Kultur
Der Dichter als Schlitzohr
Von Alexander Sury. Aktualisiert am 06.10.2011
Krieg und Frieden: Diese Welt ist ein Jammertal, durch das wir dank Christoph Simon zuversichtlicher schreiten. (Bild: zvg)
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Das Buch
Christoph Simon: «Viel Gutes zum kleinen Preis», bilgerverlag 2011, 233 S., Fr. 29.80.
Das Versprechen klingt doch ziemlich vollmundig: «Sind Sie ein Schiffbrüchiger auf einer Insel, ist dieses Buch Ihr Freund Freitag.» Skepsis ist angezeigt. Leidet hier jemand an akutem Grössenwahn? Wenn jedoch der 39-jährige Autor dieses Lebenskunde-Breviers Christoph Simon («Spaziergänger Zbinden») heisst, in seinem schriftstellerischen Wirken so gar nichts Grossspuriges ausstrahlt und einen ebenso verspielten wie hintergründigen Humor sein eigen nennen darf, dann greifen wir vertrauensvoll nach diesem Buch und lesen mit Wohlgefallen des Dichters edle Absichtserklärung: «Dieses Buch hilft, die richtigen Antworten zu Familien-, Karriere-, Selbstcoaching- oder Freizeitfragen zu finden, wichtige Erkenntnisse über sich selbst und den Nächsten zu gewinnen, um so das eigene und gesellschaftliche Wohlergehen voranzutreiben.»
Dieses Sammelsurium zwischen zwei Buchdeckeln wartet mit einer erstaunlichen Mischung auf: Mit Lebenskunde in alphabetischer Reihenfolge (Zum Beispiel unter «W»: «Ein Mensch wird wasserdicht, wenn man ihn in Zelluloseleim taucht und trocknen lässt»), mit fast gar nicht erfundenen Märchen aus dem Literaturbetrieb (Das Kürzeste: «Da war ein reicher Dichter. Er fing an Karten zu spielen und zu würfeln, sodass er verarmte»), mit höchst instruktiven Cartoons (etwa zum Appell «Kampf dem Hohlkreuz, zieht Wäsche!»), mit einem Fragekatalog annähernd auf Augenhöhe mit Marcel Proust und Max Frisch («Urinieren Sie im Intercity ins Waschbecken?») bis hin zu den authentisch wirkenden Kinderbriefen an den lieben Satan persönlich («Lieber Satan, bitte mach meine Schwester hübscher, damit sie einen Mann kriegt und auszieht. Vielen Dank, Markus»).
Von Vätern und Traummännern
Sollte jetzt beim Leser der Eindruck entstanden sein, es handle sich hier um eine vor Spott und höherem Blödsinn nur so triefende Parodie eines Ratgeberbuchs, so trifft dieser Eindruck einerseits zu und bedeutet doch gleichzeitig eine Verkennung des heiligen simonschen Ernstes.
Der Rezensent kam etwa bei folgender Frage mächtig ins Grübeln: «Sind Sie eher der Vater-Typ des Vaters, der für seine Familie sorgt, oder eher der Regenbogen-Typ des Vaters, der durch seine Unzuverlässigkeit ein Quell der Inspiration für die ganze Familie ist?» Die Antwort steht immer noch aus. Ein anderes Beispiel gefällig? Unter «T» wird beim Stichwort «Der Weg zum Traummann» kurz und bündig erklärt: «Mit einem geschickten Make-up verbergen Sie unreine Haut und lenken von Formfehlern im Grossen und Ganzen ab.» Dieser Ratschlag hat wie andere Anleitungen von Herrn Simon einen «doppelten Boden»: Man kann diese Ratschläge durchaus befolgen (etwa einen Wellensittich mittels Frostschutzspray und einigen Tropfen Lebertran «winterfest» machen), ist aber doch gut beraten, selber einen aktiven Zusatzeffort gegen die selbst verschuldete Unmündigkeit zu leisten.
So ist möglicherweise gegenüber dem Tipp, wie blutige Hände beim Morden zu vermeiden sind, eine gewisse Zurückhaltung angezeigt: «Sie verschmieren sich die Hände nicht mehr mit Blut, wenn Sie zwischen Messerstiel und Klinge einen Bierdeckel spiessen.» Aber dann stellt dieser lebenserfahrene Schriftsteller halt wieder Fragen, die einen mitten ins Herz treffen und die Welt als überaus fragile, um nicht zu sagen absurde Einrichtung entlarven: «Wenn Brian Jones im Swimmingpool ertrinkt, Jimi Hendrix an Erbrochenem erstickt, Janis Joplin sich den goldenen Schuss setzt, Sid Vicious erst seine Freundin und dann sich umbringt, John Lennon auf offener Strasse erschossen wird – ist es dann nicht unfassbar, dass Frank Zappa an Prostatakrebs stirbt?» Ja, das ist tatsächlich unfassbar, so wie auch dieses Kleinod von Buch irgendwie kaum zu fassen ist. (Der Bund)
Erstellt: 06.10.2011, 13:58 Uhr
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