Alles nur geklaut
Warum selber schreiben, wenn man klauen kann? Szene aus der Martin-Suter-Verfilmung «Lila, lila».
Buch
Philipp Theisohn: Plagiat. Eine unoriginelle Literaturgeschichte. Kröner Verlag, München 2009, 578 Seiten, 47.80 Franken.
Literarischer Diebstahl, zeigt Philipp Theisohn, ist stets abhängig vom aktuellen Zeitgeist. Sein Buch trifft einen Nerv der Zeit. Wo Bestseller Erfolg haben, folgen Plagiatsvorwürfe auf dem Fuss. Man erkennt im Verkaufsschlager bestehende Texte wieder und klagt deshalb auf geistigen Diebstahl. Dahinter steckt ein grundlegendes Problem. Schöpft Literatur nicht zwangsläufig aus dem kollektiven Textspeicher?
Eine antike Anekdote
Am Ursprung der Begriffsgeschichte steht Aristophanes von Byzanz. Ums Jahr 200 v. Chr. jurierte er bei einem Dichterwettstreit - einem antiken Slam. Während seine Mitjuroren auf den Applaus des Publikums hörten, fand er zu einem eigenen Urteil. Belesen wie er war, merkte er, dass nur ein Dichter eigene Texte vorgetragen hatte.
Ihm gehöre der Siegerkranz, befand Aristophanes. Applaus sei kein Gradmesser, denn die Masse liebe nur, was sie schon kennt und was ihren Erwartungen schmeichelt. Ein Dichterwettstreit dürfe aber nicht Plagiate, sondern nur Originalwerke honorieren. Damit war eine Diskussion eröffnet, die bis heute anhält.
Die Begriffsgeschichte
Was aber ist ein Plagiat? Minutiös beleuchtet Theisohn die Geschichte dieses Begriffs über zwei Jahrtausende hinweg. Dabei erweist sich, dass Plagiate stets abhängig vom Zeitgeist definiert werden. Aus dem Lateinischen leitet sich die Wortbedeutung «Seelenraub» her, die aufs Wesentliche zielt.
Plagiate rauben nicht nur Texte, sondern mit ihnen auch die Seele des Autors, die er in seinen Text hineingesteckt hat. Hinzu tritt, dass dieser angebliche Raub in der Öffentlichkeit verhandelt werden muss und seinerseits eine plagiatorische Erzählung hervorbringt, die den Diebstahl erklärt.
Seelenraub
Wie problematisch letzteres sein kann, demonstriert Theisohn an zahlreichen Beispielen, die nicht selten psychopathologische Dimensionen annehmen. Plagiatsdebatten ziehen alle Beteiligten in Mitleidenschaft. In der Rückschau zeigt sich, dass dabei ökonomische, juristische, technische (Buchdruck) und nicht zuletzt ästhetische Faktoren wechselweise eine Rolle spielen.
Dies gilt besonders seit der Geniezeit um 1800. Damals schwang sich das «promethische» Selbstbewusstsein der Autoren in neue Höhen. Anhand von Goethes «Prometheus»-Gedicht zeigt Theisohn schön, wie dieses «Genie» jedoch am «Diebstahl des olympischen Feuers» gebunden bleibt. Mit anderen Worten: Die individuelle Inspiration speist sich aus dem kollektiven Textspeicher.
Verwischte Grenzen
Dieser Zwiespalt prägt bis heute alle Debatten. Die Grenzen zwischen Diebstahl, Zitat und eigener Inspiration sind fliessend. Der Autor selbst kann sich dieser Unschärfe nie entziehen. Theisohn arbeitet die Geschichte des Plagiats wissenschaftlich akribisch und sorgfältig auf. Vor der Gegenwart allerdings verstummt der Historiker.
Der Computer öffne dem geistigen Diebstahl Tür und Tor, klagt er. Dabei bleibt unbeachtet, dass hiermit auch neue ästhetische Praktiken entstehen, wofür Begriffe wie «Pla(y)giarismus» (R. Federman), «Surf Sample Manipulate» (Mark Amerika) oder «Digitale Allmend» stehen. In Theisohns Buch bleibt dies noch Zukunftmusik, die in Wirklichkeit aber längst spielt. (phz/sda)
Erstellt: 26.01.2010, 16:41 Uhr








