Das Schweizer Geschichtsbuch schlechthin

Im Oktober erscheint der letzte Band des Historischen Lexikons der Schweiz. Damit kommt ein Mammutprojekt zu Ende, das insgesamt 70 Millionen gekostet haben wird. Schon jetzt ist das Lexikon komplett online.

Geschichte kann auf vielfältige Weise vermittelt werden: Das Landesmuseum in Zürich (17. Juni 2014).

Geschichte kann auf vielfältige Weise vermittelt werden: Das Landesmuseum in Zürich (17. Juni 2014). Bild: Keystone

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Die Suezkrise, der Verlauf der Fussball-WM von 1986 oder mal kurz nachschlagen, wie man Grossmutters grauen Star therapieren könnte: Seit es Wikipedia gibt, ist Wissen zu fast allen nur denkbaren Themen im Internet verfügbar. Die Vorteile des populären Onlinelexikons liegen auf der Hand: Wikipedia bietet kostenloses Lexikonwissen zu fast allen nur denkbaren Themen, – auch wenn die Qualität der einzelnen Artikel stark schwankt und gerade bei medizinischen oder juristischen Themen mit grösster Vorsicht zu geniessen ist.

Die Schwankungen in Sachen Qualität gibt es auch in den Wikipedia-Artikeln zur Schweizer Geschichte: Einige Texte sind hervorragend, so etwa derjenige zur Helvetischen Republik, zur Geschichte der Stadt Zürich oder zu Henry Dunant. Anderes hingegen lässt stark zu wünschen übrig. Wer zum Beispiel etwas über die Kinderarbeit in der Schweiz wissen will, die hierzulande erst spät reglementiert wurde, wird sich auf Wikipedia mit einigen wenigen Zeilen und einem Verweist auf den Artikel zu den Verdingkindern begnügen müssen. Anderes wiederum sucht man im grossen Gratislexikon gar vergeblich. So etwa einen Artikel zu Eduard Blocher, dem Grossvater des Alt-Bundesrates, der während der Zeit des Ersten Weltkriegs mit den Deutschen sympathisierte und sich als Publizist mit verächtlichen Äusserungen über die «Welschen» profilierte. Solche Lücken und Qualitätsschwanken haben nicht zuletzt mit dem Jekami-Prinzip von Wikipedia zu tun: Das kostenlose Lexikon ist auf die Gratisarbeit seiner Nutzer angewiesen und setzt in Sachen Qualität ganz auf die Selbstkontrolle der ehrenamtlichen Autoren – anstatt auf die Arbeit von bezahlten Experten und einer Redaktion, wie dies bei traditionellen Nachschlagewerken wie etwa dem Brockhaus der Fall ist.

Insgesamt 36'000 Artikel

Wer bei Wikipedia auf Lücken stösst oder gleich auf Anhieb verlässliches Wissen zu einem Schweizer Thema haben will, konsultiert am besten das Historische Lexikon der Schweiz, das schon heute bei vielen Wikipedia-Artikeln zu helvetischen Themen als Quelle angegeben wird: Das HLS – so die Kurzformel – ist ein Lexikon mit insgesamt 36'000 Artikeln, die in der gedruckten Ausgabe auf dreizehn dicke Bände aufgeteilt sind, von denen der letzte im kommenden Monat erscheinen wird. Verfasst wurden die Lexikoneinträge von 2500 Fachautoren, deren Arbeit von einer Redaktion und einem wissenschaftlichen Beirat koordiniert wurde. Die Qualität ist also gesichert, wenn man sich mit dem HLS über die Schlacht von Marignano, die Gründung des Schweizer Bundesstaates, die Geschichte eines einzelnen Kantons, die Neutralität oder das Frauenstimmrecht informiert.

Mit seinen Überblicksartikeln ist das zweifelsohne das wichtigste und beste Nachschlagewerk für alle, die sich zu einem Schweizer Thema informieren wollen, sei es als Schüler, Lehrer, Student, Wissenschaftler oder als historisch interessierter Laie. Das HLS ist nicht zuletzt die erste Wahl, weil es einen sehr breiten Geschichtsbegriff pflegt. So gibt es grundsätzlich zu allem einen Eintrag, was eine Vergangenheit hat. Im HLS finden wir also nicht nur einen Eintrag zu jedem Dorf und jeder Stadt, sondern auch zum Betty-Bossi-Phänomen, dem Hexenwesen, der Freikörperkultur oder der Kolonialisierung von Kanada, an der Schweizer ebenso beteiligt waren wie an der Erforschung der Antarktis. Und nicht zuletzt gibt es im HLS Kurzbiografien zu fast allen wichtigen Personen, wobei hier nur jene berücksichtig wurden, die vor 1935 geboren wurden oder bei der Drucklegung des jeweiligen Bandes Bundesrat oder ein vergleichbar wichtiges Amt bekleideten. Deshalb fehlt ein Eintrag zu Christoph Blocher, der bei der Drucklegung des zweiten Bandes noch nicht in die Landesregierung gewählt war. Dafür findet man im HLS einen Eintrag zu Eduard Blocher, der hier ebenso lexikografisch erfasst wurde wie Ueli Maurer und Moritz Leuenberger.

Selbstverständlich gibt es im HLS auch einen Nihilartikel, also einer jener erfundenen Nonsens-Einträge, die man in fast allen seriösen Lexika find. Im Pschyrembel, dem Nachschlagewerk für Mediziner und Hypochonder, ist es bekanntlich der Eintrag zu Loriots Steinlaus, und im Neuen Pauly, dem Standardwerk der Altertumswissenschaft, findet man ihn unter dem Stichwort «Apopudobalia», was eine Frühform des Fussballs gewesen sei. Das HLS hat beim wissenschaftlichen Blödeln den allerdemokratischsten Weg gewählt und einen Schreibwettbewerb lanciert. Gewonnen hat ein Artikel zu einer gewissen Marie-Thérèse Zündapp, einer feministischen Töffaktivistin, die gegen die Helmtragepflicht für Motorradfahrer rebellierte und schliesslich wegen Landfriedensbruch verurteilt wurde, weil sie an «militanten Aktionen der Arbeitsgemeinschaft Kreiselverkehr» teilnahm.

Einen Nachteil hat die Onlineversion

Das HLS gibt also allen Schweizer Vorgängen und Phänomenen eine Geschichte, selbst dem Bernhardinerhund, den man aber nur über die Volltextsuche finden kann, weil er sich im Artikel über den Grossen Sankt Bernhard versteckt. Und dies ist denn auch das Besondere am HLS, mit dem es sich von anderen traditionellen Lexika wie etwa dem Brockhaus unterscheidet: Schon bevor der erste Band des HLS in den Buchhandel kam, schaltete man den Inhalt von rund drei Bände im Internet zur kostenlosen Nutzung frei. Das geschah 1998 – drei Jahre bevor Wikipedia ins Netz ging. Dieses Online-first-Prinzip hat das HLS auch in den folgenden Jahren beibehalten: Schon heute, einen Monat vor dem Erscheinen des letzten Bandes, sind alle Artikel der gedruckten Ausgabe kostenlos verfügbar. Die Macher des HLS verstehen ihr Lexikon denn auch als «Service public» in Sachen Schweizer Geschichte.

Die einzigen Abstriche, die man als Onlinenutzer des HLS machen muss, liegen im Bereich der Abbildungen: Die Grafiken und Karten sowie die zahlreichen Fotos der gedruckten Ausgabe sind im Internet nicht verfügbar. Wer nach qualitativ hochwertigen Überblicksgrafiken zur Entwicklung des politischen Systems der Schweiz sucht oder Bundesrat Max Petitpierre im Argentinienartikel beim Tanzen mit Evita sehen will, muss hierfür zur gedruckten Ausgabe greifen, die man im Lesesaal fast jeder öffentlichen Bibliothek finden kann. Oder man erwirbt sich das Lexikon fürs heimische Bücherregal, wobei man mit rund 300 Franken pro Band rechnen muss, was für die exzellente Ausstattung aber ein durchaus angemessener Preis ist.

Laufzeit von einem Vierteljahrhundert

Der hohe Kaufpreis deutet an, dass der Aufwand für das Lexikon nicht gerade gering war: Wahrscheinlich wird das dreisprachige HLS insgesamt 70 Millionen Franken gekostet haben. Die realen Kosten wird man erst überblicken können, wenn die definitive Schlussrechnung vorliegt. Sicher ist aber schon heute, dass das HLS das bis dato teuerste geisteswissenschaftliche Projekt in der Schweizer Geschichte sein wird – bei einer Laufzeit von rund einem Vierteljahrhundert, die für die Entwicklung und Realisierung des Lexikons nötig war. Wer angesichts der hohen Kosten die Hände verwirft, hektisch mit seiner Steuerrechnung wedelt oder sonst wie über die Verschwendung von öffentlichen Geldern schimpfen will, sollte sich vergegenwärtigen, dass man mit 70 Millionen Franken gerade mal 700 Meter Autobahn bauen kann und dass es sich bei dem Lexikon um ein aufwendiges Grossprojekt handelt, das sich die Schweiz im Durchschnitt alle hundert Jahre leistet.

So etwa von 1747 bis 1765, als der Zürcher Johann Jakob Leu in einer Pioniertat sein «Allgemeines helvetisches, eydgenössisches oder schweitzerisches Lexikon» herausgab. Das HLS setzt also eine Schweizer Tradition fort. Zugleich ist das Lexikon das erste helvetische Nachschlagewerk, das alle seine Texte in die jeweiligen Landessprachen übersetzt, was bei 36'000 Artikel einen gewaltigen Übersetzungsaufwand zur Folge hatte und bei Spezialfragen extreme Schwierigkeiten bot. Zu den Ausgaben in den drei grossen Landessprachen hinzu kommt zudem noch das «Lexicon istoric retic», eine zweibändige Spezialausgabe auf Rätoromanisch, die ausschliesslich Artikel zur Bündner Geschichte enthält, so etwa zur Elektrifizierung Graubündens. Das HLS ist also nicht zuletzt ein kulturpolitisches Dokument dafür, dass sich die offizielle Schweiz auch in historiografischer Hinsicht als vielsprachige Willensnation versteht – und dafür keinen Aufwand scheut. Wem das nun zu sehr nach einem nationalen Renommierprojekt klingt, das bald veraltet, kann beschwichtigt werden: Anfang des vergangenen Jahres hat die Trägerschaft des Lexikons mit der Planung eines Nachfolgeprojekts begonnen. Ziel dieses neuen Projekts ist es, die bereits vorhandenen Texte in der elektronischen Fassung aktuell zu halten und die neuen Trends und Ergebnisse der historischen Forschung in Artikeln abzubilden.

Zugleich will man die Lexikonseite mit multimedialen Inhalten und anderen Wissensressourcen verknüpfen, so etwa mit der Dodis, der Datenbank der Diplomatischen Dokumente der Schweiz, die schon heute Videos und andere Dokumente zu bestimmten Themen ins Netz stellt. Wünschbar wäre nicht zuletzt, dass die Abbildungen aus der gedruckten Ausgabe des Lexikons auch im Internet verfügbar sind. Ob die Bebilderung, Aktualisierung und Vernetzung möglich sein wird, ist zurzeit Gegenstand von Verhandlungen mit den Verlagen und den öffentlichen Geldgebern, die in das HLS investiert haben – und hängt nicht zuletzt davon ab, ob man sich hierzulande auch in Zukunft einen Service public in Sachen Schweizer Geschichte leisten will.

Die gedruckte Ausgabe des HLS wird auf Deutsch vom Schwabe-Verlag in Basel verlegt. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 05.09.2014, 15:43 Uhr)

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