Kultur

«Bücher, über die Lehrer ihre Schüler abfragen können»

Von Martin Ebel. Aktualisiert am 18.01.2011 4 Kommentare

An ihm kommt kein Schweizer Schüler vorbei. Schon gar nicht ein Schweizer Autor. Der «Tages-Anzeiger» fragte jüngere Schriftsteller nach ihrem Verhältnis zu Max Frisch, dem Übervater.

1/6 Beobachten, Beschreiben: Darin liegt seine wahre Grösse
In der Schule bin ich seltsamerweise um Max Frisch herumgekommen, und während ich von Friedrich Dürrenmatt fast alles las, blieb es bei Frisch lange bei «Montauk» und bei «Der Mensch erscheint im Holozän». Vielleicht war es sein verkniffenes Gesicht, das mich lange daran hinderte, mehr zu lesen. Erst als sich vor vielleicht zehn Jahren eine Schulklasse bei mir meldete und mir eine lange Liste von Parallelen zwischen meiner «Agnes» und «Homo Faber» schickte, nahm ich mir vor, meine Wissenslücke zu stopfen. In kurzer Zeit las ich die wichtigsten Werke von Max Frisch – mit Respekt, aber wechselndem Vergnügen. Jedes Mal wenn ich ein neues Buch begann, war ich beeindruckt von der Dichte und der Komplexität der ersten Seiten. Aber rasch begannen sich die Themen zu wiederholen, wurden reflektiert und erklärt und noch einmal erklärt. Von Max Frischs Büchern ist mir vor allem «Montauk» lieb geblieben, dicht gefolgt von «Homo faber». «Stiller» könnte ein tolles Buch sein, wenn es halb so lang wäre. Dasselbe gilt für «Mein Name sei Gantenbein». Wenn er beobachtet, beschreibt, schätze ich Max Frisch am meisten. Darin scheint mir seine wahre Grösse zu liegen. Wenn er nachdenkt, grübelt, analysiert, fängt er schnell an, mich zu langweilen. Und doch: Müsste ich wählen, ob ich mit Dürrenmatt oder Frisch ein Wochenende verbringen dürfte, ich würde Frisch wählen. «Wozu ein Mann wie Dürrenmatt den Hörer braucht, ist mir nie ganz klar», schreibt Frisch in einer kurzen humorvoll gequälten Skizze über einen Besuch beim Dichterfreund. «Es ist köstlich, wie es bei Dürrenmatt immer köstlich ist, sobald man auf einen Dialog verzichtet.»

Peter Stamm ist 1963 geboren. Zuletzt erschien der Roman «Sieben Jahre».

   

«Was zuweilen am meisten fesselt», schreibt Max Frisch im «Tagebuch 1946– 1949», «sind die Bücher, die zum Widerspruch reizen, mindestens zum Ergänzen: – Es fallen uns hundert Dinge ein, die der Verfasser nicht einmal erwähnt, obschon sie immerzu am Wege liegen.» Bücher also, die in ihm das Gefühl wecken, es fehle ihnen noch viel – und das könne man selbst auch ganz gut, nein: besser sagen als der Autor. Eine schöne Illusion, führt Frisch den Gedanken weiter: Was uns einfällt, weil es der Autor nicht gesagt hat, fällt uns ein, eben weil wir ihn lesen. «Noch da, wo wir uns am Widerspruch entzünden, sind wir offen-bar die Empfangenden. Wir blühen aus eigenen Zweigen, aber aus der Erde eines anderen.»

So geht es vielen Schweizer Autoren, die im Lauf ihres Lese-, dann Schreiblebens mit Frischs Werken zu tun bekamen. Unberührt lassen sie keinen, wie unsere Umfrage zeigt, auch nicht ein halbes Jahrhundert nachdem sie geschrieben worden sind. Die befragten Schriftsteller, alle unter 50, haben ein Verhältnis zu Max Frisch: ein bewunderndes oder kritisches – niemals ein gleichgültiges. Dass Frisch sie beschäftigt, provoziert, gar nervt, liegt auch daran, dass seine Werke als offen betrachtet werden, nicht als «vollendet». Auch Frisch mochte das «vollendete» Buch nicht: «Es fehlt ihm die Gabe des Gebens. Es braucht uns nicht.» Frischs Bücher, das zeigt die Umfrage, werden gebraucht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2011, 14:52 Uhr

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4 Kommentare

gabriela merlini

18.01.2011, 08:30 Uhr
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Mein Name sei Mensch! Frisch verdonnert zu lebenslänglicher Haft? Danke für diese Zeilen. Die tun gut. Die zu Denken geben. Und nerven nicht selten, hm. Ähm, Herr Lenz: Rühren! Bitte. Antworten


Dante Eggenberger

18.01.2011, 17:37 Uhr
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Ich habe nach Frischs "Holozän" und "Blaubart" nie mehr jemanden gelesen, aus keinem Kulturkreis, aus keiner Zeit, der so wenige Wörter gebraucht wie Frisch, und bei dem man bei jedem einzelnen Wort spürt, dass es bewusst gesetzt ist und genau dorthin gehört, wo es ist. Niemanden, der ein Wort setzt oder zwei, und man weiss haargenau, was gemeint ist. Die allerhöchte und tiefste Dichterkunst. Antworten




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