Das Wesen von Massakern
Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 30.06.2011 3 Kommentare
Christian Gerlach: Der 47-jährige Historiker studierte an der Technischen Universität seiner Heimatstadt Berlin. Seit 2008 lehrt er an der Uni Bern.
Christian Gerlach: «Extrem gewalttätige Gesellschaften», Deutsche Verlagsanstalt, ISBN: 3-42104-321-3
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Hunderte Holocaustforscher versuchten jahrzehntelang die Frage zu klären, ob Adolf Hitler persönlich den Befehl zur Judenvernichtung gegeben hat. Manche argumentierten, die Endlösung sei von Beginn weg Bestandteil von Hitlers Programm gewesen – eine Selbstverständlichkeit also, die keines Befehls bedurfte. Andere meinten, dass sich die Judenpolitik der NSDAP sukzessive radikalisierte und ab 1941 im Rassenmord gipfelte, unter stillschweigender Billigung Hitlers. Beide Fraktionen stützten ihre Befunde auf Indizien, beide warfen sich lückenhafte Argumentationen vor. Der Streit füllte ganze Buchregale, doch noch immer fehlte das Dokument, das Hitler direkt mit der Judenvernichtung in Verbindung brachte.
«Archimedische Punkt»
1997 setzte ein 34-jähriger Doktorand aus Berlin dem Streit mit einem Artikel von 37 Seiten ein vorläufiges Ende. Der Text belegte anhand von Dokumenten, die der junge Forscher in osteuropäischen Archiven entdeckt hatte, dass Hitler am 12. Dezember 1941, sechs Wochen vor der Wannsee-Konferenz, 50 Reichs- und Gauleiter um sich scharte. In den Privaträumen der Reichskanzlei genehmigte Hitler das, was an verschiedenen Orten im Reich bereits begonnen hatte: die vollständige Vernichtung der europäischen Juden. Tags darauf notierte Propagandaminister Joseph Goebbels in sein Tagebuch: «Bezüglich der Juden ist der Führer entschlossen, reinen Tisch zu machen.»Viele Koryphäen waren nach der Publikation von Gerlachs Studie pikiert. Der Holocaust-Experte Götz Aly hingegen schwärmte, dass nun der «archimedische Punkt» gefunden sei, der es erlaube, die Entstehungsgeschichte des Genozids an den Juden klarer denn je nachzuzeichnen.
Wachsende Skepsis
Der Forscher heisst Christian Gerlach und ist heute 47 Jahre alt. Seit 2008 lehrt er Zeitgeschichte in globaler Perspektive an der Universität Bern. Sein Büro, eine bessere Besenkammer, befindet sich in einem schmucklosen Haus aus den 70er-Jahren. Da sitzt er jetzt und breitet die Arme aus. Sein knochentrockener Humor ist berüchtigt bei den Studenten und seine fachliche Exzellenz hochgelobt.
Christian Gerlach zählt weltweit zu den angesehensten Genozid- und Gewaltforschern. Seine Arbeit beginnt dort, wo die Zivilisation aufhört: Enteignung, Internierung, Massenvergewaltigung, Mord, organisierter Hunger, Vergasung, Versklavung, Vertreibung, Zwangsarbeit, Zwangsumsiedlung. Das hat seine Sicht auf die Welt verändert. «Man wird skeptischer», sagt Gerlach.
Soeben ist sein neues Buch «Extrem gewalttätige Gesellschaften» in deutscher Übersetzung erschienen. Das englische Original wird in den USA bereits heiss debattiert. Gerlach übt darin Kritik am Konzept des Genozids, das auf den polnisch-jüdischen Juristen Raphael Lemkin zurückgeht: Er definiert Völkermord als die Verfolgung oder Vernichtung einer rassisch, ethnisch, national oder religiös definierten Gruppe durch einen Staat oder ein Regime. Das Fazit von Christian Gerlach: So einfach ist es nicht. Massengewalt geht kaum je nur vom Staat aus, viele andere Gruppen nehmen daran teil. Massengewalt trifft selten nur eine bestimmte Gruppe, sondern wuchert nach allen Seiten aus. Und Massengewalt ist nie nur rassisch, ethnisch, national oder religiös motiviert, sondern ein Phänomen mit vielen Ursachen.
Verschiedene Mordmotive
Um dies zu beweisen, hat Gerlach Ereignisse von Massengewalt im 20. Jahrhundert untersucht. Darunter die blutige Verfolgung von Kommunisten in Indonesien rund um den Jahreswechsel 1965/66, den Konflikt um Ostpakistan/Bangladesh zwischen 1971 und 1977 und die Gewalt gegen Armenier im Osmanischen Reich in den Jahren 1915 bis 1923. Aus Verwaltungsquellen, Medien- und Augenzeugenberichten trägt Gerlach eine überwältigende Menge an Fakten zusammen, die kaum mehr einen Zweifel lässt an der Komplexität und Multikausalität von Massengewalt.
Besonders eindrücklich ist seine Darstellung des Massenmordes in Indonesien, dem zwischen Oktober 1965 und Januar 1966 rund 500 000 Menschen zum Opfer fielen. Wohl befehligte General Suharto, als er zum Putsch gegen Präsident Sukarno ansetzte, das Militär, das für zahlreiche Verhaftungen, Vertreibungen und Massaker verantwortlich ist. Auch orchestrierte Suharto den Propagandafeldzug gegen die Kommunistische Partei.
Einer vertieften Prüfung hält die These vom durch Regimekräfte organisierten Genozid indes nicht stand. Die ersten Massaker an Linken geschahen, Wochen bevor die Propaganda zur Menschenjagd blies. Überhaupt hatten die Streitkräfte bald alle Hände voll zu tun, das Morden auf den zahlreichen Inseln des Archipels in kontrollierte Bahnen zu lenken. Und nirgends war das Blutbad schlimmer als auf Bali, wo der Einfluss von Staat und Militär gering war.
Koalition der Gewalt
Wie aber kommt es zu einer so breit abgestützten Brutalität? Mit beinahe mathematischer Präzision zeigt Gerlach, dass sich Massengewalt aus sozialen und ökonomischen Problemen heraus entwickelt. Voraussetzungen sind Armut, Hunger, Inflation, Missernten, jüngere Kriegserfahrungen oder der soziale Abstieg bestimmter Bevölkerungsteile, etwa alter Eliten. Und: Je verbreiteter das Elend, desto grösser ist auch die «Koalition der Gewalt».
In Indonesien umfasste sie alle legalen Parteien sowie Hunderte Vereine. Muslime, Landbesitzer, konservative Bürokraten, Frauenorganisationen und Studenten verbündeten sich zum Massaker. Sie sekundierten dem Militär beim Morden oder organisierten es gleich selbst. Und auch wenn sich die Brutalität mehrheitlich gegen Kommunisten richtete, musste die politische Gesinnung der Opfer nicht im Vordergrund stehen. Jede Gruppe (und jede Person) hatte ihre eigenen Gründe, sich der Gewalt anzuschliessen. Manche wollten durch besondere Brutalität verhindern, dass der Kommunismus-Verdacht auf sie fiel. Andere ergriffen die Gelegenheit, ihre Geschäftskonkurrenten auszuschalten, oder ermordeten Funktionäre, damit gut bezahlte Jobs in der Verwaltung frei wurden. Die Studenten massakrierten, um das tradierte Wertesystem umzustossen, das teilweise durch die Linke gestützt wurde. Sie mordeten für ihr Recht auf Minijupes, Rock ’n’ Roll und Popkultur. Wieder anderen ging es ganz einfach um Geld, Häuser und Land.
Ein nötiges Buch
Habgier – dieses Motiv leitete auch die oftmals kurdischen Räuberbanden, die 1915 die Todesmärsche der Armenier attackierten. Eine Überlebende erinnerte sich eines Überfalls: «Sie waren nur auf Raub aus, träumten von nichts als von verstecktem Gold. Erst als sie ihre Habsucht befriedigt hatten, dachten sie daran, die Frauen zu vergewaltigen.» Manche Räuber ermordeten die Armenier und schlitzten ihnen die Bäuche auf, weil sie darin Goldstücke vermuteten. Und dann gibt es noch die Geschichte jener Frau, der ein Gendarm die Kleider vom Leib raubte, während sie sich unter den Wehen wand.
Man muss dieses Buch bisweilen weglegen und ruhen lassen. Zwar vermeidet Christian Gerlach jede Form von Dramatisierung, dennoch mutet er dem Leser, wenngleich nüchtern wissenschaftlich dosiert, bisweilen viel zu. Aber wer das Phänomen Massengewalt verstehen will, der kommt um diese 575 Seiten nicht herum. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.06.2011, 09:22 Uhr
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3 Kommentare
Im Winter 1932/33 ermordete der Sozialist/Kommunist Stalin 10 Mio Menschen. Der sogenannte Holodomor wird von vielen Ländern auch als Völkermord anerkannt. Im Buch wird das bestimmt verschwiegen. Und auch dass Mao Tse Tung 100 Mio Menschen ermordet hat. Antworten
Absolut spannender Bericht, der doch anregt, einfache Denkkonstrukte (Hitler) zu überdenken. Finde es auch richtig, mal ein anderes Beispiel als den 2. Weltkrieg zu nehmen, eben, Indonesien. Kaum jemand erinnert sich an das. Was auch noch viel zu wenig in Erinnerung gerufen wird, sind die Greueltaten der Sowjetunion, wohl aus politischen Gründen. Antworten

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