Bern, die Stadt der Spione
Von Alexander Sury. Aktualisiert am 17.02.2010
Stichworte
Das Buch
Peter Kamber: Geheime Agentin. Historischer Roman, Basisdruck, Berlin, 2010. 1385 S., Fr. 58.40. Der Autor liest morgen in der Münstergass-Buchhandlung. Ab 18 Uhr steht er für Gespräche zur Verfügung, die Lesung beginnt um 20 Uhr.
Wir wissen es alle: Die Schweiz wurde 1939–1945 vom Krieg verschont. Der neutrale Kleinstaat war an der «Türschwelle des Dritten Reichs» gleichzeitig Schauplatz eines erbittert geführten Geheimkrieges der Spionagedienste.Auch die Schweiz war in dieser Welt zwischen Schein und Sein ein Akteur, der mit anderen Nachrichtendiensten zusammenarbeitete. «In diesem Krieg geht es wie in jedem Krieg darum, wer diesen Geheimkrieg gewinnt.» General Hans Oster spricht im Roman diese Worte im Beisein seines Vorgesetzten Admiral Canaris aus. Die Militäropposition gegen Hitler war in einem Dilemma: Sie musste gleichzeitig Sabotage und «reibungslose Arbeit» leisten. Schauplatz ist die Zentrale des militärischen Geheimdienstes südlich von Berlin. Oster und Canaris werden nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 als Mitverschwörer gehängt. Damit ist die Rivalität der Geheimdienste zugunsten der SS entschieden.
Gisevius, Roessler, Wiskemann
Entkommen kann dafür ein anderer Mitverschwörer, der nach dem 20. Juli untertaucht und Anfang 1945 mit einem gefälschten Gestapo-Ausweis in die Schweiz flüchtet. Sein Name: Hans Bernd Gisevius (1904–1974). Er ist eine der drei Hauptfiguren im breit angelegten Roman des 56-jährigen Schweizer Historikers und Buchautors Peter Kamber. Gisevius war während des Krieges offiziell im Deutschen Generalkonsulat in Zürich als Abwehrbeauftragter tätig; in Tat und Wahrheit versuchte der ehemalige deutschnationale Politiker, der anfangs dem Regime loyal gedient hatte, als Abgesandter der Militäropposition im «Warteraum Europas und Jagdrevier der Spione aller Nationen» Kontakte zu den Alliierten zu knüpfen.
Mit brisanten Informationen versorgte er den ausgebürgerten Deutschen Rudolf Roessler (1897–1958) – die zweite Hauptfigur –, der in Luzern einen Verlag betrieb und über eine kommunistische Gruppe in Genf geheimes Material aus dem innersten Zirkel der Wehrmacht nach Moskau funkte – ehe ein «Romeo»-Spitzel auftauchte.
Gisevius versuchte auch Elisabeth Wiskemann (1899–1971) – die Titelfigur – von seiner Mission zu überzeugen. Die Journalistin war in der britischen Gesandtschaft als Presseattaché akkreditiert; aktiv war sie allerdings vor allem als Agentin mit «schwarzer Propaganda» gegen Nazideutschland. Gisevius gegenüber blieb sie wegen des «Venlo-Zwischenfalls» skeptisch. Am 9. November 1939 hatte ein Kommando unter SA-Auslandsdienstchef Walter Schellenberg im holländischen Grenzort Venlo zwei britische Agenten entführt, die glaubten, mit vermeintlichen Hitler-Gegnern in Kontakt zu stehen. Seither standen für alliierte Geheimdienste hitlerfeindliche Signale unter dem Verdacht, eine Finte der SS zu sein.
Diese komplexe Welt der Geheimdienste, in der Lüge, Täuschung und Verstellung zum Grundhandwerk gehören – diese Welt der Spione hatte in Bern eine der wichtigsten Bühnen während des Krieges. Der Thunplatz, in dessen Nähe die meisten Botschaften ihren Sitz hatten, die Herrengasse 23, wo ab Ende 1942 Allan Dulles als «Sonderbeauftragter» den amerikanischen Geheimdienst und CIA-Vorläufer OSS reorganisierte, und dem Hotel Bellevue, wo die Kontrahenten lauernd Tisch an Tisch sassen: Diese drei Eckpunkte bildeten ein magisches Geheimdienstdreieck.
Glücksritter und Lockvögel
Dieses mitunter lukrative Spiel zog unweigerlich windige Glücksritter an. So etwa den in der Schweiz aufgewachsenen Deutschen Emil Knüttel, der als Kopf eines Spionagerings einen weiblichen Lockvogel auf den für seine feuchtfröhlichen Nächte im Bellevue stadtbekannten Gesandten Uruguays ansetzte und einen Narkoseanschlag plante; oder Hasardeure wie Walter Bosshard, der für viel Geld fiktive Berichte für die deutsche Abwehr verfasste; oder verkrachte Existenzen wie den in der US-Botschaft arbeitenden Bürodiener Jakob Fürst, der von einem deutschen Spionagering angeworben wurde und Schreibmaschinendurchschläge sowie den Inhalt von Papierkörben weitergab. Dank Fürst waren die Deutschen in Besitz des Klartextes von chiffriert in die USA gefunkten Meldungen gekommen.
Der «Kleine Bund» veröffentlichte bereits 2003 zwei Serien von Peter Kamber mit Episoden und Figuren, die einem nun auch im Roman begegnen. So zum Beispiel der Geheimdienstmann Ernst Mörgeli – offiziell Sekretär des Konsuls in Stuttgart, später langjähriger Sprecher des Militärdepartements –, der 1942 von der Gestapo verhaftet und Monate später nach deutsch-schweizerischen Geheimverhandlungen freigelassen wurde. Oder die Geschichte der Jagd von Allan Dulles auf die Tagebücher von Graf Ciano, des italienischen Aussenministers und Schwiegersohns von Mussolini.
Ein Epos ohne langen Atem
Wie lässt sich so ein Labyrinth voller Desinformation und Gerüchte formal abbilden, ohne dass der Leser darin die Übersicht verliert und schliesslich erschöpft die Buchdeckel vorzeitig zuklappt? «Den Fiktionen der Geheimdienstmächte ist gleichberechtigt nur mit der Gegen-Fiktion des Romans beizukommen», sagt der Autor.
Mit den ersten Recherchen und Vorarbeiten für das gewichtige, 1400 Seiten umfassende Opus hat Peter Kamber, der 1993 das Buch «Schüsse auf die Befreier» über die Haltung der Schweiz gegenüber den Alliierten im Zweiten Weltkrieg publiziert hatte, bereits im Spätsommer 1997 begonnen. Er wertete in der Folge Akten des Nachrichtendienstes, der Bundesanwaltschaft und der Militärjustiz aus und setzte später seine Archivarbeit in Berlin fort: eine unbestritten imponierende, von detektivischem Spürsinn und bewundernswerter Ausdauer zeugende Leistung. Auf einer eigens eingerichteten Website (www.geheimeagentin.de») macht Kamber das umfangreiche Quellenmaterial und Hintergrundinformationen zugänglich. «Dieser Roman ist der Versuch», notiert er auf der Website, «für drei Hauptfiguren und über dreissig Nebenfiguren für die Jahre 1939–1945 das Projekt einer Kollektivbiografie zu wagen.»
Das Sachbuch verwirft Peter Kamber wegen der «Komplexität der Lebenszusammenhänge». Der Roman könne zumindest den Versuch wagen, ein «Zeitbild» zu entwerfen. Ein beträchtliches Wagnis stellt dieser ausufernde Roman mit kaum mehr überblickbarem Personal und Dutzenden von ineinander verschachtelten, parallelen Handlungssträngen ohne Zweifel dar. Der riesige Umfang des Manuskripts liess renommierte Verlage aus verständlichen Gründen zurückschrecken; schliesslich hat ein kleiner, auf historische Themen spezialisierter Verlag in Ostberlin das Buch jetzt herausgebracht.
Gegen Peter Kambers Methode der «Micro-Fiktion», nämlich der Freiheit, die Figuren so zu zeigen und sprechen zu lassen, wie sie nach der dokumentarischen Arbeit für den Autor Gestalt annehmen, ist an sich nichts einzuwenden. Kamber jedoch erteilt jeder Beschränkung eine Absage und will im Geiste der grossen realistischen Epiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein detailverliebtes Panorama von grösstmöglicher Totalität entwerfen. So treten Churchill und die ganze NS-Führungsriege von Hitler über Goebbels, Himmler und Heydrich bis zu mittleren Chargen immer wieder als romaneske Figuren auf. So nimmt – um ein Beispiel zu nennen – der Weg von Reichspressechef Otto Dietrich vom ergebenen Gefolgsmann Hitlers bis zum (späten) Befehlsverweigerer unverständlich viel Raum ein. Das Attentat vom 20. Juli wird wiederum in aller Ausführlichkeit rekapituliert, als ob die Chronologie des gescheiterten Putschversuchs so noch nie zu lesen gewesen wäre.
Historiker siegt über Romancier
Dieser Drang, von der Berliner Reichskanzlei bis ins «Deutsche Heim» am Helvetiaplatz als auktorialer Erzähler omnipräsent zu sein, fordert seinen Preis: Die drei Hauptfiguren verschwinden zuweilen während Dutzenden von Seiten von der Bildfläche und lassen in diesem «Ensemblefilm» die notwendigen Konturen vermissen, um in einem reich bevölkerten Tableau bestehen zu können. Straffungen in den teils ausufernden Dialogen, eine erhebliche Reduktion des Personals und vor allem eine weitgehende Konzentration auf Schweizer Schauplätze wären unerlässlich gewesen. Die vielfachen Spiegelungen des Geheimkrieges im «heissen» Krieg hätte Kamber auch mit klugen Verdichtungen und Andeutungen erreichen können. Aber der Stolz des Historikers, der viele bislang unerforschte Akten auswertete und so neue Zusammenhänge erschliessen konnte, siegte leider über die Erzählökonomie des Romanciers.
Der Autor strebt ein Panorama von grösstmöglicher Totalität an.
Eine noble Adresse: An der Herrengasse 23 residierte von 1942–1945 der US-Geheimdienstchef Allan Dulles. Foto: Adrian Moser (Der Bund)
Erstellt: 17.02.2010, 10:08 Uhr

















