«Ich entblösse mich lieber schriftlich.»

Alexander Frei bringt Achtzigerjahre-Musik gekonnt in die Gegenwart. In den Texten verarbeitet er viel Persönliches.

«Für mich ist die Bühne ein Ausgleich zum Songschreiben zu Hause am Computer.» - Alexander Frei alias Crimer

«Für mich ist die Bühne ein Ausgleich zum Songschreiben zu Hause am Computer.» - Alexander Frei alias Crimer Bild: zvg

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Die Medien stürzen sich auf Ihre Frisur. Ist Ihnen nicht langweilig, über Ihren Mittelscheitel-Bob zu sprechen?
Ich finde es lustig, dass man mit so etwas Unspektakulärem Aufmerksamkeit generieren kann. Mich stört das aber nicht. Die Frage ist nur, wie lange das noch spannend ist. Vielleicht muss ich mir für die nächste Veröffentlichung eine neue Frisur überlegen. Aber momentan sitzt die aktuelle gut auf meinem Haupt.

Sie transportieren die Musik der 80er-Jahre clever ins Heute. Und das, ohne Trends wie Trap und Elektronika-Frickeleien zu bemühen. Aber: Weshalb sollten wir uns Crimer anhören, wenn wir genauso gut eine Depeche-Mode-Platte auflegen können?
Lustig. Ich empfinde mich ganz und gar nicht als Kopisten. Ich setze mich nicht hin und denke: Ich muss klingen wie Depeche Mode. Wenn ich komponiere, greife ich auf Sounds zurück, die ich mag. Meine Stimme liegt in diesen für die 80er-Jahre typischen Tiefen, da fühle ich mich wohl. Jemand beim Radio dachte lange Zeit, «Brotherlove» sei die neue Single von Depeche Mode. Das ist doch toll? Warum nicht etwas wiederbeleben? Wenn ich mich darum bemühen würde, moderner zu klingen, sähe ich mich viel eher in der Rolle von einem, der kopiert.

Sie haben so eine Dringlichkeit in Ihren Texten: «I know that I’m greedy» singen Sie in «Brotherlove». Sind Sie so gierig? Und worauf?
Meine Texte spiegeln sehr viele persönliche Umstände wider. Ich entblösse mich lieber schriftlich, als das ich über Dinge rede, die mich persönlich treffen. Also packe ich das in einen Text und lasse den so stehen. Dann kann man hineininterpretieren, was man will.

«Preach» ist Ihre erste offizielle Veröffentlichung, und schon werden Sie hochgejubelt. Sie haben ein Label im Rücken und bespielen alle wichtigen Clubs. Auch am Gurtenfestival treten Sie auf. Wie geht das?
Wenn man sich für Sachen, die man liebt, Zeit nimmt, gewinnt das Ganze automatisch an Professionalität. Viele Musiker sind ungeduldig und wollen ihr Produkt gleich herausbringen, auch, weil einem die eigenen Lieder rasch verleiden. Drei Jahre hat es gedauert, bis ich so weit war. Ich hätte auch nach einem Jahr etwas heraushauen können, aber ich glaube nicht, dass es dann so gut geworden wäre.

Aber da haben Sie sicher nicht alleine daran herumgeschraubt. «Preach» tönt nicht nach do it yourself im Schlafzimmer.
Ist es aber grösstenteils. Die Lieder schreibe ich zu Hause in meinem Kämmerlein, mit zwei Synthesizern, Bass und Gitarre. Mit dem Produzenten zusammen wird das Ganze dann noch ausgefeilt und aufgeblasen.

Sie sind ein guter Tänzer und scheinen sich alleine auf der Bühne wohlzufühlen.
Für mich ist die Bühne ein Ausgleich zum Songschreiben zu Hause am Computer. Natürlich gibt es immer wieder Musiknerds, die einem im Nacken sitzen und nach den Konzerten sagen, man brauche unbedingt eine Band. Aber ich stehe und singe gerne mit meiner Gitarre auf der Bühne, während der Rest vom Laptop kommt. So habe ich alles in der Hand und bin auch der Buh-Mann, falls etwas schiefläuft. Kann schon sein, dass ich mal eine Band haben werde. Aber momentan ist der Plan so: Wenn die Bühne zu gross für mich allein wird, stellen wir einfach Spiegel auf.

Crimer - Brotherlove Quelle: Youtube.com

(Der Bund)

Erstellt: 11.05.2017, 07:05 Uhr

Zur Person

Alexander Frei verkörpert als Crimer genau das, was sich die Schweiz momentan gerne anhört. Der junge, adrett gestylte Mann tut dies aber, ohne sich anzubiedern. Er wirkt so frisch und eloquent, dass jegliche Vorwürfe, er bediene sich schamlos am Musikfundus der 80er, schnell zerschellen. Im Jahr 1989 im St. Galler Rheintal geboren, verführt er das Publikum mit sonorer Stimme, süffigen Melodien und wendigen Tanzeinlagen. Kürzlich ist seine EP «Preach» erschienen, mit seiner Single «Brotherlove» hat er eine kleine Hysterie ausgelöst. Zu hören am Freitag, 12. 5., 21.30 Uhr im Bad Bonn Düdingen.

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