Der Stadtnomade Walser ist jetzt sesshaft

Von Alexander Sury. Aktualisiert am 17.09.2011

Vor zwei Jahren verliess das Robert-Walser-Zentrum Zürich und fand in der Berner Altstadt ein grosszügiges neues Domizil. Als «Quantensprung ins Glück» bezeichnet Zentrumsleiter Reto Sorg den Umzug .

1/5 Seit zwei Jahren ist das Robert-Walser-Zentrum in der Berner Altstadt beheimatet.
Bild: Valérie Chételat

   

Walser-Zyklus am Musikfestival

An diesem Wochenende findet im Rahmen des Musikfestivals Bern in der Dampfzentrale ein Robert-Walser-Zyklus statt. Heute um 18 Uhr widmet sich im Foyer eine Podiumsdiskussion dem Thema «Robert Walser komponieren». Um 20 Uhr interpretiert das Ensemble Proton Bern Werke nach Texten von Walser von Xavier Dayer, Gabrielle Brunner und Christian Henking. Am Sonntag liest Händl Klaus Texte von Walser. Im Turbinensaal gelangt um 17 Uhr «Gunten – eine Tagebuchmusik auf Robert Walsers Roman ‹Jakob von Gunten›» von Helmut Ohering mit dem Ensemble Phoenix Basel zur Aufführung.

Das Robert-Walser-Zentrum

In der Marktgasse passierte der leidenschaftliche Spaziergänger unter den Lauben unzählige Male den unscheinbaren Hauseingang mit der Nummer 45, – dort, wo seit 2009 das Robert-Walser-Zentrum in unmittelbarer Nachbarschaft von Zahnärzten und Gynäkologen untergebracht ist. Im Treppenhaus blickt der junge Walser spöttisch-versonnen am Betrachter vorbei. Darunter verspricht die auf Kaderselektion spezialisierte Firma «Art of Work» der potenziellen Kundschaft: «Wir halten für Sie die Augen offen.»

In den 1920er-Jahren schrieb Robert Walser an einen Prager Journalisten: «In Bern kommt man nie in Verlegenheit wegen neuen Eindrücken, es ist eine Stadt voller vitalitätreicher Qualitäten.» Von 1921–1929 zog der geniale Sonderling als nomadisierender Untermieter von Domizil zu Domizil, einmal in einer Altstadt-Mansarde wohnend, dann im Kirchenfeld und in der Elfenau Quartier nehmend. Er schwamm im Sommer in der Aare und frequentierte mit Vorliebe Cafés wie das Fédéral oder das Du Théâtre. Von Biel nach Bern war Walser einer Arbeitsstelle wegen übersiedelt. Das Staatsarchiv hatte ihm den Posten eines zweiten Bibliothekars angeboten. Er überwarf sich indes bereits nach wenigen Monaten mit seinem Vorgesetzten und widmete sich fortan hauptberuflich der Dichtung, ehe er nach einem vierjährigen Aufenthalt in der Waldau 1933 in der Heil- und Pflegeanstalt Herisau endgültig verstummte.

In Bern «angekommen»

90 Jahre nach dem Beginn seiner «Berner Periode» ist der Stadtnomade Walser in Bern sesshaft geworden. Selbstredend nicht mehr in Fleisch und Blut, sondern als Nachlass inventarisiert in akkurat beschrifteten Archivschachteln, oder in drei Tresoren, wo vom Autor signierte Erstausgaben lagern, oder in einer imposanten Bibliothek, die von den Werken in verschiedenen Ausgaben über Übersetzungen bis zu Zeitschriftenartikel und Sekundärliteratur alles sammelt, was weltweit zu Leben und Werk von Robert Walser publiziert wird. Die kostbaren Manuskripte – darunter die legendären Mikrogramme, die in jahrelanger Herkulesarbeit entziffert werden konnten – sind seit 2008 als Dauerleihgabe im Schweizerischen Literaturarchiv, wo modernste Standards für Sicherung und Konservierung garantiert sind, und auch die (seltene) Ausleihe von Exponaten für Ausstellungen wird dort abgewickelt. Im Zentrum dagegen können Interessierte digitale Kopien der Autografen einsehen.

Reto Sorg, 51-jähriger Germanist und Leiter des Zentrums, spricht von einem «Quantensprung ins Glück», der 2009 mit dem Umzug von Zürich nach Bern realisiert worden sei. Das 1973 vom Schriftsteller und Walser-Vertrauten Carl Seelig gegründete Archiv (das auch seinen Nachlass enthält), ist laut Sorg als «Kompetenzzentrum zu Robert Walser» in der Bundesstadt spätestens seit der letzten Museumsnacht «angekommen», als ausgestellte Mikrogramme auf grosses Interesse stiessen. Im vergangenen Jahr besuchten 750 Leute das Zentrum, dieses Jahr werden noch mehr erwartet. Rund 20 Prozent stammen aus dem Ausland.

Ein Blick in das aufgeschlagene Gästebuch zeigt, dass sich kulturell interessierte Touristen von Israel bis England und von Frankreich bis Spanien eingetragen haben. Dieser Zuwachs an ausländischen Gästen führt Reto Sorg nicht zuletzt darauf zurück, «dass das Walser-Zentrum jetzt auch in den Broschüren vorkommt, die in den Berner Hotels aufliegen». Dazu kommen professionelle Besucher, etwa Übersetzer oder wissenschaftlich über Walser Forschende.

Der feuerrote Linoleumboden

Reto Sorg sitzt am grossen Konferenztisch im 2. Stock, wo Bibliothek und Ausstellungsraum untergebracht sind – momentan werden die 15 Bücher gezeigt, die zu Robert Walsers Lebzeiten veröffentlicht wurden und deren Umschlaggestaltung mehrheitlich von seinem Bruder Karl stammen. «In Zürich hatten wir beengende Platzverhältnisse und standen finanziell am Abgrund», erinnert sich Sorg. Der Bund zahlte 650 000 Franken an den Umzug, diverse Sponsoren übernahmen den Um- und Ausbau auf zwei Stöcken.

Die Finanzierung ist dank Beiträgen der Burgergemeinde, der Berner Kantonalbank und Projektbeiträgen des Kantons auf 15 Jahre hinaus gesichert. Darüber hinaus übernimmt die Stadt Bern die jährlichen Betriebskosten von 100 000 Franken. Fünf Personen sind fest angestellt, dazu kommen über 20 Freiwillige, die während der Öffnungszeiten ehrenamtlich Führungen machen, Auskünfte erteilen oder die Kasse bedienen. Für Reto Sorg sind diese freiwilligen Mitarbeiter «bedeutsam für das Funktionieren und den Geist des Zentrums». Den richtigen «Look» für das Zentrum zu finden, sei nicht einfach gewesen: «Es sollte einerseits seriös und einladend wirken», sagt Sorg, «andererseits nicht zu kalt und erst recht nicht an eine walsersche Mansarde erinnern.» Eine solche Unterkunft zu reproduzieren, wäre allerdings allein schon deswegen zum Scheitern verurteilt, weil vom Dichter, der die «Besitzlosigkeit» lebte, keine Devotionalien wie Brillen oder Schreibgeräte erhalten sind. Während der repräsentative Teil im 2. Stock mit dunklem Parkettboden und eleganten Glasvitrinen eine zurückhaltende Gediegenheit ausstrahlt, ist das Herzstück des Zentrums, das im 4. Stock gelegene Archiv mit Lesesaal und Arbeitsplätzen, betont nüchtern gehalten. Sofort ins Auge sticht der feuerrote Linoleumboden, der einen an die schwelende Glut des walserschen Werks erinnert.

Ein neuer Blick auf den Dichter

Dieses Werk wird in immer wieder neuen Facetten präsentiert: Im Herbst erscheint im Insel-Verlag der Erzählband «Im Bureau», der mit dieser thematischen Klammer bereits publizierte Texte bündelt und Walser, so Reto Sorg, als «literarischen Theoretiker des Angestelltendaseins» ausweist. Und der Suhrkamp-Verlag publiziert im November 33 besonders eindrückliche farbige Mikrogramme in der Originalgrösse.

«99 Prozent der Texte von Walser sind entdeckt und bekannt», vermutet Reto Sorg, der auch in der Trägerstiftung sitzt, welche die Urheberrechte am walserschen Werk hat. Aber noch immer sind «kleinere Funde» möglich, tauchen Beiträge für Zeitungen oder Briefe auf, was auf die «extreme publizistische Streuung» von Robert Walsers feuilletonistischer Arbeit zurückzuführen ist.

Da Autografen von Walser zu den gesuchtesten Raritäten auf dem antiquarischen Markt gehören, braucht es bei Ankäufen nebst strategischem Geschick auch eine reichlich gefüllte «Kriegskasse». Über eine solche Schatulle verfüge das Walser-Zentrum jedoch nicht, erklärt Sorg. 2002 konnte ein Konvolut unbekannter Briefe Walsers dank Beiträgen von Mitgliedern der Walser-Gesellschaft erworben werden. «Wir müssen nicht um jeden Preis alles kaufen, was von Walser auf dem Markt ist», umreisst Reto Sorg die Ankaufpolitik, «aber hin und wieder sollten wir schon etwas erwerben, um ein glaubwürdiger Player zu bleiben.»

Seit 2008 erscheint eine auf 48 Bände geplante und von den Universitäten Zürich und Basel herausgegeben Werkausgabe; bislang sind 2 Bände veröffentlicht worden. Und ab 2013 wird die im Robert-Walser-Zentrum erarbeitete «Berner Leseausgabe» auf den Markt kommen. Das auf 30 Bände angelegte Editionsprojekt soll die Ausgabe aus den 60er-Jahren von Jochen Greven ersetzen. Nicht nur neue Nachworte und den aktuellen Stand der Forschung berücksichtigende Kommentare sind zu erwarten, sondern auch unveröffentlichte Texte. Der erste Band der «Leseausgabe» wird eine Edition von teils unpublizierten Briefen Walsers an seine Verleger und an seine Vertraute Frieda Mermet enthalten. Reto Sorg stellt einen neuen Blick auf Walser in Aussicht: «Diese Briefe zeigen keinen weltfremden Sonderling, sondern einen strategisch denkenden Schriftsteller, der stark in den Literaturbetrieb eingespannt war, von diesem profitierte und auch unter ihm litt.»

Die Stadt Bern, schrieb Robert Walser einmal, habe ihm «das wohlangemessene bisschen Ruhe» verschafft. Etwas Ähnliches strahlt auch das Zentrum aus: Zum Dichter und seinem Werk stellt sich eine «ferne Nähe» ein. Mit dieser Metapher benennt Reto Sorg die «innere Verwandtschaft» Walsers mit dem weltbekannten, in Zürich geborenen Fotografen Robert Frank («The Americans»). «Es ist ein Blick auf die Welt, der gleichzeitig fokussiert und seltsam entrückt ist und so poetische Distanz schafft.» Der 87-jährige Frank, ein glühender Bewunderer von Robert Walser, wird mit bislang unveröffentlichten Fotografien die nächste Ausstellung im Schauraum bestreiten. (Der Bund)

Erstellt: 17.09.2011, 10:42 Uhr

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