«Es könnte einige Aha-Erlebnisse geben»

Wie tickt das Gurten-Volk? Und warum ist das Programm so Europa-fixiert? Der Gurtenfestival-Programmleiter Philippe Cornu gibt Auskunft.

«Wir wollen musikalisches Handwerk sehen»: Philippe Cornu will die Stadt Bern künftig von Mainstream-Geplätscher verschonen.

«Wir wollen musikalisches Handwerk sehen»: Philippe Cornu will die Stadt Bern künftig von Mainstream-Geplätscher verschonen. Bild: Adrian Moser

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Was war gut am letzten Gurtenfestival?
Die Stimmung. Trotz misslicher Wetterbedingungen. Übrigens auch hinter der Bühne: Muse sind beispielsweise nach dem Konzert nicht gleich abgehauen, sondern sind trotz der unwirtlichen Bedingungen mit Familie und Crew auf dem Gurten geblieben.

Was war schlecht?
Vielleicht dies: Für die meisten Bands sind Live-Auftritte zur Lebensnotwendigkeit geworden. Die Künstler wollen dem Publikum etwas bieten, sie betreiben einen immensen Aufwand, weil sie auch im nächsten Jahr gebucht werden und Tickets verkaufen wollen. Für meinen Geschmack investieren einige Bands dabei zu viel in die Technik und die Visuals anstatt in die Energie auf der Bühne. Die Musik sollte doch die Hauptmessage sein.

Was wird am diesjährigen besser?
Das kann man im Vorfeld nie sagen. Ich habe aber das Gefühl, dass die Mischung der Bands und der Stile in diesem Jahr sehr farbig und interessant ist. Es könnte einige Aha-Erlebnisse geben.

Sie sind nun seit zwei Jahren nicht mehr für die Organisation, sondern nur noch fürs Programm des Festivals zuständig. Eine Erleichterung in Zeiten der verheerenden Tiefdruckgebiete und kritischen Gefahrenlagen?
Erleichterung würde ich nicht sagen. Es ist halt eine ganz andere Herangehensweise an den Anlass. Das Schöne ist, dass ich mehr Zeit für die Betreuung der Künstler habe. Im Falle von Passenger hat sich letztes Jahr eine richtige Freundschaft entwickelt.

Haben Sie beim Programmieren eigentlich freie Hand oder hat ihr ehemaliger Arbeitgeber Appalooza ein Mitspracherecht?
Wir tauschen uns natürlich regelmässig aus betreffend der musikalischen Ausrichtung des Festivals.

Was hat der letzte Austausch ergeben?
Für das Jahr 2018 möchten wir vermehrt Nischenbands ins Programm nehmen und versuchen herauszuspüren, was die Trends von morgen und übermorgen sein könnten. Wir sind auch zur Überzeugung gekommen, dass die beiden Gurten-Hauptbühnen mehrheitlich Liveacts vorbehalten sein sollen und nur in Ausnahmefällen einzelnen DJs. Wir wollen musikalisches Handwerk sehen, Live-Energie, kein Mainstream-Geplätscher. Unser Publikum ist bereit, sich auf Abenteuer einzulassen, aber es spürt auch schnell, wenn etwas nicht ehrlich rüberkommt.

Man hatte in den letzten Jahren den Eindruck, das Gurtenfestival wolle vor allem eine Insel des Unbeschwerten sein.
Das ist richtig und daran ist ja auch nichts falsch. Wer auf den Gurten geht, rückt für vier Tage dem Himmel etwas näher. Du begibst dich weg von der Stadt und vom Alltag, hinauf in eine andere Welt.

Wäre ein bisschen subversive Energie in diesen Zeiten nicht wünschenswert?
Das ist im Booking-Prozess keine Überlegung. Da zählen andere Parameter. Qualität, Energie, Hunger. Und es ist ja nicht so, dass auf dem Gurten keine subversiven Energien wären. In diesem Jahr spielt zum Beispiel eine Kate Tempest, die weiss Gott eine klare Message hat. Ebenso die Beginner, Marteria oder Faber.

In der Grundtendenz bewegt sich der Gurten aber doch eher weg von Massive Attack und Nick Cave hin zu Imagine Dragons und Pegasus?
Ich glaube nicht, dass das eine Tendenz ist.

Verstehen Sie sich als Dienstleister oder als Kompetenzzentrum?
Wir sind uns bewusst, für welches Publikum wir ein Programm zusammenstellen. Das Gurten-Publikum ist im Schnitt 24-jährig. Es setzt sich anders mit Musik auseinander als die Generationen zuvor. Es kennt Rag’n’Bone Man nicht, wohl aber dessen Hit «Human». Wenn man Leute fragt, was sie sich auf dem Gurten wünschen, fällt es ihnen wahnsinnig schwer, Bands zu nennen. Unsere Aufgabe ist es also, herauszufinden, was den Leuten gefallen könnte, auch wenn sie dies selber nicht beschreiben können. Dabei ist es wichtig, dass wir die meisten Bands selber live gesehen haben oder von anderen Festivals empfohlen bekommen. Da stehen wir in regem Austausch mit anderen Bookern.

Was immer wieder erstaunt: 90 Prozent der Bands stammen aus Deutschland, England, den USA oder der Schweiz. Wäre das Gurtenfestival mit seinem offenen Geist nicht prädestiniert, etwas mehr von der Welt abzubilden?
Im Grundsatz ja. Manchmal ergibt es sich, manchmal eben nicht.

Es ergibt sich – bis auf vereinzelte muntere Ska-Bands – schon seit Jahren nicht mehr. Musik von ausserhalb des geografischen Mainstreams findet auf dem Gurten schlicht nicht statt. Ganz im Gegensatz zu anderen grösseren Festivals wie Sziget, Roskilde, Glastonbury oder Paléo, welche Musik aus Afrika, Südamerika oder Osteuropa vermehrt eine Plattform bieten.
Diese Festivals haben alle eine Spezialbühne für die Weltmusik. Unser Spielraum ist da kleiner, seit wir beschlossen haben, die Waldbühne dem Schweizer Musikschaffen zu widmen. Doch ich teile Ihre Meinung, dass es uns gut anstehen würde, den geografischen Horizont des Programms ein bisschen zu erweitern. Das ist derzeit auch Gegenstand von Diskussionen.

Sie waren heuer früh dran mit dem Programm. War es ein problemarmer Jahrgang?
Ja, das kann man so sagen. Es ist eine allgemeine Tendenz, dass die Festivals ihr Programm immer früher bekannt geben möchten. Das ist bei dieser Schwemme an Festivals ein Wettbewerbsvorteil.

Wie hat sich die Vorverlegung des Festivals von Donnerstag auf Mittwoch aufs Booking ausgewirkt?
Das ist für uns klar von Vorteil. Viele Festivals, die zur gleichen Zeit wie das Gurtenfestival stattfinden, sind grösser und können auch höhere Gagen anbieten. Nun können wir Bands angehen, die für uns am Wochenende kaum zu bezahlen wären.

Ist die Schweiz also keine Hochlohninsel für Musiker mehr?
Die Zuschauer-Kapazität bestimmt die finanziellen Möglichkeiten. Und hier kann der Gurten nicht expandieren. Ein Glastonbury Festival verkauft pro Tag 80'000 Tickets und kann für eine englische Indie-Band, die in der Schweiz vielleicht 3000 Leute mobilisiert, eine Gage offerieren, die für uns illusorisch wäre. Und apropos Hochlohninsel: Um hier ein Festival durchzuführen, muss man natürlich auch mit höheren Infrastruktur- und Lohnkosten kalkulieren.

Das Publikum hat die Vorverlegung mit Jammer quittiert.
Es gibt welche, die den gemütlichen Sonntag auf dem Gurten vermissen. Andere sind froh, dass sie einen Tag Regenerationszeit gewinnen, bevor sie wieder arbeiten gehen müssen. Wir werden wohl an allen Tagen ausverkauft sein. Das sagt alles.

Sie haben mir mal verraten, dass Sie es auf den Streaming-Kanälen mit den neuesten Hits nicht lange aushalten. Wie hat sich Ihr Verhältnis zum popmusikalischen Jetzt verändert?
Lieder, denen man anhört, dass sie auf Radiotauglichkeit hin geschaffen wurden, sind mir nach wie vor ein Gräuel. Doch auf Spotify findet man ja auch Playlists, die durchaus inspirierend sind. Ich freue mich zum Beispiel jeden Montag auf den individuell auf meinen Geschmack zugeschnittenen Mix der Woche.

Geht Ihre Begeisterung so weit, dass Sie beim Buchen von Bands auf Spotify-Klicks schielen?
Nicht bewusst. Allerdings liefern die Agenturen neben den Informationen zu den Künstlern immer öfter auch Streaming- und Klickzahlen mit. Wenn eine Band 400'000 Klicks hat, davon aber nur 70 aus der Schweiz, nützt uns das jedoch wenig. Wenn die Band gut ist, dann ist uns das allerdings egal.

Nochmals zurück zum Programm: Erklären Sie uns den Unterschied zwischen Fritz und Paul Kalkbrenner?
Fritz ist der etwas musikalischere und düsterere der beiden Brüder.

Herzlichen Dank.
Gern geschehen.

Das Gurtenfestival findet von Mi–Sa, 12.-15. Juli statt. (Der Bund)

Erstellt: 05.07.2017, 20:20 Uhr

Unsere Tipps:

Mittwoch: Fil Bo Riva: Der klagende Blues eines Italieners, der in Dublin aufgewachsen ist und nun von Berlin aus mit seiner Schmirgelstimme die Welt erobert. / House of Pain: Ihr „Jump Around“ ist das beste Lied, das jemals fürs Sprunggelenk geschrieben wurde. Neues gibts von dieser Band nicht – egal, wenn das Alte noch so Spass macht. / Rag’n’Bone Man: wieder eine Schmirgelstimme. Dem Engländer könnte höchstens sein Hang zum Gefühligen im Weg stehen. Macklemore & Ryan Lewis: Hip-Hop mit einem Streaming-Aufkommen von einer halben Milliarde. Da muss etwas dran sein.

Donnerstag: Faber: Der Mann mit der Out-of-bed-Figur entfacht Seelenschmerzromantik mit der heiseren Stimme eines Kneipensäufers. / Apropos Kneipensäufer: So klingen auch Feine Sahne Fischfilet. Doch sie haben es mit ihrem Schluder-Punk direkt vom Reitschule-Open-Air No Borders, No Nations ans Gurtenfestival geschafft. / S.O.S.: Die Berner Grossbuben bieten Hip-Hop mit Schweissflecken und leicht bockigem Geruch. Gut. / Trust: Kein Tipp, eher eine dunkle Vorahnung. Stress hat wieder einmal eine Superband zusammengestellt. Diesmal mit Evelinn Trouble und Gabriel von Pegasus. Wir haben Angst.

Freitag: Mario Batkovic: Der Akkordeonist der Stunde darf Gäste nach seinem Gusto einladen. Da könnte einiges Erspriessliches zusammenkommen. / Züri West: Gurten im Verbund mit der erfreulichsten Mundart-Band der Stadt – da kann jetzt nicht sonderlich viel schieflaufen. / Casper: Emo-Rap von einem Mann mit der Stimme eines Bronchial-Asthmatikers. Apart. / Len Sander: Eiszapfenmusik am Sommer-Open-Air.

Samstag:
Kate Tempest: Mal angriffige, mal resignierte Hip-Hop-Poesie inklusive knackiger Programmierarbeit. / Bonaparte: Unser Berner Aussendienstarbeiter in Berlin hat letzten Monat ein fast schon unaufgeregtes, aber durchaus aufregendes neues Album veröffentlicht. / Soulwax: Die elektronisch aufgeladenen Indierocker aus Belgien lassen die Analogsynthesizer brummen. / Marteria und Beginner: Deutsch-Hip-Hop mal ein bisschen mulmig, mal ein bisschen gemütlich. Wir werden sehen. Jessiquoi: Eine Berner Selfmade-Elektrofricklerin mit anheimelnder Stimme und buntem Kleidergeschmack. Unbedingt schauen gehen!

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