Am Topf mit dem Turbo im Kopf
Von Paul Imhof. Aktualisiert am 18.06.2011 1 Kommentar
Das Buch
Charles Héritier-Debons: Speed Cooking – eilige Männer am Herd. Eigenverlag. 152 S. Französisch oder Deutsch. Preis: 20 Fr. plus 5 Fr. Porto.
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Die Menge der Kochbücher zu bestimmten Themen oder an bestimmte Adressaten ist kaum mehr komplett eruierbar – es sind zu viele. Und nun auch noch das: «Speed Cooking» – Turbo-Küche für eilige Männer am Herd. Der Autor, Charles Héritier-Debons, Übersetzer und Künstler in Zürich, hat 101 Rezepte zusammengestellt, die er selbst erprobt und so vereinfacht hat, dass er möglichst kurze Zeit in der Küche stehen muss, aber trotzdem gut essen und stilvoll eine Runde Freunde bewirten kann.
Mehr Männerhaushalte
«Schluss mit den Ravioli, die in aller Eile kalt über dem Spülbecken verschlungen werden!», schreibt er, «fertig mit Sandwiches, die im Treppenhaus runtergewürgt werden!», und ruft zur Verweigerung von Fertiggerichten und Lieferdiensten auf. Héritier-Debons wendet sich an Männer, denen das Essen nicht ganz wurscht ist, die aber auch nicht zu Hobbyköchen mutieren wollen; und an Single-Männer, die der täglichen Versuchung ausgesetzt sind, nach Art ihrer Urahnen in Höhlen zu hausen und den Bedürfnissen nachzugeben, wenn sie sich melden. «Die Mehrheit der single lebenden Männer futtert egal was, egal wie und egal wo», schreibt Héritier-Debons.
Zudem werde jeder vierte Haushalt in der Schweiz von einem alleinlebenden Mann geführt. Frauen schliesst Héritier-Debons nicht explizit aus, begrüsst sie aber auch nicht überschwänglich. «Dabei gibt es sicherlich clevere Girls, die diesem Lifestyle entsprechen und uns gewisse Rezepte, ohne mit der Wimper zu zucken, klauen. Sie sind willkommen. Aber hier gibts weder Kalorienarmut noch Hungerkuren. Rahm bleibt Rahm.» Und dies nicht zu knapp.
101 schnelle Rezepte
Doch wie speedy ist denn nun das Ganze? Und hält sich der Aufwand in Grenzen, wie der Autor verspricht? Meistens, aber nicht immer, zum Beispiel ist ein Gericht wie Schweinsgeschnetzeltes mit süsssaurer Sauce wohl kaum in 15 Minuten zu schaffen. «Oh doch», beteuert er, «aber man muss sich bei der Zubereitung strikt an die Reihenfolge halten.» So, wie er es, quasi mit der Stoppuhr in der Hand, ausprobiert und aufgeschrieben hat.
Erste Voraussetzung für ein bisschen Selbstständigkeit ist ein kleiner Vorrat an Lebensmitteln. Mir reichen Risottoreis (Aquarello Carnaroli), Pasta (am liebsten Spaghettini), eine Knoblauchknolle und zwei, drei Zwiebeln, Bouillon, eine Dose Tomaten (gewürfelt), ein Stück Sbrinz oder Parmesan, eine gut bestückte Gewürzpalette. Damit kann ich bereits zwei Risottovariationen kochen (einmal mit, einmal ohne Safran) und drei Spaghettiteller (Napoli, Aglio e Olio, leichte Käse-BouillonSauce).
Weit gesteckter Horizont
Aber Héritier-Debons tritt mit 101 Rezepten auf, und diese Zahl und die Verschiedenheit der Gerichte schaffen andere Voraussetzungen. Seine Vorratsliste umfasst so viele Produkte, wie sie nicht einmal für eine vierköpfige Familie üblich sind. Macht nichts, es können sich sowieso nicht alle eine Packung Reis der Sorten Carnaroli, Arborio und Basmati leisten. Der Autor präsentiert Listen mit Produkten von Migros und Coop, damit man bequem online einkaufen kann. Die Listen sind ausgesprochen assortiert, inklusive Tiefgekühltem und Convenience Food von Anna’s Best bis Hero Rösti. Man müsse ja nicht gleich alles bestellen, sagt der Autor, «zu viele Ingredienzen mag ich sowieso nicht».
Der Horizont der Rezepte ist weit gesteckt, von Hausmannskost bis Rindsgeschnetzeltem mit Sechuangemüse. Eine Sammlung bewährter, beliebter Gerichte aus der ganzen Welt, zurechtgestutzt auf das Wesentliche – speedy sollen sie sein. Bei einigen Rezepten ist der Aufwand tatsächlich gering, vor allem bei Pasta und Salat, andere verlangen mehr Zutaten und vielleicht auch mehr Zeit, etwa gebratenes Poulet mit Country Fries und Karotten – doch solche Gerichte kocht der Autor bereits am Mittag und programmiert dann den Ofen so, dass man abends eine warme Mahlzeit geniessen kann.
Unkonventionell und empirisch
«Hier kommt die Basse Cuisine», witzelt er über seine Rezepte, «meine unkonventionelle, empirische Art zu kochen wird garantiert der Küchengilde die Haare zu Berge stehen lassen. Doch heutzutage kann ein armer Dilettant wie ich nicht den ganzen Nachmittag damit zubringen, Saucen anzurühren und wehrlosen Radieschen das Muster von Sanktgaller Spitze zu verpassen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.06.2011, 19:45 Uhr
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1 Kommentar
Locker und humorvoll geschriebener Artikel, dessen Stil demjenigen des Kochbuchs entspricht. Die Headline "Top mit Turbo im Kopf" drückt bereits aus, worum es sich handelt. Da aber ein gutes - wenn auch turbomässig - zubereitetes Essen ein passenden Tropfen erheischt, hätte man gern zwecks Vollständigkeit einige Weinempfehlungen des Chef de cuisine mit Preis-/Qualitätsbewertung gehabt. Antworten

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