Kultur

Das perfekte Sommerbuch

Von Martin Ebel. Aktualisiert am 05.07.2011 1 Kommentar

Der französische Autor Hervé Le Tellier erzählt in «Kein Wort mehr über Liebe» von Seitensprüngen und Liebeswirren nicht mehr ganz junger Pariser – ganz ohne Tragik, Tränen und Schuldgefühl.

Paris, die Stadt der Liebe: Von hier kommen die nicht mehr ganz jungen Protagonisten des Buchs.

Paris, die Stadt der Liebe: Von hier kommen die nicht mehr ganz jungen Protagonisten des Buchs.

Hervé Le Tellier: «Kein Wort mehr über Liebe» dtv, ISBN: 3-42324-863-7

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Was für ein Buch möchte man lesen in dem heissen Sommer, der sich ankündigt? Einen Liebesroman natürlich. Aber bloss keinen, der unter unreifen Teenagern spielt; die handelnden Personen dürfen ruhig schon etwas Lebenserfahrung haben. Auch keinen mit tragischem Ende, mit Schuldgefühlen und Selbstquälerei. Leicht muss er sein, ein bisschen wild darf er sein, Grenzüberschreitungen sind erlaubt. Wenn wir lesen, wollen wir ein anderes Leben leben als unser eigenes. Denn das, was wir haben, kann ja nicht alles gewesen sein.

Das denken auch Anna und Louise, die beiden Heldinnen des Franzosen Hervé Le Tellier ( Jahrgang 1957, bei uns bisher noch nicht übersetzt). Sie sind Ende dreissig, leben in Paris, gehören dem gehobenen Bürgertum an, üben erfolgreich angesehene, inspirierende Berufe aus: Anna ist Psychiaterin, Louise Anwältin. Jeweils zwei Kinder, jeweils ein Mann, an dem nun wirklich überhaupt nichts auszusetzen ist: Romain (Louises Mann), der Sprachphilosoph, wie Stanislas (Annas Mann), der Augenarzt, sind aufmerksam, einfühlsam, präsentabel. Und doch: Anna und Louise verlieben sich, im «wärmsten Herbst seit fünf Jahrhunderten», plötzlich und unerwartet. Anna spricht gar vom «Blitz aus heiterem Himmel».

Annas Blitz heisst Yves. Er ist Schriftsteller und ein sanft-ironisches Selbstporträt des Autors. Bei Louise ist es Thomas, Psychoanalytiker (eine seiner Patientinnen ist Anna, seit 12 Jahren und 1000 Sitzungen, was ihm ein Ferienhaus in Italien finanziert hat). Erstaunt geben die verheirateten Frauen, die erkorenen Liebhaber Gefühlen nach, die sie schon der Vergangenheit zugeschlagen hatten. Sie treffen sich heimlich oder halboffiziell; die Kinder werden beiläufig an die neuen «Freunde» gewöhnt, die Männer bekommen es schnell mit.

Was nicht passiert: Szenen, Wutanfälle, Streit und Nervenzusammenbrüche. Dazu ist man viel zu kultiviert, weiss, dass Besitzansprüche spiessig sind. Gelitten wird, wenn überhaupt, diskret; moralisiert wird gar nicht. Die Liebe im 21. Jahrhundert? Fast zu schön, um wahr zu sein.

Seitenweg oder Hauptstrasse?

Das Problem haben aber weniger die plötzlich überzähligen Ehemänner als die sich ein neues Stück vom Lebenskuchen holenden Frauen. Irgendwann stellt sich ihnen die Frage, ob der Seitenweg zur Hauptstrasse werden soll, die Höhenflüge geerdet, ob die neue Leichtigkeit durch eine Entscheidung Gewicht erhält. Wie diese Entscheidung ausfallen wird, deutet Le Tellier in einer unauffälligen Episode raffiniert an: Anna und Louise, die sich nicht kennen, kaufen zufällig in derselben Boutique ein. Anna steht unschlüssig vor einem kurzen, grün-rosafarbenen Kleid im CourrègesStil der Siebzigerjahre. «Das kann ich nicht zur Arbeit anziehen, und ich würde mich nie trauen, damit auszugehen. – Dann nehme ich es, sagt Louise, ich ziehe es im Justizpalast an, unter meiner langen schwarzen Robe.»

Genauso klar und selbstbewusst trennt sie sich von Romain. Auf dem Weg zum Café, wo sie es ihm sagen will, spielt sie seine Reaktion durch. «Er wird sie bitten, ihm eine letzte Chance zu geben, er wird sagen, dass er sich ändern wird, dass alles noch einmal neu anfangen kann. Sie wird ihm sagen, dass es nicht um ihn geht. Sondern um sie.»

Anna dagegen merkt sehr schnell, was sie verlöre, wenn sie sich für Yves entscheidet. Sie wägt ab, vergleicht, findet Dinge, die sie an ihm stören, die ihr fehlen. Sie hängt ein bisschen zu viel an Glanz und Glamour, die dieser Autor, der «sein Publikum noch nicht gefunden hat», zu wenig verströmt. Sie traut sich zu wenig, traut sich zu wenig zu. Im Grunde steckt sie immer noch nicht in der Haut der erwachsenen, souveränen, erfolgreichen Frau, die sie in den Augen anderer längst verkörpert. Ein Persönlichkeitstypus unserer Zeit. Sie wartet auf ein Zeichen von aussen, den berühmten Wink des Schicksals, der ihr sagt, was zu tun ist.

Ein Satz Annas offenbart mit seinem Doppelsinn ihr ganzes Dilemma. «Weisst du, ich würde es so gern schaffen», sagt sie eines Abends ihrem Liebhaber. «Oft sage ich mir: Anna, lass es los.» Im französischen Original heisst es hier: «Anna, fais le pas», mach den Schritt. Yves versteht, was sie eigentlich meint: «Fais-le pas», mach es nicht. Ein unübersetzbares Wortspiel, oder fast: Bei den deutschen Übersetzern Romy und Jürgen Ritte heisst es «Lass es los» oder «Lass es. Los»; eine nicht unelegante Lösung.

Als Yves begriffen hat und sich von Anna trennt, rechtzeitig, um nicht zu leiden, hat Anna kurz Lust zu weinen. Aber dann geht sie doch lieber in eine Boutique und probiert ein Kleid an.

Wo die Fantasie Funken schlägt

Das andere neue Paar hat sein «Zeichen» bekommen: Thomas rettet Louises Tochter vor einem heranrasenden Auto. Sie werden eine neue, eine wachsende Familie bilden. Am Schluss finden sich alle sechs Personen bei einer Lesung zusammen. Yves hat seinen Roman fertig geschrieben, der nicht so heisst, wie er geplant hatte, nämlich «Das abchasische Domino», sondern, wie ihm noch Anna geraten hatte, führt er im Titel das Wort «Liebe». Und wenn dies eine Oper von Mozart wäre, sängen sie alle ein Sextett. In strahlendem Dur.

Natürlich ist Yves’ Roman der, den wir gerade gelesen haben, so viel Autoreflexion muss sein. Schliesslich hat uns der Schriftsteller im Roman schon erklärt, wie der Roman des Autors funktioniert: nach komplizierten, eben einer abchasischen Dominopartie abgeschauten Regeln, die bestimmen, welche Personen in den 52 Kurzkapiteln miteinander auftreten dürfen. Hervé Le Tellier, gelernter Mathematiker, gehört der anspruchsvollen Literatenvereinigung Oulipo an. Für diese Gruppe muss es beim Schreiben sogenannte «contraintes» geben, willkürliche Hindernisse, an denen sich die Fantasie stösst und reibt und ihre Funken schlägt. Das ist so abwegig nicht, wie es klingt; auch ein Sonett etwa gehorcht ja strengen Vorschriften, und die schmälern die Kunst und den Kunstgenuss ja nicht, sondern steigern beides noch.

Der wahre Künstler aber setzt die Regeln so ein, dass man sie nicht bemerkt. Wer «Kein Wort mehr über Liebe» liest, braucht keine Sekunde an abchasisches Domino zu denken. Er darf ganz unbeschwert den Liebeswirren dieser niemals ganz erwachsenen Pariser folgen. Und sich an den zahlreichen «Readymades» vergnügen, die Le Tellier in seinen Romantext eingebaut hat: Todesanzeigen, Zeichnungen, einer Einkaufsliste, einem Ausschnitt aus einem Reiseführer. Einmal läuft der Text über etliche Seiten in zwei Spalten nebeneinander her: Links hören wir eine Lesung von Yves, rechts die Gedanken des betrogenen Stanislas, der ihr beiwohnt.

Kurz: Dieses Virtuosenstück ist das Werk eines Autors, der sein Licht konsequent unter den Scheffel stellt, um es dem Leser so leicht wie möglich zu machen. Aber dieses Licht hat es in sich. Es blitzt und blinkert, es flackert und es leuchtet uns heim. Wir folgen den schwerelosen Sätzen, die geradezu hüpfend daherkommen und wieder davonspringen, wir legen das Buch versonnen hin und nehmen es gleich wieder auf, verzaubert von diesem Tanz aus Emotionen, Sprache und Intelligenz. «Kein Wort mehr über Liebe» ist das perfekte Sommerbuch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.07.2011, 08:13 Uhr

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1 Kommentar

Romy Minder

05.07.2011, 08:45 Uhr
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Eventuell eine Annäherung oder Alternative zu "Bonjour tristesse" von Francoise Sagan ! ? Es gibt wohl nur die Zeit für "die kleine Liebe" oder "die richtige Liebe" ? Manchmal ist ein Schluck Wasser besser als ein ganzes Meer davon !
Wann kommt der Roman in die Schweiz ?
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