Schmeichelei und Boshaftigkeit

Wie aufschlussreich Widmungen sind, zeigt eine Ausstellung des Schweizerischen Literaturarchivs mit signierten Werken aus Blaise Cendrars’ Bibliothek.

Mancher zeichnete seine Widmungen auch wie hier Jacques Prévert im Buch «La pluie et le beau temps».

Mancher zeichnete seine Widmungen auch wie hier Jacques Prévert im Buch «La pluie et le beau temps». Bild: Simon Schmid

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Von 1912 bis in die 1920er-Jahre war Blaise Cendrars ein wichtiger Akteur und Promotor der künstlerischen Moderne. In dieser Zeit hatte er Kontakt zu allen bedeutenden Vertretern der Avantgarde, die ihm ihre Bewunderung und manchmal ihre Freundschaft kundtaten. Die Spuren dieser künstlerisch fruchtbaren Beziehungen zeigen sich in den signierten Werken von Cendrars’ Autorenbibliothek in seinem Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv.

Widmungen bilden eine eigenständige literarische Gattung und können jenseits gängiger Floskeln grossen Einfallsreichtum wie auch die Qualität der persönlichen Beziehungen bezeugen. Die folgenden Zeilen André Bretons etwa zeigen seine aufrichtige Bewunderung für den älteren Schriftsteller: «Herzlichst / Für Blaise Cendrars / diese ersten Gedichte; / sein Freund / André Breton» («Mont de piété», 1919). Die Schlichtheit kann aber auch mit Anspielungen durchsetzt sein wie folgende Widmung von Pierre Drieu la Rochelle, die eine besonders enge Beziehung zu Cendrars jenseits aller Worte bezeugt: «Für Blaise Cendrars / keine Widmung / P. Drieu la Rochelle / Mai 1920» («Fond de cantine», 1920).

Widmungsworte können umgekehrt aber auch besonders raffiniert sein. So zögert Pierre Reverdy nicht, ein ganzes Gedicht an Cendrars zu richten, das er von Hand auf die Schmutztitelseite seines Sammelbandes «La Lucarne ovale» schreibt. Jacques Prévert schenkte im Exemplar von «La pluie et le beau temps» (1955) Cendrars sogar eine Zeichnung, die Sonne und Regen darstellt.

Schliesslich kann eine Widmung auch den realen freundschaftlichen Dialog fortsetzen. Bei Jean Cocteau etwa zeigt sie sich als Indiz einer unerschütterlichen Freundschaft: «Für Blaise Cendrars / den ich bewundere, den / ich liebe und immer geliebt habe ohne / jeden Vorbehalt / Jean Cocteau / Juni 1920» («Poésies 1917–1920»).

Es wäre zu erwarten, dass Cendrars seinen Bewunderern, die ihm auf so freundschaftliche Weise ihre Werke schickten, Gleiches mit Gleichem vergelten wollte. Und zweifellos hat er dies auch getan. Ebenso vertraut war ihm jedoch die Wendung, die man als «Anti-Widmung» bezeichnen könnte. Solche Beispiele finden sich sowohl in seinen Tagebüchern als auch in seinen publizierten Werken und öffentlichen Interviews zu Beginn der 1950er-Jahre. Unter Gleichgesinnten wandelt sich die Freundschaft zur üblen Nachrede, zum Spott, zum Bekenntnis unverträglicher Stimmungen. Vor allem die jüngeren Literaten müssen Cendrars’ Bosheit über sich ergehen lassen.

André Breton beispielsweise wird wie folgt charakterisiert: «der Schleimer André Breton, (...) dem das Vaterland eines Tages erkenntlich SEIN WÜRDE, und der sich nie von seiner Scheinträchtigkeit anthumen Ruhms befreien konnte (...)». Cocteau wird für seine «kabbalistische Perücke» verspottet: «Er hat sie bloss etwas gebleicht, sie spielt leicht ins Ziegelrot, die Haartolle eines Voltaireschen Mulatten, und sie überschattet heute sein Gesicht, was mich ganz traurig macht, wenn ich dem Märchenprinzen von Paris begegne, es sieht aus, als ob Jean eine Kreppschleife um seinen Geist trüge, einen Trauerflor, der leicht angesengt riecht.»

Man sieht es, die Anti-Widmung scheint genauso einfallsreich wie ihre schmeichlerische Gegenseite. Jedenfalls zeugt sie vom kreativen Witz Cendrars’ – und von den literarischen Wohltaten der Boshaftigkeit.

Kabinettausstellung in der National­bibliothek von 11. bis 23. Januar. Das Schweizerische Literaturarchiv präsentiert einmal im Monat Trouvaillen aus den Beständen. www.nb.admin.ch/sla (Der Bund)

(Erstellt: 09.01.2016, 13:20 Uhr)

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