Adolf Muschgs Ungetüm
Artikel zum Thema
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Das Buch
Sax. Roman. C.-H.-Beck-Verlag, München 2010. 458 S., ca. 40 Fr. Das Buch erscheint am 31. August. Die Buchvernissage findet am 1. September um 20 Uhr im Zürcher Kaufleuten statt. Moderation: Roger de Weck.
Adolf Muschg, der einzige lebende Büchnerpreisträger der Schweiz (die beiden toten heissen Frisch und Dürrenmatt), ist 76. Gemächlich angehen lässt er es aber nicht. Weder bei seinen politisch-gesellschaftlichen Interventionen noch gar literarisch. Zwei Jahre nach der monumentalen «Kinderhochzeit», einer überdimensionierten Nuss, die zu knacken sich mancher Kritiker das Gebiss verrenkte, legt er schon den nächsten Grossroman vor: «Sax». 450 Seiten, randvoll mit Geschichten, Gedanken und Gestalten, tief in die Vergangenheit und forsch in die Zukunft blickend.
Wie der Vorgänger ist dieses Buch Panorama und Panoptikum zugleich, ein Kuriositätenkabinett, vor dessen Objekten man aus dem Staunen nicht herauskommt, zugleich ein Erzähllabyrinth, aus dem man erst recht nicht herauskommt. All das ist so gewollt wie gekonnt: Dem «späten» Adolf Muschg liegt nichts daran, leicht konsumierbare Ware zu verfertigen, mit resümierbaren Plots und griffigen Botschaften. Man darf und soll sich in diesem Roman verlieren. Und dass einen bei der Lektüre stets ein leichter Schwindel begleitet: Das liegt nicht zuletzt am rasanten Erzähltempo.
Drei Anwälte in Zürich
Worum geht es? Im September 1970 beziehen drei junge Anwälte, Jacques Schinz, Hubert Achermann und Moritz Asser, eine Etage in einem traditionsreichen Haus in der Zürcher – Muschg schreibt «Münsterburger» – Altstadt. Es heisst «Zum Eisernen Zeit» und hatte zwei illustre Vorbewohner: den Mathematiker und Astronomen Kaspar Horner (1774–1834) und den Freiherrn Johann Philipp von Hohensax (1550–1596), vorübergehender Besitzer der berühmten «Manessischen Liederhandschrift», der dem Roman den Namen gegeben hat.
Beide sind historische Figuren, ebenso Fanny Moser, Tochter des Schaffhauser Uhrenbarons Heinrich Moser und seiner Frau Fanny (1), die als Freuds Patientin «Emmy v. N.» eine gewisse Berühmtheit erlangte. Fanny (2), die Tochter, war gelernte Meeresbiologin, sattelte aber auf Spukforschung um und wurde zur «Entgeisterung» des Hauses «Zum Eisernen Zeit» bemüht. Dort spukte es nämlich immer wieder.
Ein Engel des Sex
Guter Geist und graue Eminenz des Anwaltskollektivs ist Marybel, ein «Gotteskind eigener Art», das selbst einen hartnäckigen Tinnitus einfach wegmassieren kann, überdies ein Engel des Sex, mit dem der Autor nicht knausert, wobei die einschlägigen Passagen nicht zu den besten des Buchs gehören. Schliesslich gibt es noch Sidonie, eine jüdische Waise aus Berlin, von Schweizern adoptiert (und vom Adoptivvater missbraucht), die es an der Seite eines «vaterländischen» Politikers – jawohl, Christoph Blocher kommt auch vor, kaum maskiert – bis in den Bundesrat bringt und zur Hausherrin eines konservativen Thinktank.
Fünf Hauptpersonen, dazu mindestens zwei Dutzend weitere Protagonisten, deren Biografien ausführlich präsentiert werden und die miteinander direkt, indirekt, symbolisch, reinkarniert oder anderweitig verschoben auf die unterschiedlichste Weise agieren: Das führt zu einer Fülle an Ereignissen und Motiven, die kaum ein einziges Buch fassen kann, geschweige denn ein einzelnes Leserhirn. Vielleicht trifft für «Sax» zu, was über die rätselhafte Sternwarte gesagt wird, die der Astronom Horner seinem Haus angefügt hatte und in die sich Hubert Achermann gern zum Denken zurückzieht: Von aussen ein Kubus, enthält die Konstruktion eine Kuppel mit fast doppelt so grossem Durchmesser. «Innen und aussen gehörten gewissermassen nicht der gleichen Topografie an»: Was man von diesem Roman auch sagen kann.
Verlorene Fähigkeit zur Empathie
Das Fundament des Turms, der diese «unmögliche» Kuppel trägt, bildet ein ausgegossener Brunnen, der noch aus Ghettozeiten stammt. Es sinkt allerdings nach und nach in die Tiefe, was die Statik des ganzen Hauses gefährdet. Und das gilt wiederum für die Statik der Personenkonstellationen. Wenn man so will – ohne Deutungsspekulation geht es hier nicht –, steht das Motiv des Spukens für eine ungelöste, problematische Beziehung zur Vergangenheit, die Geisteraustreibung wiederum für einen nicht minder fatalen Abbruch dieser Beziehung.
Muschg setzt gern den Hut des Romanciers ab und den des Essayisten auf. Als Zeitdiagnostiker, als Kritiker einer «chronisch entgeisterten Zivilisation», die «Zerstreuung sucht um jeden Preis», konstatiert er: Der Menschheit ist das Erschrecken über sich selbst abhandengekommen. Verloren ist damit auch ihre Fähigkeit zur Empathie, zur tätigen Solidarität: «Zwischen der individuellen Not und ihrem Erscheinen in der Statistik war ein Verbindungsstück ausgefallen, das von Vorstellungskraft bewegte gesellschaftliche Mitgefühl.»
Um die Ecke gedacht
Anstelle der Vorstellungskraft ist die Simulation getreten; nicht die der Kunst, die ja den mitdenkenden, mitfühlenden, mitschaffenden Menschen braucht, sondern die Herstellung künstlicher Realitäten mit hohem Amüsier- und Suchtpotenzial. Muschg lässt in einem fiktiven Wüstenscheichtum eine «4-D-Technik» entwickeln, bei der lebensechte Kinobilder ohne Trägermedium in Luft und Landschaft projiziert werden und sogar ein Eintreten des Betrachters ins Bild ermöglichen (zum Beispiel in die Szenerie des Genter Altars von Jan van Eyck, Hunderte von Jahren alt).
Auch alte Kulturtechniken kommen zu ihrem Recht. Etwa das Kreuzworträtsel, das zwei der Anwälte wettbewerbsmässig betreiben. Aficionados werden darin das «Um die Ecke gedacht» erkennen, mit dem «Die Zeit» ihre Abonnenten jahrzehntelang auf die Probe stellte. Ein bisschen viel um die Ecke gedacht wird auch in «Sax», bis in die einzelne Formulierung hinein, die mal den Gipfel der Genialität in den Blick nimmt, mal in den Untiefen des Kalauers dümpelt.
Das Schöne sind die Details
An Fantasie, Erfindungsreichtum und intellektueller Brillanz, an scharfsinniger Analyse, auch an grossen Themen (Wie gewinnt, wie verspielt man das Glück? Kann Liebe nur gelingen, wenn sie auch die Unglücklichen einschliesst?) fehlt es diesem Roman nicht. Aber an einem Zentrum, der all die Einfälle wie in einem Brennglas bündeln und das konzentrierte Licht der Erkenntnis im Leserbewusstsein entzünden könnte. Die Frage «Was soll das Ganze?» kehrt zu hartnäckig wieder, als dass sie sich ganz wegschieben liesse.
Das Schönste an «Sax» sind ohnehin die Details. Aber auch diese Bemerkung findet sich im Roman selbst treffender formuliert: «Auch wenn du keinen Zusammenhang erkennst», sagt eine kluge Nebenfigur mit dem philosophischen Namen Pascal zu Hubert Achermann, «behandle jeden Fleck Erde, aber auch jeden Flecken auf der Weste so, als wäre er das Ganze.» Keine schlechte Lesestrategie für dieses intellektuelle und erzählerische Ungetüm. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.08.2010, 20:10 Uhr

















