Der Schriftsteller, dem Tiere näher sind als Menschen

Der Protagonist in 
Roger Strubs achtem Krimi 
«Verfalldatum» ist ein 
asozialer, neurotischer Schriftsteller, der in seinen Büchern Kinder umbringt.

Autor Roger Strub.

Autor Roger Strub. Bild: zvg

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Ein Sympathieträger ist er nicht, dieser Tobias Landauer. Aber der Berner Schriftsteller Roger Strub hat es eher mit den nicht ganz einfachen Charakteren. Der 57-jährige Autor ist ein Vielschreiber, hat er doch seit 2006 insgesamt acht Krimis veröffentlicht, wobei in sechs Kommissarin Lena Bellman und ihre Ermittlungen im Zentrum standen. Der geschiedenen, alleinerziehenden, oft erschöpften und manchmal verunsicherten Bellmann ist Roger Strub nun ­offenbar überdrüssig geworden.

«Schwarzer Herbst»

In seinem neusten Wurf «Verfalldatum» führt er nämlich Schriftsteller Tobias Landauer als Protagonisten ein, einen verschrobenen und selbstgefälligen Einzelgänger, dem Tiere näher sind als Menschen. Er gestaltet seinen Tagesablauf gerne nach den gleichen Ritualen, steht auf Frauen mit Penis, gönnt sich teure Tantra-Massagen und tötet Kinder für Geld. Dies zumindest werfen ihm Gegner und Kritikerinnen seiner Bücher vor, in denen Kinder pervers angegangen und nicht selten auch umgebracht werden.

Auch Landauer neustes Werk «Schwarzer Herbst» dreht sich um den Mord und die postmortale Schändung einer 12-Jährigen in der Nähe der Belper Badeanstalt. Die detaillierte Schilderung der Vorkommnisse stösst bei einem Teil der Leserschaft auf starke Ablehnung – und so werden Landauers Lesungen fortan von Protesten begleitet, welche den Autor aber vorerst nicht einzuschüchtern ­vermögen.

Als dann allerdings SMS und E-Mails eintreffen, in denen Landauer mit dem Tod gedroht wird, wenn er seine Lesetour nicht absage, bekommt er es doch mit der Angst zu tun. Wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym «Rumpelstilzchen»? Militante Kinderschützerinnen? Landauers betagter und entfremdeter Vater, der ein dunkles Geheimnis hütet, oder vielleicht doch der schmierige Musikproduzent Didi, der Landauers Texte an alternde Berner Musikstars vermittelt und offen seine Antipathie gegenüber dem Schriftsteller kundtut?

Der zweite Krimi im Krimi

Der Kreis der Verdächtigen, den Strub aufbaut, ist eher klein, weswegen bei der Lektüre bald einmal (richtige) Vermutungen aufkommen, wer hinter den ganzen Drohungen und Anschlägen stecken könnte. Zudem erinnert der Autor ein bisschen gar oft daran, dass sich die Situation für seinen Protagonisten jetzt zuspitze, was auf die Dauer ermüdet. Der Showdown allerdings, den Strub im letzten Drittel von «Verfalldatum» hinlegt, der hat es fürwahr in sich.

Spannend ist auch, wie Roger Strub seinen Krimi geschickt mit Ausschnitten aus dem Werk seines fiktiven Schriftsteller-Protagonisten Landauer durchwebt. Mit diesen Auszügen wird der realen Leserschaft nicht nur ein zweiter Krimi im Krimi geboten, sondern sie erhält auch Einblick in Landauers Schaffen.

Die richtig derben Szenen, an welchen sich besorgte Eltern und Landauer-Gegner stossen, spart Strub allerdings aus, wodurch unklar bleiben muss, wie anstössig die Texte denn tatsächlich sind. Trotzdem bleibt die Frage: Darf Kunst alles? Soll und muss sie gar die (oft unschöne) Realität abbilden, oder hat ein Künstler im Allgemeinen oder ein Autor im Spezifischen eine moralische Verantwortung?

Roger Strub: «Verfalldatum». Gmeiner-Verlag, 2014, 279 Seiten, 18.90 Fr. Lesung und Krimi-Talk «Verfalldatum» am 4. 3. im ONO. (Der Bund)

(Erstellt: 28.02.2015, 10:52 Uhr)

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