Lob der Mässigung

Karnevaleske Inszenierung mit einigen Koordinationsschwierigkeiten: Die Camerata und das Konzert Theater Bern boten mit «L’Orfeo» ein spannendes, aber ausbaufähiges Experiment.

Die Farbigkeit der Musik überstrahlte die Inszenierung – trotz opulentem Bühnenbild.

Die Farbigkeit der Musik überstrahlte die Inszenierung – trotz opulentem Bühnenbild. Bild: Anette Boutellier

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Gleich mehrere Premieren waren am Sonntagabend zu verzeichnen: Mit Monteverdis «L‘Orfeo», dem wohl zugänglichsten Werk aus den Gründerjahren der Oper, wagte sich die Camerata Bern nicht nur erstmals an eine Oper, sondern auch in den Orchestergraben des Stadttheaters. Die Aufgabe: mit schwer kontrollierbarem barockem Instrumentarium klanglich jene Aura zu beschwören, welche vermutlich 1607 am Hof der Gonzaga in Mantua zur Karnevalszeit herrschte.

Mit der Eröffnungsfanfare auf den Emporen und der schwarz verhüllten personifizierten Musica kündigte sich das vielleicht musikalischste aller Opernsujets an: jene tragische Geschichte vom betörend singenden Halbgott, der sich in die Unterwelt begibt, um seine Euridice in die Welt der Lebenden zurückzuholen. Es ist vor allem Monteverdis Musik, welche diese Favola in musica, eigentlich ein Schäferstück, der Sphäre der leichten Muse enthebt und zu einem veritablen Dramma per musica, zur Tragödie im aristotelischen Sinne macht.

Ein Tugendstück gar, denn es ist nicht die Liebe, die im Vordergrund steht, sondern die gefährliche Macht der Affekte. Das zeigt sich vor allem an der Titelpartie. Dieser Orfeo kennt nur zwei emotionale Extreme: Euphorie und Verzweiflung. Aus Liebe wird schnell Begierde, die nach Mässigung verlangt.

Ein gepflegte Orgie

Attilio Cremonesi fiel die Aufgabe zu, ein Ensemble zu dirigieren, welches normalerweise ohne Dirigent auskommt. Das gelang ihm in der ersten Hälfte des Abends auch ausserordentlich gut. Ein durchgehend ausgezierter, virtuos gehandhabter Generalbass liess das Herz eines jeden Liebhabers Alter Musik höher schlagen; jedoch konnten gewisse Koordinationsschwierigkeiten, die in der Folge auftraten, damit nicht überspielt werden.

Wo Cremonesi offenkundig gegen die Musik gestikulierte, folgten ihm die Musiker nur bedingt. Auch wurde Monteverdis eigene klangliche Ausdifferenzierung nicht vollends ausgeschöpft. Dennoch: Der Tanzcharakter in den Ritornellen und Chören wurde überwiegend getroffen, und mit wunderbar dynamischem Orgelpunkt im Recitar cantando der Solisten zeigte die Camerata von Beginn an die ganze bezwingende Kraft von Monteverdis Musik.

Mit diesem Panorama an musikalischer Gestaltungskraft wusste Lydia Steiers Inszenierung seltsam wenig anzufangen: Mit einem Aufgebot an allerhand Hirten und Nymphen, einem Bühnenbild aus der Hochrenaissance, einer Garderobe aus den 1920er-Jahren und Kostümen, denen ein Hauch von Harald Glööckler nicht abzusprechen war, konnte die Inszenierung immerhin jenes irritierend Karnevaleske evozieren, welchem die Oper ihre Entstehung verdankt.

Statt jedoch dem tanzenden Chor arkadische Würde zu verleihen, kam die ansonsten unspektakuläre Choreografie wahlweise als Ententanz oder Twist daher, zumindest im 1. Akt. Auch artete das hier heraufbeschworene Fest der Liebe in ein an trunkenen Gestalten nicht armes Bacchanal aus. Hatte man sich im Gott geirrt? War es blosse Dialektik? Vieles erschien jedenfalls seltsam unmotiviert und hinterliess eher den Eindruck einer gepflegten Orgie, Urinieren am Bühnenrand inklusive.

Koordinationsschwierigkeiten ergaben sich zuweilen auch im Zusammenspiel von Musik und Szene: Der Einsatz der Messaggiera im 2. Akt ging in der feuchtfröhlichen Stimmung vollends unter. Die Personenführung wirkte streckenweise holzschnittartig, was gerade beim Protagonisten unangenehm auffiel. Orfeo als Charakter zwar extremer Affekte nimmt man die stets gleich bleibende psychotische Mimik Uwe Stickerts kaum ab. Gelegentlich, etwa im Bittgesang vor Charonte im 3. Akt, schlug dies gar in konträre Selbstgefälligkeit um.

Der Stimmkraft beraubt

Stickerts verhaltener Tenor überzeugte dennoch mit seiner schönen stimmlichen Mittellage. Ansonsten tat sich niemand aus dem Ensemble besonders hervor, was man angesichts der Farbigkeit der Musik nicht gross bedauern muss. Eine saubere Intonation wäre dennoch gerade in den Duetten und Ensembles wichtig gewesen, deren Reichweite von stark monodischer Affektsprache bis hin zum satztechnisch komplexen Madrigal reichte.

Diese Intonationsschwächen, von denen leider auch die Camerata vereinzelt betroffen war, fielen jedoch im Gesang weniger ins Gewicht als mangelndes Tonvolumen. Manch unerklärlich verschluckte Endsilbe verdeutlichte die Baustellen der noch nicht ganz eingespielten Truppe an diesem Premierenabend.

Den eindeutigen Höhepunkt von Musik und Inszenierung bildeten eindeutig der 3. und 4. Akt: Abgesehen vom plakativen Charakter des einschlafenden Charonte – der sich nicht zu blöde war, sich während seines demonstrativen Einschlafens gähnenderweise am Hintern zu kratzen – bestachen hier vor allem diejenigen Solisten, welche nicht durch eine Pantomime vertreten und hinter der Bühne der Stimmkraft beraubt waren.

Wo die Musik im letzten Akt dem Gemütszustand des verzweifelten Protagonisten folgend regelrecht zerfällt, geht das unvermeidliche «lieto fine» einen anderen Weg. Mit einer Reprise der arkadischen Orgie vermochte auch in dieser Inszenierung der erzwungene Schlusstaumel während Orfeos Apotheose nicht restlos zu überzeugen – von Mässigung zumindest keine Spur.

Insgesamt boten die Camerata und das Konzert Theater Bern ein in jedem Fall spannendes und spielfreudiges Experiment, das jedoch an vielen Stellen ausbaufähig wäre. Der tosende Applaus samt stehenden Ovationen am Ende waren entsprechend als Aufruf zu verstehen: Bitte mehr davon!

Weitere Vorstellungen: 7., 12., 17., 26. 
und 29. März.

(Der Bund)

Erstellt: 03.03.2015, 13:21 Uhr

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