Der Schweizer Buchpreis geht an Ilma Rakusa

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Ilma Rakusa gewinnt den Schweizer Buchpreis. Sie erinnert sich in ihrem neuen Werk an die Bilder ihrer Kindheit.

Erzählt in 69 kurzen Kapiteln von den Irritationen der Kindheit und Jugendzeit: Ilma Rakusa.

Erzählt in 69 kurzen Kapiteln von den Irritationen der Kindheit und Jugendzeit: Ilma Rakusa.
Bild: Keystone

Reisen, Umzüge und Koffer prägen leitmotivisch diese «Erinnerungspassagen» unter dem Titel «Mehr Meer». Ilma Rakusa wurde 1946 im slowakisch-ungarischen Rimaszombat (Rimavská Sobota) geboren. Ihre familiären Wurzeln reichen nach Ungarn mütterlicherseits, und väterlicherseits bis hinauf ins Baltikum.

Bedingt durch die häufigen Wohnortswechsel trug die Familie das «Stigma des Nomaden». Maribor, Budapest, Triest und schliesslich Zürich lauteten die Stationen der Emigration.

«Wir flohen nicht...

Obwohl, oder weil diese Reise von einem Provisorium ins nächste zuletzt in den Westen führte, behielt der Osten Europas für Ilma Rakusa eine Aura der Sehnsucht.

Schon als Studentin begab sie sich auf den Weg zurück in die verlorene Heimat, über unheimliche Grenzen hinweg. 1969 verbrachte sie sogar ein Studienjahr im damaligen Leningrad.

«Mehr Meer» erzählt in 69 kurzen Kapiteln von den Irritationen der Kindheit und Jugendzeit, denen durch die Emigration bedingt ein sicherer Ort fehlte. Die Umzüge, vom Vater mit Umsicht vorbereitet, zwangen das Kind immer wieder dazu, sich von alten Spielkameraden zu verabschieden und sich in neuen Umgebungen neu einzuleben.

... wir packten die Koffer.»

Das Kind reagierte auf seine Weise: «Ich träumte mich nach innen, in schneckenartige Labyrinthe, bis an den Tränenpunkt. Dort war es weit und still.» Und es suchte sich seine eigenen Bezirke: die Musik, das Lesen, und das kirchliche Fest.

«Ostern» ist ein zentrales Kapitel überschrieben, worin Rakusa mit sinnlicher Intensität eine Osterfeier 1959 in Zürich beschreibt und daran die Erinnerung an einer spätere Osternacht in Leningrad anknüpft. Überhaupt Leningrad/Sankt Petersburg - und Dostojewskij, der mit dieser Stadt unzertrennlich verbunden ist.

Die Lektüre von «Schuld und Sühne» war eines der prägenden Erlebnisse. Der hochmütige Raskolnikow und die demütige Sonja boten sich als Lebensfiguren an. «Sonja wird zu meiner Kopfmusik: eine helle Stimme, wenn ich die Augen schliesse. Tu, tu's jetzt, sagt sie, zögere nicht. Was soll ich tun?»

Lockeres Textgefüge

In diesen «Erinnerungspassagen» erzeugt Ilma Rakusa kein artifizielles Kontinuum, sondern legt ihre punktuellen Reminiszenzen als Textur aus sich locker aneinander anlagernden Puzzleteilen vor uns aus. Sinnliche Anschaulichkeit und kluge Präzision sind hervorragende Charakteristiken.

Gefangen von der «Gravitation der Erinnerung» werden auf diese Weise geliebte und sonderliche Menschen, zauberhafte und Ilma Rakusa: «Mehr Meer». Erinnerungspassagen. Droschl Verlag, Graz 2009.schreckliche Orte, Gefühle und Emotionen zu neuem Leben erweckt. Gerüche (Braunkohle) und Stimmungen sind gewissermassen das Substrat, in dem sie eingebettet sind.

Ilma Rakusas Buch wird zum Film: «Wo er reisst, reisst er. Ich feilsche nicht um das Ganze.» Dergestalt bildet es eine Reise nach Hause ab. Doch wo liegt dieses Zuhause? Die Frage bleibt ohne definitive Antwort. Sehnsucht und Neugierde bedurften für Rakusa keines fixen Zieles. (sam/sda)

Erstellt: 15.11.2009, 11:46 Uhr

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