Kultur

«Als Schriftsteller braucht man Grössenwahn und Selbstkritik»

Von Lukas Meyer-Marsilius. Aktualisiert am 24.04.2012

Matthias Nawrat gehört zu den ersten Abgängern des Schweizer Literaturinstituts, eben veröffentlichte er seinen ersten Roman. Im Interview sagt er, ob man Schreiben an der Hochschule lernen kann.

1/5 «Man braucht Themen, die unbedingt raus wollen und einen gewissen Druck erzeugen»: Autor Nawrat.

   

Nawrat, Matthias, «Wir zwei allein», Nagel & Kimche, 184 Seiten, CHF 28.90, ISBN 978-3-312-00497-3.

Wir zwei allein

Zur Person

Matthias Nawrat wurde 1979 in Polen geboren und kam im Alter von zehn Jahren nach Deutschland. In Freiburg im Breisgau studierte er Biologie. Er arbeitet als freier Journalist und Autor und schliesst diesen Sommer sein Studium am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel ab. «Wir zwei allein» ist sein Debütroman, für den er bereits verschiedene Preise und Auszeichnungen erhielt.

Das Schweizer Literaturinstitut

Das Schweizer Literaturinstitut in Biel wurde 2006 gegründet und gehört zur Hochschule der Künste Bern (HKB). Jährlich werden 15 Leute in den Bachelor-Studiengang «Literarisches Schreiben» aufgenommen. Neben anderen haben auch Dorothée Elmiger und Arno Camenisch ein Diplom des Instituts erworben.

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Matthias Nawrat, Sie schliessen bald Ihren Bachelor in Literarischem Schreiben ab. Ihr erster Roman «Wir zwei allein» ist kürzlich erschienen. Wie ist es für Sie jetzt, über das Buch zu sprechen und Rezensionen zu lesen?
Das ist schwierig. Ich habe das Buch im November abgeschlossen und aus der Hand gegeben. Damit hat es den Anschluss ans Schöpferische verloren. Ich schaue jetzt aus einer gewissen Distanz darauf. Es ist ein neuer Prozess, in dem ich als Schriftsteller eine ganz andere Figur bin als beim Schreiben, ich muss auf einem Parkett tanzen, auf dem ich mich nicht so gut auskenne.

Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden?
Nein, eigentlich nicht. Aber als ich mit 10 nach Deutschland kam, musste ich ganz neu Deutsch lernen, und ich hatte immer Spass an der Sprache. Mit 14 habe ich mit einem Freund einen Roman begonnen. Wir fanden Stephen King toll und wollten einen Horrorroman schreiben. Nach 70 Seiten haben wir aber abgebrochen. Der explizite Wunsch, Schriftsteller zu werden, kam erst, als ich anfing, Biologie zu studieren. Um der objektivierenden Sprache der Naturwissenschaft etwas entgegenzusetzen, habe ich angefangen, intensiver an meinen sonst schnell versandenden Texten zu arbeiten.

Zunächst haben Sie das Biologie-Studium abgeschlossen und als Journalist gearbeitet.
Genau. Ich habe eine Weile auch anderes ausprobiert, mehr Philosophie und Geschichte studiert als Biologie, mich dann aber doch zum Abschluss durchgerungen und angefangen, als Journalist zu arbeiten, was ich heute noch mache.

Wie kam die Entscheidung zustande, ans Literaturinstitut zu gehen?
Kurz nachdem ich angefangen hatte, ernsthaft zu schreiben, habe ich vom Deutschen Literaturinstitut in Leipzig erfahren. Da habe ich mich beworben, wurde aber nicht angenommen – zu Recht, würde ich heute sagen. Nach Abschluss des Studiums habe ich mir gesagt: Ich gebe mir drei Jahre, in denen ich so wenig wie nötig arbeite und so viel wie möglich schreibe – und versuche, damit erfolgreich zu sein. Damals habe ich auch vom Literaturinstitut in Biel erfahren und mich beworben. Ich dachte, ich könnte an einem dieser Institute noch intensiver an meinen Texten arbeiten und neue Leute kennenlernen. An Biel fand ich die Zweisprachigkeit – Französisch und Deutsch – interessant.

Ist Mehrsprachigkeit wichtig für Sie? Ihre Muttersprache ist ja Polnisch.
Sehr. In den letzten Jahren wurde das immer mehr zum Thema. Ich schreibe gerade an einem Text, der in Polen spielt, mit polnischen Hauptfiguren. Ich habe mich zum Beispiel neulich dabei ertappt, dass ich auf Polnisch denke, dass es ein deutsches Wort gar nicht gibt, das ich gebrauchen wollte. Da habe ich gemerkt, dass ich in eine ganz andere Denkweise komme, obwohl ich auf Deutsch schreibe.

Wie sieht das Studium am Literaturinstitut konkret aus?
Die eigene Arbeit steht im Vordergrund. Man hat einen Mentor, einen Schriftsteller, der Dozent am Institut ist. Mit dem trifft man sich regelmässig und bespricht die eigenen Texte. Das ist etwas, was Schriftsteller wohl immer gemacht haben, sich mit ihresgleichen auszutauschen. Das macht man hier jeden Tag aufs Neue und kann so sehr intensiv arbeiten. Man redet auch mit Kommilitonen und anderen Dozenten über die Texte, und aus der Fülle der Meinungen sieht man oft klarer auf den eigenen Text. Daneben gibt es begleitende Kurse, in denen es um Literaturgeschichte und -theorie und den ganzen Betrieb geht.

Was hat das Studium bisher gebracht?
Erstens mal viele Freundschaften und Kontakte zu Schriftstellern und Verlagen. Zweitens hat es eine Art Grundvertrauen gestärkt, den schöpferischen Akt einfach mal laufen zu lassen und das Material aufs Papier zu bringen. Drittens hat es das Bewusstsein geschärft, dieses Material dann kritisch zu bearbeiten. Als Schriftsteller braucht man zwei Eigenschaften: einerseits den Grössenwahn, denn nur so hat man die Energie, etwas auf Papier zu bringen; andererseits auch die Selbstkritik, um den Text schonungslos zu überarbeiten.

Ist Ihr Debütroman «Wir zwei allein» während des Studiums entstanden?
Kurz nachdem ich in Biel ankam, habe ich die erste Szene geschrieben. Da waren sofort diese zwei Figuren und diese Spannung zwischen ihnen, und diese Spannung hat die Geschichte immer weiter getragen, ein Jahr lang. Ich habe den Roman auch intensiv mit meinem Mentor Silvio Huonder und anderen Leuten besprochen.

Der Roman spielt im Schwarzwald, wo Sie vorher gewohnt haben. Alle Orte werden konkret benannt. Was spielen sie für eine Rolle?
Die Orte spielen eine entscheidende Rolle. Das hat möglicherweise schon mit einer gewissen Wehmut zu tun, die mich überfiel, als ich Freiburg verliess. Weil die Grenze zwischen den Vorstellungen des Protagonisten und seiner Realität oft verschwimmt, habe ich versucht, die Geschichte dadurch zu erden und zu verankern, indem ich das so genau namentlich verortet habe.

Würden Sie sagen, dass man Schreiben lernen kann?
Man kann bestimmte Aspekte lernen, andere aber nicht. Man braucht Themen, die unbedingt raus wollen und einen gewissen Druck erzeugen. Wenn man diesen Druck hat, kann man die Art und Weise, wie man das aufs Papier bringt, sicher üben und die Sprache schärfen. Das Technische kann man lernen – nicht aber, worüber man schreibt. Da hilft auch eine gewisse Lebenserfahrung. Jüngere Leute sind eher unsicher und auf der Suche. Ich war auf der anderen Seite schon 29, als ich hierherkam, und festgefahren in meiner Art zu erzählen. Darum hat der Kontakt mit anderen Schreibweisen mir persönlich geholfen, meinen Horizont aufzubrechen. Je nachdem wie alt und wie weit man ist, bringt einem das Institut etwas anderes. Und es bringt einem nur so viel, wie man haben will. Man muss selber schreiben wollen. Das Institut kann nur eine Hilfestellung bieten. Im Prinzip ist es schon so: Schriftsteller ist man, oder man ist es nicht.

Wie wollen Sie weitermachen nach dem Abschluss?
So wie bisher. Ich werde einfach schreiben und versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen. Direkt nach dem Abschluss gehe ich nach Berlin, wo ich ein dreimonatiges Stipendium des Literarischen Colloquiums (LCB) habe. Und ich werde auch weiterhin als Journalist arbeiten.

Heisst das, dass Sie sich wenig Hoffnung machen, von der literarischen Arbeit allein zu leben?
Ich mache mir durchaus die Hoffnung, weil ich sehr sparsam lebe, aber ich sehe es auch realistisch: Es kann fast keiner im deutschsprachigen Raum. Ausserdem ist der Journalismus für mich auch eine Art Anker in der Lebenswelt der «normalen Menschen». Ich habe so noch Anschluss an die Gesellschaft, gewissermassen. Das bietet Stoff fürs Schreiben und verhindert, dass ich abdrifte. In Phasen, in denen ich am Schreiben verzweifle, ist es gut, eine andere Tätigkeit zu haben, die mich in einem Alltag hält. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.04.2012, 09:46 Uhr

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