Alpleben zwischen Schrecken und Idylle

Der 32-jährige Bündner Arno Camenisch erhält heute einen kantonalen Literaturpreis für seinen zweisprachigen Erstling «Sez Ner».

Alpleben zwischen Schrecken und Idylle: Arno Camenisch will mit der Sprache das Abgründige darstellen und spürbar machen. (Adrian Moser)

Alpleben zwischen Schrecken und Idylle: Arno Camenisch will mit der Sprache das Abgründige darstellen und spürbar machen. (Adrian Moser)

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«Sez Ner» (Verlag Urs Engeler) ist auch als Hörbuch bei chasaeditura.ch erhältlich. Für «Sez Ner» erhält Arno Camenisch heute im Schlachthaus-Theater (20.30 Uhr) mit sechs weiteren Autorinnen und Autoren einen kantonalen Literaturpreis.

«Anspruchslos steht er da, duldet das Treiben um ihn herum, trotzt den Wetterlaunen, umringt von mächtigen Genossen mit ehrfürchtigen Namen, die dem Himmel näher stehen.» Der 2310 Meter hohe Piz Sezner, südwestlich von Illanz gelegen, trennt das von den Walsern besiedelte, deutschsprachige Obersaxen am Nordhang und das romanische Val Lumnezia auf der Südseite.

Sozusagen auf der Sprachgrenze liegt die Alp Stavonas, Schauplatz von Arno Camenischs letztes Jahr zu Recht gefeiertem Erstling «Sez Ner». Zuerst auf Deutsch geschrieben und dann ins Romanische übertragen, evoziert Camenisch in kurzen, kunstvoll verdichteten Episoden das karge und von einer strengen Hierarchie geprägte Leben eines Männerquartetts auf einer Alp. «Sco sigun crodas buca giu da tschiel, sco sigun neschas. Sco purtger era.» – «Als Senn fällt man nicht vom Himmel, als Senn wird man geboren. Als Schweinehirt auch.» Der Senn, der Zusenn, der Kuhhirt, der Schweinehirt und ihre Tiere bilden eine Schicksalsgemeinschaft: «creatiras alpinas», Alpenkreaturen.

Ohne Ausrutscher ins kitschige Terrain und fern nostalgischer Hüttenromantik hat Camenischs musikalische Sprache diese Wirklichkeit voller lauernder Abgründe zwischen Tradition und Moderne eingefangen, nahe dran als Beobachter mit einem stupenden Sinn für sprechende Details und gleichzeitig auf Distanz bedacht durch eine lakonische Beiläufigkeit. Da gibt es jenseits des harten Arbeitsalltags auch Platz für überraschende philosophische Einsichten: «Der Käsekeller ist die Seele einer Kuhalp».

«Mich interessiert das Zwischenmenschliche, Fragen über Macht und Ohnmacht, über Kräfteverhältnisse und Isolation», sagt der 32-jährige Bündner, der auch zur Spoken-Word-Gruppe «Bern ist überall» gehört und diesen Sommer sein Studium am Literaturinstitut Biel abschliessen wird. Wenn Arno Camenisch im Gespräch über die Berufung zum Schreiben spricht, paaren sich bei ihm spürbare Leidenschaft und Ernsthaftigkeit. Als ein sendungsbewusster Moralist versteht er sich indes überhaupt nicht. Wer vom zweisprachigen Text auf einen missionarisch beseelten Verteidiger des bedrohten Rätoromanisch schliesst, erhält vom Autor eine dezidierte Absage: «Ich habe keinen Sprachauftrag zu erfüllen, und das rätoromanische Pathos sagt mir nichts.» Im 2005 auf Rätoromanisch erschienenen Roman «Ernesto ed autras manzegnas» habe der Stoff diese Form und sprachliche Umsetzung verlangt.

Arno Camenisch spürt mit seinen sprachlichen «Forschungen» der Frage nach, wohin der Sprachwandel sich bewegt. Mit der künstlichen Schriftsprache Rumantsch Grischun kann er nichts anfangen, sein Idiom Sursilvan dagegen mit seinen oft kurzen Wörtern, Vokalhäufungen und vielen Doppellauten bietet sinnliches Sprachmaterial, das bei «Sez Ner» auch den Rhythmus und die Sprachmelodie des deutschen Textes beeinflusst hat. Es sind denn auch diese polyfonen, von hypnotischen Lautmalereien lebenden Klangtableaus, die wie Echos von einer Sprache in die andere wandern. «Sez Ner» ist mittlerweile nicht nur als Hörbuch greifbar – gelesen vom Autor selber –, das Buch ist in Auszügen auch in zehn Sprachen übersetzt worden. Vollständige Übersetzungen erscheinen auf Französisch, Italienisch und Rumänisch.

Die produktive Reibung unterschiedlicher Sprachwelten hat Camenisch auch während zweier Jahre auf Reisen durch Asien, Australien und Südamerika erfahren: «In Australien lernte ich Englisch in der Begegnung mit Leuten, in Südamerika tastete ich mich über Romanisch an die spanische Sprache heran.»

«Sez Ner», dieses «Bekenntnis zur Vielstimmigkeit», hat er zwar während seines Studiums in Biel geschrieben, «aber es ist nicht als Produkt des Literaturinstituts zu verstehen». Den Stoff oder besser die Bilder von der Alp trug er lange Zeit mit sich herum. Als Bub hat der zweisprachig aufgewachsene Camenisch vor rund 20 Jahren vier Sommer lang in den Schulferien auf der Alp Stavonas gearbeitet: «Ich war einer der Letzten, die als Zehnjährige im Sommer auf die Alp mussten und dort körperlich hart arbeiteten.» Für das Buch hat er keine Recherchen gemacht, sondern vielmehr versucht, «im Dreieck von Erinnerung, Überlieferung und Fantasie die Bilder in meinem Kopf zu Literatur weiterzuentwickeln». Es sei ein poetisch mehrschichtig angelegtes und kein dokumentarisches Buch, betont Camenisch. Dieses Missverständnis sei wahrscheinlich auch für die polarisierenden Reaktionen verantwortlich; in Camenischs Bündner Heimat fühlte man sich teils wenig schmeichelhaft dargestellt. Vereinzelte Kritik tat dem Erfolg des Buchs bei Kritik und Publikum jedoch keinen Abbruch: Mit «Sez Ner» bestreitet Arno Camenisch Lesungen «von Salamanca bis Budapest».

Als die Sprachlust erwachte

Das Bedürfnis, sich künstlerisch auszudrücken, verspürte der ausgebildete Lehrer, der während dreier Jahre in Madrid an der Schweizer Schule unterrichtete, «mit 17 oder 18 Jahren». Als er zusammen mit Freunden jeweils bei einem Glas Bier Vierzeiler zu reimen begann, «erwachte meine Sprachlust mit aller Macht». Auch heute sind ihm Klang und Rhythmus seiner Texte sehr wichtig, «ich lese mir das Geschriebene oft laut vor, um so die richtige Form zu finden». Kürzlich hat Arno Camenisch eine Liste mit Titeln von Büchern verfasst, die er in den nächsten Jahren schreiben will. Die Liste war nicht allzu kurz. Bereits Ende Juli erscheint vom disziplinierten Arbeiter – oft beginnt er morgens um sechs Uhr mit dem Schreiben – ein neues Werk: «Hinter dem Bahnhof». Etwas zugänglicher werde dieses Buch wohl sein, vermutet Arno Camenisch. Im Mittelpunkt steht ein kleines Bündner Dorf in einem engen Tal zwischen hohen Bergen; erzählt wird von den kleinen und grossen Dingen des Lebens – und dies gänzlich unsentimental aus der Perspektive eines Kindes. Man darf gespannt darauf sein, wie Arno Camenisch seinen bereits unverwechselbaren Ton weiterentwickelt. (Der Bund)

Erstellt: 15.06.2010, 10:12 Uhr

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