Ein funkelndes Juwel auf rotem Sockel

Hamburg eröffnet heute den frei zugänglichen Teil der Elbphilharmonie. Das architektonische Wunderwerk von Herzog & de Meuron ist weit mehr als ein Konzerthaus.

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Was wurde nicht gestritten, verleumdet, gespottet in den 15 Jahren, die die Elbphilharmonie brauchte, um Wirklichkeit zu werden! Nach dem ersten Enthusiasmus regierte lange das blanke Chaos, die erträumte weisse Fregatte entschwand in ein schwarzes Loch. Die Kosten vervielfachten sich auf 800 Millionen Euro, die Eröffnung verzögerte sich um ein halbes Jahrzehnt. Der «reine Wahnsinn» sei es gewesen, erinnert sich Architekt Jacques Herzog. Sein Basler Büro, das er mit Pierre de Meuron führt, blickte zwischenzeitlich mindestens an den Rand des Abgrunds, der das ganze Projekt zu verschlingen drohte.

Doch nun, da der Wunderkristall auf rotem Sockel für das Publikum festlich eröffnet wurde und es nur noch zwei Monate dauert bis zum ersten Konzert, ist aller Ärger verflogen. Die Menschen drängen zu Tausenden zur Besichtigung ihrer «Elphi», sodass grosse Engpässe bevorstehen. Für das erste Konzert gingen 250'000 Anfragen ein, hundertmal mehr, als Plätze zur Verfügung stehen. Herzog und de Meuron strahlen, sprechen aber auch von «gewaltiger Er­leichterung». Architekturkenner überschlagen sich vor Begeisterung.

Hamburgs neues Wahrzeichen: Die Elbphilharmonie in der Aussenansicht. (Video: Youtube/Elbphilharmonie Hamburg)

Man muss die Ahs und Ohs der Kritiker der internationalen Medien miterlebt haben, die sich am Donnerstag staunend und mit leuchtenden Augen von den Architekten stundenlang durch das funkelnde Juwel führen liessen. Die deutschen Kollegen, die das Haus noch ein wenig früher hatten sehen dürfen, schrieben bereits in diesem Hochgefühl. Die Elbphilharmonie sei vielleicht das erstaunlichste Bauwerk der letzten Jahrzehnte, meinte die «Zeit». Der «Süddeutschen» fiel nur ein Bauwerk ein, das eine vergleichbare städteräumliche Präsenz habe: die Oper von Sydney. Und die «Frankfurter Allgemeine» nannte es schlicht «ein kleines Weltwunder».

Schiff mit geblähten Segeln

Da die Elbphilharmonie eher eine Landschaft ist als ein Haus, muss man sie erwandern und ersteigen, um sie zu erleben. 26 Stockwerke führt der Weg aus dem Dunkeln hinauf, durch Röhren, über Hochebenen, verwinkelte Aufgänge, bis man oben in der Wolke verschwindet. Es ist ein Bauwerk an der Grenze von Erde, Wasser und Himmel, von Hafen und Stadt. Eine Art Schiff mit geblähten Segeln, das aussieht, als würde es gleich die Anker lichten. Bereits an der komplexen Glashaut, die sich unregelmässig wölbt und öffnet, kann man sich kaum sattsehen. «Es ist ein Ort, an dem Spiegelungen Sinn machen», erklärt Jacques Herzog die Idee. Und so flirrt und schimmert der Kristall je nach Licht, Wetter und Perspektive wie ein Medium der ganzen Stadt.

Betreten tut man den Zauberberg durch eine weisse, glitzernde Röhre, gleitend auf einer einzigartigen, gekrümmten Rolltreppe. Sie ist unten steiler als oben, sodass man nicht sieht, wohin sie einen führt. Dann öffnet sich schlagartig ein gewaltiges Fenster auf den ersten atemberaubenden Horizont, den Industriehafen, das erträumte Meer. Eine Wendung, und man ist auf der Plaza, der Terrasse auf dem alten in der Elbe stehenden Speicher aus rotem Klinker. Dieses frei zugängliche Hochplateau ist allein eine Reise wert. In luftiger Höhe strömen hier die Sicht auf die Stadt und der Blick auf den Hafen machtvoll zusammen. Drinnen und Draussen durchdringen sich, begrenzt von zauberhaften Vorhängen aus ungleichmässig gewelltem Glas, die sich nach Bedarf öffnen und schliessen lassen.

Der Konzertsaal ist das Herzstück: Einblick in die Elbphilharmonie. (Video: Youtube/shz.de)

Steigt man weiter hoch zu den Konzertsälen, gelangt man ins Reich des Holzes, das sich piranesihaft in wilde Fluchten öffnet und faltet, mit Durchblicken auf die Ebene der Plaza. Im grossen Konzertsaal betritt man eine gewaltige Grotte, die trotz ihrer Grösse unerhört leicht und licht wirkt. Die Architektur folgt bis ins kleinste Detail dem Ziel, die Musik auf allen Plätzen gleich gut klingen zu lassen. Die Ränge sind so steil wie in den Stadien von Herzog & de Meuron, «weil wir ein ähnlich intensives Klang- und Gemeinschaftserlebnis gesucht haben». Es heisst, viele Musiker hätten nach der ersten Probe geweint vor Ergriffenheit. Über die Aufzüge erreicht man schliesslich das über viele Kanten wild geschwungene, schneeweiss blinkende Dach, hinter dessen Graten nur noch der Himmel und die Kirchturmspitzen der Stadt zu sehen sind.

Liebe zum Unikat

Berg, Welle, Gletscher, Wolke: All die Naturmetaphern, die einem die Elbphilharmonie geradezu aufdrängt, kommen nicht von ungefähr. Sie sind vielmehr unvermeidlich. Dieses Bauwerk schafft mit den Mitteln der Kunst eine zweite Wirklichkeit, eine künstliche Natur, in der Kultur und Natur ineinander umschlagen und sich wundersam bespiegeln. Das ist die eine Offenbarung, das eine starke Bekenntnis dieses Baus. Das andere ist die Liebe zum Unikat. Keine der 2200 Glasplatten der Aussenhaut ist mit einer anderen identisch, kein Element des gläsernen Vorhangs ist gleich, keine einzige der nach akustischen Erfordernissen gefrästen zehntausend Stein- und Holzplatten in den Konzertsälen gibt es ein zweites Mal. Dieses Prinzip erklärt einen Teil der exorbitanten Kosten. Sie ist aber auch ein kraftvolles Statement, nicht nur ästhetisch, auch politisch. Dieser Bau misstraut jeder Massen(ab)fertigung. Bis ins Detail führt er vor, dass «ein gemeinschaftliches Ganzes» nur erklingt, wenn «der Einzelne seine Andershaftigkeit bewahrt», wie die «Zeit» schrieb.

De Meuron betont, wie wichtig der ­öffentliche Charakter sei. Konzerthäuser sind üblicherweise dem reichen Bildungsadel einer Stadt vorbehalten. Die Elbphilharmonie hingegen schafft um die Säle herum einen neuen öffentlichen Raum, einen eigentlichen Platz für alle, an dem sich die durch Elbe und Hafen geteilte Stadt neu begegnen kann. «Ohne die Plaza», sagt de Meuron, «würde es diese Philharmonie heute gar nicht ­geben.» So wie sich moderne Museen längst auch jenen Besuchern öffnen, die an den ausgestellten Kunstwerken gar nicht interessiert sind, komme nun auch die hohe Musik näher zum Volk.

Die Architekten wie auch die Hamburger Regierung hoffen, dass die Elbphilharmonie die Weiterentwicklung der ganzen Stadt inspiriert. Eine transformierende Wirkung ist diesem modernen Wahrzeichen durchaus zuzutrauen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.11.2016, 23:35 Uhr

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