Kultur
Die Verheissungen der Kunst
Von Alice Henkes. Aktualisiert am 30.03.2012
Ausstellungsdaten
Die Ausstellung wird heute ab 18 Uhr eröffnet und dauert bis 15. 7.
Geheimnisvoll-schroffe Berglandschaften, in flächig-abstrahiertem Duktus gemalt, breiten sich vor dem Betrachter aus. Ein Reich jenseits der profanen Wirklichkeit ist es, von dem Nicolas Roerich kündet, in schier magischen Farben. Die Strahlkraft seiner Tempera-Bilder ist so brillant, dass man glauben möchte, hier leuchteten kleine Lämpchen hinter dem Malgrund. Der St. Petersburger Symbolist war eng mit den esoterischen Strömungen seiner Zeit verbunden. Seine Frau Jelena übersetzte Helena Petrovna Blavatskys theosophische Schrift «Die Geheimlehre».
Mit ihrem Hang zum Übersinnlichen befanden die Roerichs sich in illustrer Gesellschaft. Die 1875 gegründete Theosophische Gesellschaft, deren Lehre aus Versatzstücken verschiedener Weltreligionen besteht, inspirierte zahlreiche Kulturschaffende. Roerichs Berglandschaften, die den Betrachter zu einem fernen, verheissungsvollen Licht führen sind durchaus zeittypisch. Ihre farbliche Intensität macht sie zu einer Entdeckung.
Jesus, Buddha und Hexen
Zu sehen sind diese strahlenden Landschaften neben rund 250 weiteren Positionen in der Ausstellung «L’Europe des esprits – die Magie des Unfassbaren von der Romantik bis zur Moderne» im Zentrum Paul Klee. Konzipiert wurde die grosse Themenschau mit rund 250 Werken von Serge Fauchereau für das Musée d’Art Moderne et Contemporain in Strasbourg, für Bern um einige Schweizer Werke ergänzt hat sie Michael Baumgartner. Die pralle Schau liegt ganz auf der Linie von Peter Fischer, dem neuen Direktor des ZPK: «Paul Klee soll als Inspiration und künstlerische Messlatte» für das Ausstellungsprogramm dienen.
Das Europa der Geister lässt sich als direktes Gegenstück zur vor zwei Wochen eröffneten Schau «Unheimlich. Hexen, Geister und Dämonen bei Paul Klee» lesen. Zeigt die Sammlungsausstellung den Berner Modernen als Skeptiker, der die esoterischen Moden seiner Zeit fein belächelt, so wartet die Gruppenschau mit grossem magischem Theater auf, in dem Hexenmärchen und Traumvisionen ebenso Raum haben wie Jesus, Buddha und hellsichtige Medien.
Serge Fauchereau fokussiert in seiner Auswahl vor allem auf die nördlichen und östlichen Länder Europas, denn «der Süden kennt andere Mythen», sagt er. Die chronologisch geordnete Schau hebt mit den Romantikern an, die um 1800 den Ernüchterungen der Aufklärer mit dem Wunsch nach einer Wiederverzauberung der Welt entgegentraten. Viele Maler liessen sich von der Literatur inspirieren. Johann Heinrich Füsslis Darstellung der Hexen aus Macbeth ist dafür ein sprechendes Beispiel. Daneben entdeckten die Künstler Landschaften als Spiegel der Seele; Caspar David Friedrich ist das wohl prominenteste Beispiel.
Östliche Meister
Ende des 19. Jahrhunderts treten die Symbolisten an, hinter der kalten Welt des Materialismus höhere, geistigere Wirklichkeiten auszumachen. Zu den grossen Stärken der Schau gehört die Vielzahl russischer und osteuropäischer Künstlerinnen und Künstler, die vor allem im Symbolismus zu entdecken sind. Viele der hier versammelten Kunstschaffenden sind im Westen wenig bekannt. Zu Unrecht, wie nicht nur der eingangs genannte Nicolas Roerich zeigt. Beeindruckend sind auch die sehr stimmungsvollen Pastellarbeiten von Rudolfs Perle oder der expressive, an Edvard Munch geschulte «Lebenstanz» von Oskar Kallis.
Eine stärkere Konzentration auf diese östlichen Meister wäre der Schau sicher gut bekommen. Die «Spiritistischen Fotografien», mit denen begeisterte Okkultisten beweisen wollten, dass es Geisterwesen gibt, wären in einer phänomenologischen Schau besser aufgehoben als in einer Kunstausstellung.
Ähnlich verhält es sich mit den Nischen, die Einzelphänomenen wie den Rosenkreuzern oder der Eurythmie gewidmet sind. Hier wirkt die Schau etwas unentschieden. Will sie die Faszination des Magischen von der Aufklärung bis an die Schwelle der Gegenwart mit historisch-theoretischen Fakten unterfüttern? Dafür ist sie zu klein. Für den rein künstlerischen Einblick ins Europa der Geister indes will die Ausstellung oft zu viel. (Der Bund)
Erstellt: 30.03.2012, 08:21 Uhr
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