Die Betonsiedlung, die einst als Weltwunder galt
Von Alexander Sury. Aktualisiert am 03.12.2010 4 Kommentare
Assoziation eines mediterranen Dorfs: Die Häuser sind zu kompakten Gruppen vereint. (Bild: pd)
Grüne Betondächer: ein maximales Mass an Privatheit trotz der Dichte der Bebauung. (Bild: pd)
Das Buch
Heinz J. Zumbühl, B. Miesch, O. Slappnig, P Kühler (Hrsg.): Siedlung Halen. Haupt-Verlag, Bern 2010, 150 S., ca. 48 Fr.
Artikel zum Thema
«Ich erinnere mich gut», notierte der renommierte britische Architekt Richard Rogers, «wie ich diese wunderschöne und brillant organisierte, an die Hügel geschmiegte Siedlung besuchte, deren plastische Betonformen sich von der grünen Landschaft abhoben.» So enthusiastisch äusserten sich im Laufe der Jahre viele Koryphäen über die Halensiedlung in Herrenschwanden; der Architekt Hadi Teherani nannte sie einmal ein «architektonisches Weltwunder der Moderne».
Im Jahr 2003 widerfuhr der zehn Autominuten vom Berner Bahnhof entfernt gelegenen Pioniertat indes eine zweifelhafte Ehre: Die Siedlung des Architekturbüros Atelier 5, auf einer Waldlichtung an einem gegen die Aare abfallenden Hang gelegen, wurde als «schützenswertes Objekt» vom Kanton unter Denkmalschutz gestellt.
Dies war eine Ehrung nicht ohne Ironie für das 1960 wegweisende Experiment in verdichtetem Bauen mit durchlässigen Grenzen zwischen Privatsphäre und öffentlichem Raum; die Architekten verstanden die Halensiedlung nämlich als Aufforderung an die Bewohner, sich ihren Wohn- und Lebensraum immer wieder individuell anzueignen. Den Innenausbau der dreigeschossigen Wohnungen mit fliessend ineinander übergehenden Räumen überliessen die Architekten bewusst den Eigentümern. Unantastbar für die Atelier-5-Gründer sind dagegen die Häuserhüllen mit den durch hohe Mauern sichtgeschützten Privatbereichen, den halb öffentlich einsehbaren Zonen (Patios) und dem öffentlichen Raum mit Dorfplatz, Laden, Clubraum, Schwimmbad und Sportplatz sowie dem ganzen Geflecht von Gässchen und Strassen in der autofreien Siedlung.
Der «Halengeist» lebt weiter
Alfredo Pini, einer der Mitbegründer des Atelier 5, warnt im Jubiläumsbuch, für das ein in der Halen wohnaftes Quartett verantwortlich zeichnet, vor einem «Korsett durch die Denkmalpflege» und erinnert daran, dass sich die «Ansprüche ans Wohnen» in den vergangenen 50 Jahren erheblich verändert hätten: Eine Wohnsiedlung müsse in der Lage sein, «ihre Qualität zu aktualisieren, nur so kann sie diese auf die Dauer auch behalten». Wer in der Halen lebt, scheint sehr zufrieden mit seiner Wohnsituation. Nur wer, meist aus Altersgründen, umziehen muss, verlässt die Siedlung. Und wenn jemand sein Haus verkaufen will – die Erstbezüger zahlten 1959 durchschnittlich 110 000 Franken –, geht dies in der Regel ohne Ausschreibung über die Bühne; die Interessenten stehen Schlange, meist geht ein Haus unter der Hand weg.
Ein deutliches Indiz dafür, dass sich das Konzept der Halensiedlung – diesem unvermindert Busladungen voller Architekturtouristen anziehenden «Statement gegen das übliche Einfamilienhausquartier» – bis in die Gegenwart bewährt hat, ist eine sozusagen demografische Besonderheit: Neben diversen «Ureinwohnern» leben heute auch etliche «Halen-Kinder» mit ihren Familien wieder in der Siedlung. Für die 2005 publizierte Studie «Die Kinder der Siedlung Halen» führte die Ethnologin Nancy Wiemann-Baquero zahlreiche Gespräche und kam zum Schluss, dass nahezu alle befragten «Halen-Kinder» von dieser Alternative zu suburbanen Schlafsiedlungen positiv geprägt wurden und das rege soziale Leben in der Siedlung als bereichernd priesen.
Eine Aktentasche voller Noten
In einer kenntnisreichen, im Anhang auch auf Englisch übersetzen Einführung stellt der Architekturhistoriker Hubertus Adam das Halen-Projekt in einen zeitgenössischen Kontext, um die Aufbruchsymbolik zu betonen, die von der Halensiedlung ausging. Er zitiert Max Frisch, der nach einer Amerikareise 1952 in seiner Eigenschaft als Architekt seiner Heimat vorwarf, sie sei eine «inszenierte Idylle» in «Landstil-Tradition» und sehe so aus, «als möchte die ganze Schweiz (ausser wenn sie Staumauern baut) ein Kindergarten sein.»
Gegen diesen auch den urbanen Raum in der Schweiz prägenden «Kindergarten» formierte sich im Zuge der Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg Widerstand, und das Rebellennest lag in der Stadt Bern: Mitte der 50er-Jahre trafen sich im Büro von Hans Brechbühler, der als junger Architekt für den «Leuchtstern» Le Corbusier gearbeitet hatte, eine Gruppe von tatendurstigen Berufsanfängern. Sie hegten grosse Pläne und waren entschlossen, auf die Zersiedelung der Landschaft mit dem Bau einer kompakten Siedlung zu reagieren.
Spannend ist es, nachzulesen, wie der Kauf des Grundstücks wegen der unsicheren Finanzierung beinahe gescheitert wäre; in der kritischen Phase sprang der Bauunternehmer und Kunstmäzen Ernst Göhner ein und trieb zuerst mit einem Darlehen und später als Bauherr die Realisierung der Halensiedlung voran. Atelier-5-Mitgründer Hans Hostettler erinnert sich, wie ein Emissär von Göhner eine Aktentasche voller Noten in das Estrichbüro an der Mühlemattstrasse 53 brachte: «Wir sind am selben Nachmittag mit dem Geld zum Landeigentümer gerast. Das Grundstück haben wir nur knapp vor dem Zuschlag an unseren grossen Konkurrenten erworben.» Hindernisse gab es noch andere: Die Idee, ganze Gebäudeteile in Beton vorzufabrizieren, liess sich nicht umsetzten; in der Folge beschränkte sich das Atelier 5 aus Kostengründen auf zwei Haustypen. Harzig verlief anfangs auch der Verkauf der Häuser wegen einer temporären Hypothekarkrise, in der diverse Interessenten keine Kredite mehr erhielten.
Das sorgfältig konzipierte, auch optisch überzeugende Buch verströmt auf kongeniale Weise etwas von der spröden Eleganz der Halensiedlung. Auf den informativen Textteil mit Interviews, Essays und Beiträgen von Halen-Bewohnern folgt eine grosszügige Bildstrecke mit Innen- und Aussenaufnahmen zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten. Im Anhang sind Baupläne und Übersichtskarten sowie eine ausführliche Chronologie und ausgewählte Dokumente versammelt. Im fast schon visionär anmutenden Gutachten des Heimatschutzes wurde 1955 festgehalten, dass «der reihenweise Zusammenbau der Einfamilienhäuser» ein «Gegenmittel gegen den zunehmenden Kulturlandverlust» darstelle. (Der Bund)
Erstellt: 03.12.2010, 08:57 Uhr
WRITE A COMMENT
4 Kommentare
Wenn dereinst in weiteren 50 Jahren Vergleiche mit "neuzeitlichen" geplanten und gebauten plattenbauähnlichen Grosssiedlungen im Raum Zürich angestellt werden, wird man die heute angewandte weitverbreitete Architektur-Unkultur des "heiligen" rechten Winkels (CAD) verdammen. Antworten
Kultur
Sanierung und Erweiterung ILFISHALLE
Jetzt bei der Aktion "Helm auf!" mitmachen und in der sanierten ILFISHALLE verewigt werden








Alex Gerber
1948 projektierte Le Corbusier eine Wohnsiedlung wo die Pilger in "Bauten voller Würde, in Ehrerbittung gegenüber der Landschaft, mit einfachsten Mitteln gebaut - gestammter Erde - den Weg zu den wesentlichen Dingen finden würden. So beschrieb der Architekt sein Projekt "Kasbah" dass dem Atelier 5, laut Alfredo Pini, als Vorbild gedient hatte; für Le Corbusier war es eben die Altstadt von Algier, Antworten