Das Universum der Nerds
Von Florian Keller. Aktualisiert am 20.08.2011 1 Kommentar
Das Cover von «JPod». (Bild: Books.ch)
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«JPod»: Das klingt wie ein neues Gadget für die digitalen Nomaden unserer Zeit. Oder wie eine iPod-Fälschung für den chinesischen Schwarzmarkt. Beides ist falsch: «JPod» heisst der neue Roman von Douglas Coupland («Generation X»). Benannt ist das Buch nach einem besonders trostlosen Winkel in der Programmierabteilung einer grossen Videospielfirma, in welcher der Roman angesiedelt ist.
Eine Schildkröte namens Jeff
Hier tippt und klickt und wuselt eine Schar von Nerds vor sich hin und erweckt dabei so gar nicht den Eindruck, als würde sie arbeiten. JPod heisst die Schmuddelecke, weil aufgrund eines Computerfehlers lauter Spieledesigner das Büro teilen, deren Name mit einem J beginnt. Jeder hat mindestens einen Knacks zu viel, aber nur einer von ihnen, der Erzähler Ethan Jarlewski, wird seine Seele dem Teufel verkaufen.
Alles fängt mit einer Schildkröte an. Ein neuer Marketingleiter mit glanzvoller Vergangenheit bei Toblerone beschliesst, dass dem Skateboardgame, das die Firma entwickelt, der Kuschelfaktor abgeht. Nun soll der kuriose Haufen aus dem JPod eine Schildkröte namens Jeff in ein Spiel einbauen, das doch für Skaterbuben gedacht ist.
Die Freizeit ist auch Arbeit
Dabei hat Ethan genügend andere Probleme: Seine Mutter hat in ihrer unterirdischen Cannabisplantage versehentlich einen Rocker per Stromschlag ins Jenseits befördert, sein schauspielernder Vater sucht dauernd Trost, weil noch seine kleinste Sprechrolle für eine Autowerbung doch wieder herausgeschnitten wird. Und dann sitzen auch noch zwei Dutzend chinesische Flüchtlinge in Ethans Wohnung, die sein Bruder dort für einen Menschenschmuggler mal eben zwischenlagern will. Man merkt schon: Es ist aberwitzig viel los in diesem komisch überdrehten Universum der Nerds.
Diese ausserberuflichen Turbulenzen stehen in scharfem Kontrast zu Ethans Büroalltag. Coupland hat ja schon früher die Arbeitswelt jener digitalen Kaste durchleuchtet, die mit ihren Programmen die unsichtbare Matrix für unseren computerisierten Alltag liefert. Das war in «Microsklaven» (1995), seinem geradezu unheimlich hellsichtigen Roman über die Untertanen aus dem Microsoft-Imperium, die in Silicon Valley ein Leben in Programmiercodes führen und sich nur vor dem Monitor so richtig aufgehoben fühlen.
Desillusionierte Protagonisten
Nimmt man den prägenden Erstling «Generation X» (1991) dazu, liest sich «JPod» wie der groteske, aber zwingende Abschluss einer Trilogie über die Inflation der Arbeit in der digitalen Dienstleistungsgesellschaft.Schon «Generation X» war ja nicht einfach ein Roman, der dem Zeitgeist ein Allzwecketikett lieferte. Das Buch war das literarische Dokument einer Weltflucht: Couplands desillusionierte Protagonisten hatten sich aus dem ökonomischen Kreislauf von Karriere und Statusdenken ausgeklinkt, um sich gemeinsam auf die älteste Währung der Menschheit zu besinnen - den Austausch von Geschichten.
Später schlug das Pendel ins andere Extrem aus: «Microsklaven» war das Tagebuch über einen Arbeitsalltag, der auf alle Bereiche des Privatlebens übergegriffen hatte. Coupland lieferte hier gewissermassen die literarische Blaupause zu jenem Phänomen, das der Soziologe Richard Sennett ein paar Jahre später im Buch «Der flexible Mensch» beschreiben sollte.
Durchsetzt mit digitalen Codes, Junkmails und anderem Textmüll
Bei den Spieledesignern in «JPod» nun durchdringen sich Arbeit und Freizeit so innig, dass sich Freizeit wie Arbeit anfühlt und umgekehrt. Simpler gesagt: Die Nerds im JPod machen idiotisches Zeug und bestreiten ihren Lebensunterhalt damit. Oder wie es Ethan auf den Punkt bringt: «Es ist die grösste Herausforderung, einen Job zu haben, ohne wirklich zu arbeiten, was wahrlich eine beachtliche Leistung ist in einer Firma, in der Produktivität am Arbeitsplatz mit praktisch jedem erdenklichen Bemessungssystem kontrolliert wird.» Die Auswüchse dieser Bürokultur kostet Coupland mit gesteigertem Papierverbrauch aus. Sein Roman ist durchsetzt mit Steckbriefen von Computerspielen, digitalen Codes, Junkmails und anderem Textmüll. Schon in «Microsklaven» platzierte er die Wörter, die sein Erzähler im Unterbewusstsein seines Computers vermutete, mit so viel Leerraum auf der Seite, als wärs konkrete Poesie.
Alberne Nerd-Rätsel, unnützes Pop-Wissen
Jetzt treibt Coupland diese typografischen Spielchen auf die Spitze: Da druckt einer seiner Protagonisten eine Liste mit 8363 Primzahlen aus, die anderen müssen die fehlerhafte Zahl finden, die er darunter versteckt hat. Im Buch sieht das dann so aus: 23 Seiten lang gibts nur Zahlen zu lesen.
Mit albernen Nerd-Rätseln wie diesem vertreiben Ethan und seine Kollegen ihre Arbeitszeit, oder sie tauschen unnützes Popwissen aus und fachsimpeln über die imaginären Unterschiede zwischen Pepsi und Coca-Cola. Man meint schon, die Stimme des Autors zu hören, wenn Ethans Büroliebe Kaitlin einmal ausruft: «Ihr seid eine deprimierende Anhäufung popkultureller Einflüsse und verkümmerter Emotionen, angetrieben vom stotternden Motor des Kapitalismus in seiner banalsten Form.» Gegen die emotionale Verkümmerung ihrer Kollegen baut Kaitlin sogar einen Hilfsapparat für den Alltag im JPod: eine Umarmungsmaschine aus Sperrholz und zwei Kinderbettmatratzen.
Satirische Gesellschaftsdiagnose
Und schliesslich spricht der 49-jährige Autor tatsächlich selbst. Coupland gönnt sich nämlich einige Auftritte im Buch, indem er immer wieder die Wege seines Erzählers kreuzt. Bei den Zeitgeistliteraten seiner Generation scheint die ironische Selbstbespiegelung ja zur Masche zu werden: Erst wurde Bret Easton Ellis in «Lunar Park» von seiner eigenen Schöpfung heimgesucht, dann liess sich Michel Houellebecq in «Karte und Gebiet» ermorden. Weil «JPod» erst fünf Jahre nach dem englischen Original auf Deutsch erscheint, wirkt Douglas Coupland nun wie ein Nachzügler, der er nicht ist.
Seine besten Bücher weisen Coupland als durchaus nachdenklichen Zeitdiagnostiker aus. Hier nun lässt er sich von einem satirischen Overdrive übertönen, der zwar grossen Spass macht, aber ohne die unheimliche Resonanz von «Microsklaven» bleibt. Dieser «JPod» schnurrt ab wie eine Konversationskomödie aus einer digitalen Vorhölle. Kein Wunder wurde das Buch in Kanada zu einer TV-Sitcom adaptiert - die jedoch mangels Quote nach einer Staffel abgesetzt wurde. Schon der Roman liest sich wie eine Sitcom für Leute, die noch nicht vergessen haben, wie man in einem Buch blättert. Oder wie einer der Nerds in «JPod» fragt: «Buch? Wir reden von Papier, Druckerschwärze und so?» Genau davon reden wir.
Douglas Coupland: JPod. Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Tropen, Stuttgart 2011. 519 S., ca. 39 Fr. (Der Bund)
Erstellt: 20.08.2011, 08:29 Uhr
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1 Kommentar
Das Buch hält einige Lacher im Ärmel bereit, doch mit der Zeit beschlich mich der Verdacht, dass etwas viel an absichtlich schrägem und (vermeintlich) die junge Generation ansprechendem in die Geschichte reingepackt wurde, das sich nicht so recht zu einer Handlung verknüpfen liess. Irgendwann auch einfach zu anstrengend. Ich hab's etwa in der Hälfte vorläufig ins Regal zurück versorgt. Antworten

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