Der Temporausch der neuen Zeit nährt Sehnsucht nach dem Idyll
Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 11.02.2012 2 Kommentare
Geduldige Bildinterpretation: Peter von Matt (74), Schweizer Germanist. (Bild: Keystone )
Peter von Matt, Das Kalb vor der Gotthardpost. Hanser, 367 Seiten, ISBN: 978-3-446-23880-0. (Bild: PD)
«Das Kalb vor der Gotthardpost»
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«Ich bin Philologe. Meine Arbeit besteht zu guten Teilen darin, die Wörter zu beobachten.» Peter von Matt, der Doyen der Schweizer Germanistik, ist ein äusserst präziser und sprachsensibler Beobachter. Er beschreibt nicht bloss die Wörter und Begriffe, sondern zeichnet deren Lebensgeschichte nach, die über Jahrhunderte hinweg in unseren Alltag reicht und ihn nach wie vor prägt. Wer die Bücher, Essays und Zeitungsartikel des emeritierten Zürcher Professors liest, erfährt die Welt der Literatur als einen Kosmos, in dem sich die individuelle und kollektive Geschichte spiegeln. Peter von Matt lesen heisst, mit sich und der Nation ins Gespräch kommen.
Das neue Buch trägt den Titel «Das Kalb vor der Gotthardpost. Zur Literatur und Politik der Schweiz». Es versammelt 30 Essays, die Hälfte davon ist Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftstellern gewidmet von Gerold Späth über Niklaus Meienberg bis Max Frisch, von Adelheid Duvanel über Ulrich Bräker bis Friedrich Dürrenmatt. Die Texte, oft nur einige Seiten lang und in verschiedenen Publikationen bereits erschienen, lassen sich in beliebiger Reihenfolge lesen. Nur der einleitende Hauptessay «Die Schweiz zwischen Ursprung und Fortschritt. Zur Seelengeschichte einer Nation» wurde eigens für diesen Band verfasst. Auf knapp 100 Seiten bietet er mehr als mancher Wälzer zur Schweizer Geschichte und Literatur.
Idealisierte Alpen
Ein guter Philologe kann auch Bilder lesen. Von Matts Essay kreist in interpretatorischen Schlaufen um das Gemälde «Die Gotthardpost» von Rudolf Koller aus dem Jahre 1873. Darin erkennt er die «Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Geschwindigkeiten»: die rasende Kutsche mit den fünf Pferden, die in einer fast unbezähmbaren Bewegung den Berg hinunterdonnert, daneben eine Kuhherde, die dem wilden Geschehen auf der Strasse unbewegt hinterherglotzt. Nur ein Kalb scheint im wörtlichen Sinne unter die Räder zu kommen, es jagt vor der Kutsche her, und Peter von Matt stellt die Frage, die ihn schon als Kind beschäftigte: Wird es davonkommen? Oder wird es ein frühes Opfer der neuen, schnellen Fortbewegung? Ist das Kalb sozusagen das Opferlamm, das dem Fortschritt gebracht werden muss, in dieser Alpenlandschaft, die Albrecht von Haller bereits 1729 in seinem berühmten Gedicht über die Alpen zu einem antiken Ideal verklärte?
Die geduldige Bildinterpretation führt Peter von Matt argumentativ zum Kern seiner These. «Die Verquickung von Fortschrittsglauben und Konservatismus, ein janusköpfiges Voraus- und Zurückschauen zugleich, ist eine Eigentümlichkeit der Schweiz im politischen wie im literarischen Leben.» Seit je ist das kleine Land eingespannt zwischen Beharren und Fortschreiten, zwischen Rückzug und Fortzug: Diese Dialektik, die vielfältigen Niederschlag in der Literatur findet, prägt die eidgenössische Mentalität bis auf den heutigen Tag.
Neuralgische Lage
Rudolf Koller, ein Freund von Gottfried Keller und Arnold Böcklin, setzt den schicksalhaften Zeitgeist ins Bild: Das Idyll der in aller Ruhe grasenden Herde wird durch die Hektik der neuen Zeit in seinen Grundfesten erschüttert. Es wird Tote geben, trotzdem ist ein Zurück nicht möglich – Peter von Matt spricht eindrücklich von einem «gesprengten Idyll» und meint damit auch Schillers «Wilhelm Tell».
Peter von Matt interpretiert das Bild nicht nur national, er stellt es auch in einen europäischen Kontext. Für Mitteleuropa bildet der Übergang über den Gotthard eine zentrale Verbindung zwischen dem südlichen und dem nördlichen Teil des Kontinents. Die Postkutsche und stärker noch die Eisenbahnlinie durch den Gotthard ab Juni 1882 haben den «cosmopolitischen Verkehr», wie Jacob Burckhardt das Phänomen der Globalisierung bezeichnete, massiv beschleunigt. Weltgeschichtliche Krisen infolge unterschiedlicher Geschwindigkeiten nannte der Basler Historiker denn auch «beschleunigte Processe». Die Verbindungswege werden kürzer und schneller, und wegen des Gotthards, dieses Kristallisationspunkts der europäischen Politik, legen die Grossmächte Wert darauf, dass der Zwergstaat in der Mitte neutral bleibt. Zu neuralgisch ist die Lage im Zentrum der Alpen.
Die Künstler fassen die kollektiven Fantasien und Ängste in Worte und Bilder. Werden diese Mythen von Generation zu Generation weitererzählt, prägen sie das Empfinden und Verhalten eines Volkes über Jahrhunderte hinweg: Der Reduit-Gedanke, den Friedrich Dürrenmatt satirisch, ja sarkastisch kommentierte, ist genauso lebendig wie das Bild der Berge als ein «Wall von Gott». Wenn Europa heute unter dem Druck der EU in rasantem Tempo zusammenwächst, sind die Stimmen, die zum Rückzug und zur Isolation aufrufen, ein spätes Echo der idealisierten Ursprungsidylle eines Albrecht von Haller.
Notwendiger Austausch
Peter von Matt beschreibt aber auch die gegenläufige Tendenz: Die Eidgenossen sind ein Volk, das stets den Ausgang aus der geografisch bedingten Enge und den Abschied von der Abgeschiedenheit suchte. Grosse Schweizer Literatur ist ohne diesen Aufbruch ins Fremde nicht denkbar: Albrecht von Haller, Gottfried Keller, Max Frisch, Friedrich Glauser und Robert Walser sind nur einige der Schriftsteller, die das Land durch den Wegzug (und die Rückkehr) bereichert haben. «In der viatorischen Existenz der Schweizer Autoren lebt der uralte Aufbruch und Auszug fort, der das Land vor Jahrhunderten zum Machtfaktor in der europäischen Politik machte. Sie sind die Säumer und Reisläufer der Gegenwart.»
Stärker als eine Grossmacht ist ein kleines Land wie die Schweiz auf den Austausch angewiesen – in kulturellen und wirtschaftlichen Belangen. «Der Trend wirkt wie ein Gegenzug zur rechtsnationalen Bewegung in der Schweizer Politik mit ihrem romantisch unterfütterten Isolationismus und ihrer Animosität gegen die kosmopolitischen Traditionen des Landes», schreibt der Germanist in Anspielung auf die SVP.
Ein europäisches Buch
«Das Kalb vor der Gotthardpost» behandelt eine schweizerische Thematik, und gerade weil das Buch dies in einem nicht nationalen Sinne tut, ist es auch ein europäisches Buch. Wer mit Peter von Matt durch die Literaturgeschichte unseres Landes geht, begegnet auf Schritt und Tritt den und dem andern: den Deutschen, den Engländern, den Franzosen. Am Schluss des Essays schliesst sich der historische (Tier-)Kreis. Wir treffen auf eine Kuh, die in Spanien gross geworden ist. Sie heisst Blösch und entsprang der Fantasie des Auslandschweizers Beat Sterchi. Die rote Kuh mit dem Namen Blösch erscheint wie eine Schwester des Kalbs vor der Gotthardpost. Die Jahrhunderte mögen vergehen, die Diskrepanz zwischen Ursprung und Fortschritt bleibt bestehen. Dass diese beiden Pole, wie etwa in «Das Fähnlein der sieben Aufrechten» von Gottfried Keller, in festlichen Einklang treten, ist «ein geheimer Wunschtraum der Schweiz geblieben».
Weshalb der Verlag das Rudolf-Koller-Gemälde auf dem Umschlag des Buches mit einem Schweizer Kreuz überdeckt, bleibt sein Geheimnis. Da man das Bild, das im Kunsthaus Zürich hängt, so nicht genau sehen kann, wird es auf den Innenseiten notdürftig eingeklebt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.02.2012, 08:08 Uhr
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2 Kommentare
die zeit der "idylle" ist vorbei. - der temporausch führt zum "wahn". - ein neues paradigma für moderne lebensführung ist fällig, ja überfällig. - sonst geht es uns wie der gotthardpost, die wegen überschreiten der höchstgeschwindigkeit im graben landet. Antworten



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