Aus dem Leben eines Taugenichts
Von Alexander Sury. Aktualisiert am 22.05.2011 1 Kommentar
Wenn eine Mutter auf die Pubertätsphase ihres Sohnes zurückblickt und als einzige Schwierigkeit dessen «unerschütterlichen Ernst und ein fast demonstratives Warten auf Stühlen, Bänken und Simsen» erinnert, dann darf sie sich wohl glücklich schätzen. Julius war ein ernstes Kind, behütet wuchs es vor den Toren der Stadt auf, die Eltern waren fast immer eifrig im Garten tätig, diesem kleinen Paradies in Pastellfarben.
Ein Stubenhocker war er, der gerne Zeitung und Romane las und sich, eingesponnen in einen unsichtbaren Kokon, trotz seiner Aussenseiterrolle selber genügte: «Er freute sich, Julius zu sein.» Und auch sein Name gefiel ihm, «ein schöner Name, klassisch und modern, sowohl als auch». Sein bester Freund Martin, ein quirliger Bewegungsmensch, zog in der sechsten Klasse weg. Noch als Maturanden konnte man den badenden Jüngling beobachten, wie er «im knietiefen Becken für Kinder eine Weile auf- und abschwamm». Diesem reinen Toren wird der Garten der Eltern schliesslich doch zu eng, er erlebt den Sonnenaufgang auf einer Anhöhe und folgt seinem lebenstüchtigen Jugendfreund Martin absichtslos in eine Wohngemeinschaft in die nahe Stadt, die Bern sein könnte.
Schwebend und erleuchtet
Wir sind wieder mitten in der romantisch-traumhaften Welt des 28-jährigen Berner Autors Christian Zehnder. Mit seinem Erstling «Gustavs Traum», in dem eine sonderbare Familie eine seltsam zeitlos wirkende Stadt durchwanderte, brachte der studierte Slawist, der auch Literatur aus dem Russischen und dem Polnischen übersetzt, die Kritik vor drei Jahren gehörig ins Grübeln. Ein Wunderkind betrat die literarische Bühne in der Rolle eines hochbegabten Epigonen. War dieser «Retro-Ästhetizismus» eine brillant-verspielte Imitation literarischer Vorbilder, oder war die Beschwörung eines romantischen Lebensgefühls und der fast karikierend manieristische, an Stifter, Eichendorff und Handke erinnernde Stil tatsächlich ernst gemeint?
Gleich der erste Satz in diesem schmalen Roman führt das schwebende Lebensgefühl des Protagonisten in einem einprägsamen Bild vor Augen: «Julius fuhr in eine weite Flussbiegung, der Zug neigte sich beinahe über das Wasser. Den Passagieren schien vom Hügelland auf der anderen Seite des Flusses die Abendsonne ins Gesicht, und trotzdem schliefen die meisten, überrascht von der Wärme des Tages, vom Leuchten der Landschaft, das am Morgen noch der weisse, dünn ausgestreute Schein des Winters gewesen war.» Es ist die magische blaue Stunde zwischen schwindendem Tag und Einbruch der Dunkelheit, von der sich Julius angezogen fühlt, von dieser befreienden Aufhebung der Grenzen in der Dämmerung, überhaupt von diesen erhabenen Stimmungstableaux aus Licht und Schatten, die sich leitmotivisch (und mitunter etwas aufdringlich) durch den ganzen Roman ziehen.
Hellwacher Schlafwandler
In der Stadt verzaubert Julius seinen Alltag. Er lebt ziellos in den Tag hinein, spielt unten im Hof mit Kindern, schreibt für Martin, der schnell eine Gefährtin findet, nebenbei dessen Seminararbeiten. Ihre Freundschaft ist Verbundenheit, die keiner Worte bedarf: «Sie verharrten verwundert vor dem Kühlschrank, auf den Zwischenstockwerken im Treppenhaus, an der lauwarmen Luft auf dem Balkon.» Dem Selbstgenügsamen widerfahren erste Begegnungen mit dem anderen Geschlecht: «Er machte ohne zu überlegen Dinge, die er auf der Strasse bei Verliebten beobachtet hatte.» Ein Mädchen erhält auf die Frage, warum er sie denn nicht küsse, die Antwort: «Vielleicht ist es eben wirklich nicht das Vernünftigste.» Die Liebe trifft ihn dann in der Gestalt der kühlen Jadwiga, die aus dem Osten kommt und eine Lehre in einem Geschenkladen macht. Er hatte sie im Bus erblickt und später nach ziellosen Wanderungen durch die Stadt zufällig wieder getroffen. Er wirbt um sie, allein: «Die Herbstspaziergänge endeten jeweils herzzerreissend nüchtern.»
Christian Zehnder führt seinen zartbesaiteten Antihelden am Ende wieder mit Jadwiga zusammen, dazwischen lernt er an seiner ersten Arbeitsstelle als Übersetzer Caroline kennen, deren «Erwachsenheit» ihn anzieht. Die scheinbar perfekte Harmonie ist jedoch nicht lebbar, Julius flieht ins Elternhaus, doch dieses Refugium hat endgültig ausgedient, die Mutter «richtete den Gartenschlauch über ihm in die Luft, so dass es noch zarter als in der Nacht auf ihn hinabregnete». Er nimmt Adalbert Stifters «Nachsommer» aus dem Regal, liest auf dem Weg zurück in die Stadt eine Passage, die ihm auf seinem Bildungs- und Entwicklungsparcours den Weg ins Freie weist: «Oft, wenn ich durch wildes Gestrüpp plötzlich auf einen freien Abriss kam, und mir die Abendröte entgegenschlug, so setzte ich mich nieder, liess das Feuerwerk vor mir verglimmen, und es kamen allerlei Gefühle in mein Herz.» Die Julius zu erdrücken drohende Innerlichkeit drängt zum Ausbruch. In der Stadt erblickt er – beim Bahnhof unter dem Baldachin – Jadwiga und folgt ihr unter «blassblauem Himmel» in der Dämmerung unter einen Autobahnviadukt. Kein Naturidyll, sondern brausender Verkehrslärm inmitten unwirtlicher urbaner Asphaltlandschaft dient als Kulisse für ein ironisch gebrochenes Happy End. Wird der hellwache Schlafwandler Julius mit und dank Jadwiga am Ende einer von obligaten Irrungen und Wirrungen begleiteten «education sentimentale» glücklich in der Realität ankommen?
Aufbruch eines Unbeirrten
Unzeitgemäss sind Erzählstil und Ton, irritierend ist der gleichzeitig unschuldige und ahnungsvoll melancholische Blick des jungen Mannes auf die Welt. Sogar im Weinen pflegt er einen unverwechselbaren Stil: «Er lief geradeaus, die Hände in den Hosentaschen, das Gesicht schief nach oben, und hielt seine Tränen in die leichte Zugluft des Flurs.» Diese «zutiefst wirkliche und zugleich unwirkliche Geschichte» (Christian Zehnder) mit einem Protagonisten, der weder Wut, Lust an der Rebellion noch Ehrgeiz oder Zukunftsangst zu kennen scheint, hinterlässt bei der Lektüre eine nicht unangenehme Ratlosigkeit. Julius bewahrt sein Geheimnis. Offen bleibt denn auch, ob in dieser Geschichte von Abschied und Aufbruch Julius in der Erwachsenenwelt den kindlichen Ernst und die Fähigkeit zum Staunen bewahren wird.
Allein, der Leser spürt eine Unbeirrtheit, die diesen sanften Jüngling bis zum Schluss nicht verlässt. Unbeirrt bleibt sich auch Christian Zehnder in seinem zweiten Prosawerk treu. Wie er diese Adoleszenzgeschichte, die ohne viel Handlung auskommt, raffiniert und doch weitgehend unangestrengt mit einem dichten Symbolgeflecht verwebt, zeugt von grossem Können. Der 28-jähriger Berner ist hoch talentiert, zweifellos, er hat einen eigenen Ton und nichts gemein mit «engagierter», möglichst direkt auf die Gegenwart abzielende Literatur. Vielleicht macht gerade diese kalkulierte Antiquiertheit seiner Prosa seine Zeitgenossenschaft als Autor aus.
Christian Zehnder: Julius. Roman. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2011. 118 Seiten, 15.10 Fr. (Der Bund)
Erstellt: 22.05.2011, 15:46 Uhr
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1 Kommentar
Schrecklich -- Kommentar wie Artikel. Klar, dass sich die beiden Autoren in ihren Texten treffen; mariniert sind beide. Mariniert und gestelzt. Und von einer kaum zu übertreffenden Banalität. Da möchte man doch vor Wurt "grazil in den silbrigen Abend tänzeln" oder aber "weinend durch den Regen schreiten, der fast so sanft wie die Nacht auf unsere heilignüchterne Haut tropft". Antworten

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