Der vernetzte Mensch droht sich in der digitalen Welt zu verlieren
Von Res Strehle. Aktualisiert am 26.01.2012 22 Kommentare
Miriam Meckel: Next. Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns. Rowohlt Verlag, ISBN: 978-3-498-04523-4, 315 Seiten, CHF 29.90.
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Die Autorin liest aus ihrem Buch am 1. Februar, 20 Uhr, im Zürcher Kaufleuten und diskutiert anschliessend mit Google-Schweiz-Chef Patrick Warnking. Moderation: Res Strehle, vergünstigte Eintritte mit der Carte Blanche.
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Die individuelle Freiheit ist ein kostbares Gut. Das Thema hat die Geistes- und Sozialwissenschaften stets beschäftigt, viele sahen einst die Kirche und den Staat als grösste Bedrohung des freien Denkens. Doch nun wachsen die Ängste um die Bedrohung des freien Willens durch das personalisierte Internet. Was von den Anbietern gut gemeint ist, das massgeschneiderte Angebot an jeden Nutzer aufgrund seiner verknüpften Daten, droht immer stärker dessen Verhalten zu determinieren.
Die düsterste Vision dieser Entwicklung beschreibt die Kommunikationsforscherin Miriam Meckel in ihrem neuen Buch «Next». Es zeichnet im Genre der Sciencefiction das Bild einer Gesellschaft, in der unser Verhalten gänzlich berechenbar geworden ist und der Mensch sich in der digitalen Welt schliesslich verliert. Meckel hatte mit ihrer letzten Publikation bereits hohes Aufsehen erregt, als die nach aussen stets souverän wirkende St. Galler Universitätsprofessorin offen über ihr Burn-out schrieb («Brief an mein Leben»).
Eigenes Verhalten wird immer berechenbarer
Im neuen Buch sieht sie ihren Erschöpfungsinfarkt auch als Kommunikationsüberlastung. Heute schirmt sie sich von drohender Überlastung weitgehend ab, telefoniert kaum mehr und ist höchst skeptisch gegenüber dem zunehmend personalisierten Angebot im Netz.
Laut Meckels Diagnose hat speziell Google (GOOG 591.53 -2.01%) den Schritt in die gefährliche Grauzone der schönen neuen Welt gemacht. Die Suchmaschine ist heute in der Lage, Treffer nach Suchanfragen aufgrund der Datenspur des Users zu personalisieren. Wenn zwei User dasselbe Stichwort eingeben, sind die Ergebnisse folglich nicht mehr zwingend dieselben, sondern spezifisch den im Netz hinterlassenen Interessensspuren der Nutzer angepasst. Die Kombination der Suchmaschine mit dem sozialen Netzwerk Google plus zu «Search plus Your World» führt dazu, dass Persönliches gleich gewichtet wird wie weltpolitische Ereignisse. Meckel teilt auch die Befürchtungen, wonach aufgrund der neuen Möglichkeiten wie der automatischen Gesichtserkennung immer mehr Daten erhoben und verknüpft werden, sodass sich individuelles Verhalten in Zukunft immer besser berechnen und voraussehen lässt. Der Mensch der Zukunft wird zum Ergebnis seiner extrapolierten Vergangenheit.
Der Traum vom Roman
Meckels «Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns» (Untertitel) sind folglich nicht im Begeisterungston gehalten, sondern in einer melancholischen, fatalistischen Erzählhaltung. Vor einigen Jahren zog sich die Politologin und frühere Staatssekretärin für Europa, Internationales und Medien längere Zeit in ein einsames Haus an der Grenze zu Mexiko zurück. Als grossen Traum, so schrieb sie kürzlich im «Zeit»-Magazin, würde sie dort gern irgendwann einen Roman verfassen, nicht die Sachbücher, die man von ihr erwartet. Mit «Next» hat sie schon den ersten Schritt in diese Richtung gemacht, denn das Buch zeugt zwar von Sachverstand, ist aber als fiktiver Dialog zweier höchst unterschiedlicher Erzähler verfasst.
Im ersten Teil wendet sich der erste humanoide Algorithmus der neuen Welt an den letzten Menschen der alten Welt. Er ist der neue Herrscher über den freien Willen, triumphiert aber nicht, sondern spricht den verloren gegangenen Menschen Trost zu, wenn man das virtuelle Mitgefühl eines Roboters so nennen darf. Der untergegangene freie Mensch hat diese Entwicklung zwar eingeleitet, aber irgendwann geriet sie ausser Kontrolle. Im personalisierten Internet werden seine Entscheidungen vom Algorithmus getroffen. Entsprechend nostalgisch lesen sich diese «Erinnerungen des letzten Menschen» im zweiten Teil. Es wäre resignativ zu nennen, wenn Resignation nicht mit der Einsicht in die eigene Lage zu tun hätte. Vor beiden Teilen stehen einleitende Zitate aus Cormac McCarthys Roman «No Country for Old Men», der von den Coen-Brüdern vor ein paar Jahren erfolgreich verfilmt wurde. Es spielt wie Meckels Traum vom Roman im texanischen Grenzgebiet zu Mexiko und endet mit derselben Konklusion: kein Land zum Altwerden.
Meckels Schritt in die Literatur ist mutig und soll Kritiker nicht mäkeln lassen, dass sie dabei noch wenig trittsicher ist. Ob so ein roboterhafter, humanoider Algorithmus überhaupt die Sprachkraft hat, um einen als Leser auf hundertfünfzig Seiten zu fesseln? Das gelingt dem letzten freien Menschen über die folgenden hundertfünfzig Seiten zweifellos besser, auch wenn sein Dialog oder eher Monolog den Leser von allem Anfang an runterzieht («Ich traue mir nicht mehr. Sitze ich hier in diesem dunklen Zimmer?»).
Die wichtigere Frage ist, ob die Kommunikationsforscherin ihr Zukunftsbild nicht etwas gar schwarzmalt. Sie deklariert ihr Buch wohlweislich als «Angebot zum Weiterdenken». Das scheint schon zu geschehen, in der Branche tobt ein Streit zwischen den Kulturpessimisten und jenen, die überzeugt sind, dass der Mensch den Umgang mit den neuen digitalen Medien letztlich wird erlernen können. Einig ist man sich einzig in einem Punkt: Nur wer sich selektiv abschirmt, wird sich in dieser neuen Welt nicht verlieren. Die Autorin selber scheint für sich diesen Weg recht gut gefunden zu haben, andere renommierte Philosophen wie etwa Richard David Precht weisen unentwegt auf die wachsende Bedeutung dieser Fähigkeit hin. «Wir müssen unsere Kinder vor Aufmerksamkeitsraub schützen», meinte er kürzlich im TA-Interview zum Jahresende. In Prechts Seminaren in Lüneburg wird jeder Student ausgeschlossen, wenn er ein einziges Mal am Smartphone erwischt wird.
Andere, etwa Frank Schirrmacher, scheinen Meckels Pessimismus zu teilen. Der Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» hat in seinem Buch zu demselben Thema («Payback») darauf hingewiesen, dass das mit der neuen Technologie verbundene Multitasking das Gehirn verändert und zu einem drastischen Abfall der Kurzzeiterinnerung führt. Die Cloud ersetzt die Erinnerung, die automatische Gesichtserkennung die Fähigkeit, Gesichter auseinanderzuhalten, ganz ähnlich wie der digitale Rechner inzwischen das Kopfrechnen zur exotischen Begabung in Freakshows hat werden lassen.
Moderne Zauberlehrlinge
Meckel ist überzeugt, dass diese Prozesse unumkehrbar sind, weil der Mensch als moderner Zauberlehrling nicht mehr selber über sein eigenes Schicksal bestimmt. Sie knüpft hier an Goethe an und mehr noch an den Philosophen Günther Anders. Anders meinte in seiner Technologiekritik einst, dass das Problem in der modernen Welt nicht mehr darin bestehe, dass wir wie Goethes Lehrling die Entzauberungsformel nicht mehr wüssten. Wir wissen inzwischen nicht einmal mehr, dass wir die Zauberlehrlinge sind.
Die Grossen der Branche sehen das naturgemäss ganz anders. Google weist etwa darauf hin, dass die personalisierte Suche im Internet nur dem Nutzer zugutekommt. Schliesslich findet so jeder viel schneller, was ihn interessiert. Und kann in der so gewonnenen Zeit, ganz wie früher, seiner Liebsten einen duftenden Rosenstrauss kaufen oder mit ihr auf einen Waldspaziergang gehen. Gerade dem traut Autorin Meckel aber nicht: Denn was gibt dem neuen Menschen die Gewissheit, dass die Liebste mehr ist als die virtuelle Fantasie eines Datingportals? Wenn ja, dass die Rosen und ihr Duft echt sind? Dass die beiden tatsächlich im Wald sind und die Vögel nicht nur virtuell zwitschern? Meckel scheint in dieser Frage unentschieden, wie ihr persönliches Dankeswort zum Schluss zeigt: «Meiner Freundin Anne danke ich dafür, dass sie mir (…) immer wieder hilft zu verstehen, dass ich nicht in einer Simulation lebe.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.01.2012, 14:59 Uhr
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22 Kommentare
Gegen den gläsernen Bürger haben sich fast alle, zu Recht, gewehrt. Gegen den gläsernen Konsumenten den man auch noch dadurch entmündigt, dass man ihm das (vermeintlich) gewünschte mundgerecht zugoogelt und alles was die Konsumlust trüben könnte rausfiltert, dagegen wehren sich nur wenige. Der "nanny state" kommt nun wohl doch noch in Form des "Facebook state". Viel Spass damit. Antworten




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