Kultur
Am Anfang stand die Nakba – was am Ende steht, ist unabsehbar
Von Claudia Kühner. Aktualisiert am 23.04.2012 77 Kommentare
Schnieper, Marlène, «Nakba - die offene Wunde», Rotpunktverlag, Zürich, 380 Seiten, ISBN 978-3-85869-444-7.
Nakba - die offene Wunde
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Buchinformation
Marlène Schnieper: Nakba, die offene Wunde. Die Vertreibung der Palästinenser 1948 und die Folgen. Rotpunkt, Zürich 2012. 380 S., ca. 36 Fr.
Sari Nusseibeh: Ein Staat für Palästina? Plädoyer für eine Zivilgesellschaft in Nahost. Kunstmann, München 2012. 207 S., ca. 25 Fr.
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Es gilt eigentlich immer, aber im Nahostkonflikt vielleicht noch mehr: Ohne Kenntnis der historischen Ursprünge sind aktuelle Konflikte nicht zu verstehen. In ihrem gründlich recherchierten Buch geht Marlène Schnieper, 2006 bis 2008 Korrespondentin des «Tages-Anzeigers» in Tel Aviv, den Jahren der Staatsgründung Israels und der damit einhergehenden Vertreibung von 750'000 Palästinensern nach. Was für die Zionisten die Erfüllung von Theodor Herzls Vision war – ein Staat für die verfolgten Juden –, wurde für die Bewohner Palästinas die Nakba, die «Katastrophe».
1947 hatte die UNO-Vollversammlung die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen palästinensischen Staat beschlossen. Die Juden begrüssten den Beschluss, die arabische Seite lehnte ihn ab, in einer verhängnisvollen Fehleinschätzung der Kräfteverhältnisse. Im Mai 1948 rief David Ben Gurion den jüdischen Staat aus, 1949 endete der Gründungskrieg mit erheblichen israelischen Gebietseroberungen. Nun sassen die Israelis auf 78 Prozent des umstrittenen Landes.
Detailliert beschreibt Marlène Schnieper die Kriegshandlungen, die in Flucht und Vertreibung endeten, die Gräueltaten, den Raub an palästinensischem Eigentum. Die Kenntnis darüber und die Zertrümmerung vieler Mythen verdankt sich den «neuen Historikern» aus Israel, die ab den 1980er-Jahren mit neuen Quellen arbeiten konnten. So weiss man heute, dass die Palästinenser im Wesentlichen vertrieben wurden oder aus Angst flohen. Die arabischen Armeen, die 1948 angriffen, waren nicht die überwältigende Übermacht, gegen die sich der kleine David heroisch wehrte. Die jüdischen Streitkräfte waren zahlenmässig bald überlegen, von ihrem Kampfgeist nicht zu sprechen.
500 Dörfer zerstört
Die Autorin zieht auch palästinensische Historiker bei. Einen noch gewichtigeren Teil nehmen aber die Gespräche mit palästinensischen Zeitzeugen und ihren Nachkommen ein. Die Recherchen nahm sie in ihrer Nachbarschaft in Tel Avivs «Stadtteil» Jaffa auf, beliebt bei Touristen und als Wohngebiet betuchter jüdischer Israelis. Jaffa aber war eine arabische Stadt gewesen, wo erste menschliche Zeugnisse bis 3500 v. Chr. zurückreichen, während Tel Aviv erst 1909 gegründet wurde. Die Bewohner Jaffas wurden mehrheitlich vertrieben wie die Palästinenser aus anderen Siedlungsgebieten, vor allem in Galiläa. Dort wurden 500 ihrer Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Auch dem Rest des Landes versuchten die Israelis endgültig einen jüdischen Charakter zu verleihen und zu verhindern, dass die Flüchtlinge zurückkehren konnten. In Jaffa stösst man noch auf viele Spuren. In den Gesprächen bekommen die Opfer ein Gesicht, die Geschichte erhält eine Stimme.
Marlène Schnieper berichtet auch über Raub und Plünderungen palästinensischen Besitzes. So freute sich auch die Nationalbibliothek in Jerusalem über die 30'000 arabischen Bücher, die ihr nun «in die Hände gefallen» waren.
Aus Angst vor den Konsequenzen hat Israel das Unrecht jener Zeit nie anerkannt – ob dies ein Recht auf Rückkehr bedeute oder einen Anspruch auf Entschädigung. Die Urangst aber ist, ob das zionistische Projekt nicht als Ganzes infrage gestellt würde. So erklärt sich auch, dass die Verhandlungen nie zum Ziel des friedlichen Ausgleichs geführt haben und die Palästinenser die Nakba präsent halten bis heute. Wer das Buch liest, versteht diese Zusammenhänge besser. Zuversicht vermittelt es nicht, dass sich doch noch etwas zum Guten wenden könnte.
Kein Staat, aber Rechte
Zu den Gesprächspartnern von Marlène Schnieper gehörte auch der Ostjerusalemer Philosophieprofessor und Uni-Präsident Sari Nusseibeh, Abkömmling der palästinensischen Oberschicht. Seit Jahrzehnten bemüht er sich mit israelischen Gesinnungsgenossen um eine Friedensregelung. Heute meint er, dass es für eine Zweistaatenlösung zu spät sei. Was er sich stattdessen vorstellt, hat er nun in einem kleinen Buch niedergeschrieben. Damit steht es sozusagen am anderen Ende der Nakba.
Erörtern immer mehr palästinensische Intellektuelle eine «Einstaatenlösung», sieht es Nusseibeh anders. Gehen sie von einem demokratisch verfassten binationalen Staat aus (in welchem Nichtjuden in absehbarer Zeit die Mehrheit hätten), plädiert Nusseibeh für eine «Zwischenlösung». Sie könnte so aussehen, dass Israel die besetzten Gebiete annektiert (was es bisher vermieden hat, eben um deren Bewohnern nicht einen quasi-israelischen Status geben zu müssen). Den Palästinensern soll Israel dann die bürgerlichen, aber nicht die politischen Rechte (also das Wahlrecht) gewähren. So wäre der Staat jüdisch, worauf die Israelis ja immer stärker beharren, der Boden aber binational. Damit, so meint Nusseibeh, würde es den Menschen immerhin besser gehen als unter dem Besatzungsregime.
Dies ist sicher ein reizvolles Gedankenexperiment. Doch es ist kaum vorstellbar, welche Mehrheit unter Juden wie Palästinensern dafür gewonnen werden könnte. Die einen verlieren zu viel und die anderen gewinnen zu wenig. Auch Nusseibeh weiss um die Schwierigkeiten seines Konstrukts; er hält es nicht für gut – aber doch für besser als jede andere «Lösung».
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.04.2012, 11:36 Uhr
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77 Kommentare
Als der Staat Israel gegründet wurde, fanden zwei menschliche Tragödien statt: Die eine war die Entwurzelung der jüdischen Gemeinden, die seit Jahrtausenden in arabischen Ländern existierten; und die andere war die von Arabern 1948 erlittene „Nakba“. Heute spricht man jedoch nur von der einen Tragödie, die andere wird unter den Tisch gekehrt. Weshalb? Antworten
Jaffa, arabische Stadt? Richtig, es gibt nämlich kein palästinensisches Volk. Die Frage ist aber, seit wann gibt's Araber, seit wann Juden?
Hat sie auch recherchiert, was ab 1948 mit den Juden, die seit mehreren hundert Jahren, in Marokko, Tunesien, Ägypten, Jemen etc. lebten, passierte? Diese mussten fluchtartig ihre Heimat verlassen. Wird über deren Rückkehrrecht verhandelt?
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