Kultur
Abenteurer, Reformer und Despoten
Von Martin Ebel. Aktualisiert am 25.04.2012 3 Kommentare
Eugene Rogan / Hans Freundl (Übersetzung) / Norbert Juraschitz (Übersetzung) / Oliver Grasmück (Übersetzung), «Die Araber», Propyläen, 735 Seiten, CHF 39.90, ISBN 978-3-549-07425-1.
«Die Araber. Eine Geschichte von Unterdrückung und Aufbruch.»
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Als sich 1989 die Mauer öffnete und die osteuropäischen Regimes implodierten, waren selbst die Experten überrascht. Nicht anders 20 Jahre später, als die Völker Arabiens sich als Subjekte der Geschichte zurückmeldeten. Schluss mit der Knechtschaft! Auch sie verlangten Demokratie, Bürgerrechte, wirtschaftliche Perspektiven und ein menschenwürdiges Dasein.
Der amerikanische Historiker Eugene Rogan, Leiter des Center of Middle East Studies an der Universität Oxford, ist einer der besten Kenner der Region. In seinem Standardwerk «The Arabs», 2009 erschienen, ist vom arabischen Frühling noch nichts zu spüren (die deutsche Ausgabe, seit wenigen Wochen auf dem Markt, trägt die aktuellen Entwicklungen in einem neuen Eingangskapitel nach). Allerdings deutet Rogan im Schlusskapitel an, dass der nötige Umbruch von innen kommen muss. Bisher waren die Araber, so das Fazit seiner umfangreichen Darstellung, in einem «Zyklus der Unterdrückung» gefangen: Unterdrückung durch ausländische Statthalter, durch europäische Kolonialregimes und nicht zuletzt durch Despoten aus den eigenen Reihen.
Die arabische Welt nach 1517 ist kein ahistorisches Niemandsland
Die Lektüre des Buches erklärt also nicht, warum die «Arabellion» unvermeidlich war – unvermeidlich ist nichts in der Geschichte. Sie zeigt aber, welch tiefem und fruchtbarem Grund von Enttäuschung und Demütigung sie erwuchs. Sie macht das zwischen Neid, Misstrauen und Wut schwankende Verhältnis zum Westen nachvollziehbar. Und nicht zuletzt füllt sie Wissenslücken so weit wie die saudiarabische Wüste auf.
Dass die Geschichte Europas bunt, vielfältig und blutig ist, eine Abfolge von Kriegen und Friedensschlüssen, ein Panoptikum von eindrucksvollen Persönlichkeiten: Das ist praktisch jedem Schulkind klar. Aber was weiss selbst der überdurchschnittlich gebildete Europäer von dem, was sich zwischen Marokko und dem Zweistromland in der Neuzeit abspielte? So gut wie nichts. Wer Eugene Rogan liest, bekommt einen farbigen Bilderbogen vorgeführt, in dem Despoten und Rebellen, Gelehrte, Krieger und kluge Verwalter auftreten, in dem Ströme von Blut fliessen und in dem vorsichtige Reformen immer wieder schrecklich scheitern. Die arabische Welt nach 1517 ist kein ahistorisches Niemandsland, sondern fast so spannend wie die Geschichte unseres eigenen Kontinents. Vor allem aber ist die eine ohne die andere gar nicht zu begreifen.
Der ägyptische Napoleon
Rogan setzt ein, als die türkischen Osmanen das ägyptische Mameluckenheer vernichtend schlugen und für den arabischen Raum vier Jahrhunderte Unfreiheit begannen. Immer wieder gab es Lokalfürsten, die sich gegen den fernen Sultan in Istanbul auflehnten, mehrfach stand das Osmanische Reich am Rande des Kollapses. So im frühen 19. Jahrhundert, als sich Muhammad Ali Pascha ein eigenes Reich schuf. Rogan nennt ihn die «einflussreichste Persönlichkeit des modernen Ägypten». Man könnte ihn auch den ägyptischen Napoleon nennen. Der gebürtige Albaner stieg durch Gewalt und Geschick zum Heerführer auf, ein Volksaufstand machte ihn 1805 zum Gouverneur, vom Sultan zähneknirschend anerkannt. Er war ein Modernisierer, schuf die erste Bauernarmee im Nahen Osten und ein Übersetzungsbüro für technische Handbücher aus Europa, er entwarf Industrialisierungsprogramme und verschaffte sich Zugriff auf die Steuereinnahmen.
Ein Heiliger indes war Muhammad Ali Pascha nicht: Um seine Macht zu sichern, liess er 1811 alle Mamelucken-Beys zu einem Fest einladen – und sie dann von seinen Soldaten abschlachten. Er schlug die radikalen Wahhabiten in Saudiarabien und eroberte für den Sultan die heiligen Stätten zurück. Als er diesen dann mit einem Marsch nach Syrien direkt herausforderte, griffen die europäischen Mächte, besorgt ums strategische Gleichgewicht, ein: Sie trieben Muhammad Ali nach Kairo zurück. Immerhin konnte er dort eine Familiendynastie gründen. Sie bestand bis ins Jahr 1952, als sich ein gewisser Nasser an die Macht putschte. Europa predigt Werte, verfolgt aber nur seine Interessen: So hat es die arabische Welt immer wieder erlebt, für die der technologisch fortgeschrittene Westen Vorbild und Bedrohung zugleich war. Rogan zeigt dies sehr schön am Beispiel einer anderen beeindruckenden Persönlichkeit: Khayr al-Din, ein gebürtiger Tscherkesse, der es vom Sklaven bis zum tunesischen Ministerpräsidenten brachte (die sogenannte «Knabenlese» war üblich im ganzen Osmanischen Reich; die Militär- und Verwaltungselite bestand grossenteils aus solchem menschlichem Raubgut).
Die Parallele zu Griechenland ist frappierend
Auch Khayr al-Din, der Arabisch, Türkisch und Französisch sprach, Europa bereiste und eine Autobiografie schrieb, wollte sein Land nach vorn bringen, wozu für ihn beispielsweise auch eine Verfassung gehörte. Sie wurde 1861 erlassen und schränkte die Rechte des Herrschers Ahmad Bey (aus der Husainiden-Dynastie) durch einen repräsentativen Rat ein. Konstitutionelle Bewegungen gab es in diesen Jahren auch in Ägypten, ja sogar in der Türkei selbst. Der Westen lockte aber nicht nur mit Bürgerrechten, sondern auch mit den Annehmlichkeiten der Moderne. Der tunesische Herrscher Bey wollte und bekam: eine Eisenbahnlinie, Gasbeleuchtung, Telegrafenleitungen, gepflasterte Strassen und vieles mehr. Dafür nahm er – gegen den heftigen Widerstand seines Ministerpräsidenten Khayr al-Din – Kredite auf. Diese Kredite brachen Tunesien bald den Hals; als die Schulden nicht mehr bedient werden konnten, verlor das Land die Souveränität an eine internationale Finanzkommission.
Wer denkt da nicht an Griechenland? Die Parallele ist frappierend. Auch in Ägypten und in der osmanischen Zentralmacht kam es Ende des 19. Jahrhunderts zu Staatsbankrotten. Grund waren nicht nur der Prachtwille der dortigen Herrscher, sondern auch extrem ungünstige Kreditbedingungen der europäischen Banken. Sie führten dazu, dass Istanbul etwa die Einnahmen aus dem Tabakhandel gleich nach Europa weiterreichen musste, in Ägypten traten Europäer in die Regierung ein.
Ein Gutteil der Gewaltgeschichte geht auf das Konto europäischer Interessen
Zwischen 1880 und 1912, als das Osmanische Reich seine Peripherie nicht mehr halten konnte, geriet ganz Nordafrika unter europäische Herrschaft. Rogan zeichnet das unwürdige Geschacher und Geschiebe unverblümt nach: England bekam Ägypten, Frankreich dafür «als Ausgleich» Marokko (Algerien hatte man sich schon, in einem unsagbar brutalen Eroberungskrieg mit genozidalen Zügen, unter den Nagel gerissen), Italien wiederum als «Kompensation» Libyen. Die Bewohner wurden nicht gefragt. Auch 1918, als die Herrschaft der Osmanen über den Rest der arabischen Region zu Ende ging, erfüllten sich deren Hoffnung auf Selbstbestimmung nicht, obwohl die berühmten 14 Punkte des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson genau das verprochen hatten. Versprochen hatten auch Engländer und Franzosen ihren diversen lokalen Alliierten manches, woran sie sich dann nicht hielten. Die Engländer behielten Palästina, die Franzosen marschierten in Syrien ein – zu ihren Hilfstruppen gehörten algerische und marokkanische Soldaten.
Araber gegen Araber – das ist eine der traurigen Kontinuitäten in Rogans Darstellung. «Die Araber» haben sich, trotz aller Einheitsträume, in den vergangenen Jahrhunderten fast ebenso zerfleischt wie die Europäer. Wer weiss etwa (noch), dass Nasser seine Armee 1967 in den jemenitischen Bürgerkrieg schickte (und deshalb nicht gut genug gerüstet war für den Sechstagekrieg)? Oder dass Sadat noch 1977 in Libyen einmarschierte, wegen einiger Ölfelder? Ein Gutteil der Gewaltgeschichte geht allerdings auf das Konto europäischer Interessen, die nach dem Prinzip «divide et impera» immer wieder Minder- und Mehrheiten gegeneinander ausspielten und damit die Grundlage für manch aktuellen Konflikt legten.
Am Schluss bleibt Realismus
Eugene Rogan beschränkt sich auf die politische Geschichte der Region, ein herkulisches Unterfangen, auch wenn man gern mehr über soziale oder kulturelle Entwicklungen erfahren hätte. Es gelingt ihm, seinen umfangreichen Stoff geschickt zu bündeln und die schier unüberschaubare Zahl an Ereignissen, Schauplätzen und handelnden Personen so zu präsentieren, dass das Interesse des Lesers niemals erlahmt: Und das ist wahrlich eine Kunst.
Eine notwendige Kunst: Denn selten ist der Wissens- und Verständniszuwachs bei einem Sachbuch so immens wie hier. Die Lektüre macht klüger, nährt aber auch des Lesers Skepsis und bestärkt ihn in einem gesunden Realismus, was eine demokratische Zukunft der Region angeht. Nach der jahrhundertelangen Erfahrung von Gewalt und Gegengewalt erscheint die Organisation einer friedlichen Zivilgesellschaft sehr, sehr schwer. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.04.2012, 11:02 Uhr
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3 Kommentare
Ja es ist so, aber warum dies auch so ablief steht hier nicht! Wo steht, dass die Türken vor Wien standen und das Abendland seine letzte Stunde kommen sah? Dank Unwetter kehrte sich das Glück und der Westen schaute nun, dass er nicht mehr viel befürchten muss. Später nahmen die Dinge ihren Lauf wie überall sonst auch. In jeder Geschichte finden wir diese Elemente. Die Araber waren sehr grausam. Antworten



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