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Jürg Halter, Andri Perl, Flurin Jecker, Guy Krneta und Hazel Brugger: So hiessen die ersten fünf Teilnehmer am Live-Poesie-Experiment. Sie wagten sich in die DerBund.ch/Newsnet-Redaktion und setzten sich dem Zeitdruck aus, dem Journalistengemurmel auch und dem Tastaturgeklapper, der Ungewissheit und der Misanthropie gewisser Talkback-Trolle.
Die entstandenen Texte sind so unterschiedlich wie die Herangehensweisen ihrer Autoren. Der erste Teilnehmer, Jürg Halter, auch bekannt als schlauer Rapper Kutti MC, verpasste erst das Tram, verspätete sich deshalb und begab sich sodann unvermittelt, naiv und unvorbereitet in die Experimentsituation. Halter strickte aus seiner misslichen Lage – «Ich schreibe hier auf der Redaktion des ‹Tages-Anzeigers› also unter idealen Bedingungen», ironisierte er, «beobachtet von einer erwartungsvollen Mineralwasserflasche» – eine Geschichte. In sie verwob Halter das Batman-Massaker, das just in dem Moment bekannt wurde, als er seinen Live-Poesie-Ticker zu füllen begann, und von den aufmerksamen Kommentatoren des Forums liess er sich neue Ideen zutragen. Das Ergebnis dieser exzessiven Situationsreflexion trug schliesslich den in seiner Anmassung neuerlich ironischen Titel «Das ist unsere Geschichte!».
Im Gegensatz zu Halter ging der Bündner Schriftsteller Andri Perl vorsichtiger zu Werk. Er meisterte Halters kniffligen Startsatz («Du sitzt da, so als wartetest du auf das Ende deiner Anwesenheit»), um dann einen sorgfältig konzipierten Text auszubreiten. «Die urplötzliche Geschichte» überzeugt vor allem mit ihrem Lokalkolorit («Unter Ächzen stieg in Sargans ein Aktivdienstveteran ein»), das Perl in die raue digitale Newsroom-Welt importierte.
Mal jugendliche Wut, mal Zweifel, mal Schlaumeiereien
Was Flurin Jecker aus Bern nach Zürich mitbrachte, war Unverfrorenheit und jugendliche Wut. «Die Schweiz ist des Schlächters Herz» titelte der 21-Jährige und forderte in drastischer Poesie zur radikalen Selbstkritik auf: «Nur eines wird ihm helfen können. Wenn er, der Mensch, innehält und sich fragt: Ist der Teufel, ist der Schlächter – bin es ich?» Im Forum entbrannte prompt eine kleine Kontroverse.
Mit Guy Krneta folgte dem bloggenden Jungspund ein mehr als doppelt so alter Literat nach. Dass der arrivierte Erzähler sich auf das Online-Experiment einliess, war mutig und löblich. Krneta mühte sich sichtlich, beschwichtigte die Leser, stand kurz vor der Resignation («Ich muss das Experiment als zum Teil gescheitert betrachten»), überschritt das Zeitlimit. Doch: Das Ergebnis überzeugte, und wie. Krneta präsentierte eine lange intime Mundartgeschichte, die konsequent auf Jeckers Startsatz («Ihr Gesicht ähnelte dem meiner Mutter») aufbaute.
Zuletzt besuchte Slammerin Hazel Brugger die Redaktion und verblüffte die Leserschaft mit einer keck-eloquenten Story namens «Nagelhautfetzen». Woher die 19-Jährige ihre staunenswert smarten Schlaumeiereien nahm («Für gescheiterte Beziehungen ist keine Zeit. Ein allgemein bekannter Fakt, ein zwischenmenschliches Axiom»), wusste wohl nicht einmal jener Geier, den Hazel bei ihrer Lesung apart auf der Schulter trug.
So gross ihre poetischen Differenzen, so verschieden ihre Motivation, so unterschiedlich ihre Charaktere – reüssiert haben die fünf Autoren schliesslich allesamt: Experiment gelungen, Fortsetzung folgt!
Nächsten Freitag, 11 Uhr, geht das Live-Poesie-Experiment mit dem Berner Schriftsteller Matto Kämpf in eine neue Runde.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.08.2012, 16:46 Uhr
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