnerin Maureen O’Sullivan die wohl beste Jane. Ähnlich wie Pierre «Winnetou» Brice identifizierte sich Weissmuller so sehr mit seiner Rolle, dass er sich am Ende selber für den «weissen Affen persönlich» aus der Filmreklame hielt.

Den Deutschen waren damals Negertänze und gorillahaftes Brustgetrommel so suspekt wie die Plastikpalmen und Statisten im Affenfell aus Hollywood. Schon in den 20er-Jahren kam es zu deutschnationalen Protesten gegen die Rassen- und Affenschande. 1934 kam «Tarzan» als erster Film im Dritten Reich auf den Index: Hitlers blonde Bestie war ein Übermensch, kein affenartiger Untermensch. Burroughs war zwar auch Rassist, aber als Hunnenfresser hatte er nichts dagegen, dass sein Kind 1942/43 in zwei Filmen Naziagenten aus dem Busch vertrieb.

Am geistigen Nullpunkt

Nach dem Krieg kühlte das Tarzan-Fieber weltweit ab. Nicht nur, weil Jugendschützer und Sittlichkeitsligen sich gegen den «geistigen Nullpunkt» der Schundliteratur und die wilde Ehe in Tarzans Baumhütte wandten. Nach Burroughs Tod 1950 erschienen immer öfter asiatische B-Filme wie «Tarzan erobert Indien» oder «Tarzan gegen King Kong», Tarzan-Parodien, Musicals und Zeichentrick-Pornos wie «Tarzan, Schande des Dschungels». 1981 machte Bo Derek als sexy Jane Tarzan zum Affen. Drei Jahre später, in Hugh Hudsons «Greystoke», war er ein ausgewilderter, politisch und zoologisch korrekter Rousseauist und militanter Tierbefreier. Der bislang letzte Tarzan-Spielfilm von 1998 war ein kapitaler Flop. Ob der Affenmensch noch einmal fürs Kino reanimiert werden kann, ist zweifelhaft. Craig Brewer hat bereits angedeutet, dass der Lendenschurz nicht unbedingt zu Tarzan gehöre.

Anders der berühmte Tarzan-Jodler. Weil es dem Affen, wie Kafkas Rotpeter in seinem «Bericht für eine Akademie» zu bedenken gibt, schwerfällt, «das affenmässig Gefühlte mit Menschenworten nachzuzeichnen», drückt Tarzan seine Gefühle vor allem in unartikuliertem Grunzen aus. Das oft zitierte «Ich Tarzan – du Jane» ist bereits die redselige Langfassung von Johnny Weissmullers lakonischerem «Tarzan – Jane». Als Lex Barker, der Intellektuelle unter den Tarzans (und spätere Old Shatterhand), einmal als sprachbegabter Primat glänzen wollte, kürzte Produzent Sol Lesser seinen Sprechpart kurzerhand von 137 Affenpidgin-Sätzen auf 83 zusammen, «weil er sich sonst noch zu Tode quatscht». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2012, 08:25 Uhr


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