«Igor, das ist Kapitalismus!»

Putin, Piroggen, Panoramen und ein Kampfjet-Musical: 
9500 Kilometer im Zug unterwegs von Moskau nach Wladiwostok.

Die schönste Landschaft durch die schmutzigsten Fenster: Acht Stunden vor Tynda (Oblast Amur), entlang der halb vereisten Nyukscha.

Die schönste Landschaft durch die schmutzigsten Fenster: Acht Stunden vor Tynda (Oblast Amur), entlang der halb vereisten Nyukscha. Bild: Daniel Ludwig

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«Ich bin ein homosexueller, völkischer Nationalist aus dem dekadenten Westen. Ich hoffe, die russische Armee erobert bald Europa und befreit uns vom Faschismus.» Der mir gegenüber auf seinem Abteilbett sitzende, hünenhafte Andrei starrt mich entgeistert an, schüttelt den Kopf, vertieft sich jedoch schnell wieder in sein Bodybuilderheftchen.

Ich hatte mir den abstrusen Satz – Aussagen von russischen Duma-Parlamentariern paraphrasierend – als Replik für etwaige Provokationen xenophober Russen zurechtgelegt. Andrei schien nicht dergestalt veranlagt zu sein. Er hatte jedoch nach meiner Frage, ob er mit seinem unter dem Abteilbett verstauten Gewehr mit Zielfernrohr auf der Jagd gewesen sei, geantwortet, er und seine Kollegen im Nebenabteil kämen von Schiessübungen im westlichen Russland, sie seien Berufs­soldaten der russischen Armee.

Prompt hatte ich nachgehakt, ob damit nicht eher die östliche Ukraine gemeint sei und er ein Separatist Sniper. «Njet», hatte er unwirsch geantwortet und ein paarmal «Ukraina» und «fascism» vor sich hingemurrt. Achsel­zuckend ging ich darauf mit Andreis Plastikbecher und meiner «Swiss Military»-Thermostasse zum Samowar am Waggon-Ende und kredenzte uns hernach einen Bio-Fenchel-Tee von Coop Schweiz. Andrei nippte am Becher, schlürfte, trank und bedankte sich: «Spassiba, fascist.»

Er hatte mir beim Betreten des Abteils im Fernzug Moskau–Ulan Ude das Klischee des grobmotorisch veranlagten russischen Manns zunächst eindrücklich bestätigt. Andrei hatte die Abteiltüre mit einem gezielten Fusstritt geöffnet, eine riesige Kiste, zwei prallvolle Sport­taschen, das im leinernen Futteral kaschierte Gewehr und schliesslich seinen massigen Körper ins Abteil gewuchtet.

Sofort fing er an, aus der Kiste unzählige grosse Blechdosen im ganzen Abteil zu verstauen. Seiner Ausdünstung nach konnte man vermuten, dass er seit längerem keine Duschkabine von innen gesehen hatte.

Das fängt ja heiter an, dachte ich, hatte ich doch insgeheim gehofft, wenigstens am Anfang meiner ersten von sieben Transsib-Etappen nach Wladiwostok im Viererabteil alleine meine Ruhe zu haben. Diese Hoffnung zerstob nun wie trockener Pulverschnee unter einer dahinrasenden russischen Lokomotive.

Andrei verschwand und kam nach einer halben Stunde wohlriechend und frisch rasiert zurück. Nun fühle er sich besser, meinte er. Er habe im Spallny-Waggon – die bessere Klasse als unser Coupé – die Kondukteurin bestochen und eine Dusche nehmen dürfen. Auch sonst taute Andrei auf, er wurde richtig nett. Was das denn für Büchsen seien, fragte ich mutig. «Protein», entgegnete er, er wolle mit Bodybuilding anfangen – und beugte sich wieder über sein Heft mit den Bildern ge­ölter Muskelmänner.

Wir näherten uns Jaroslawl, einer riesigen Industriestadt. Dröhnend überquerte die Transsib eine Stahlbrücke über der noch jungen Wolga. Der erste Fluss war also geschafft. Schon als Sekundarschüler konnte ich die russischen Flüsse bis an den Pazifik zitieren: Wolga, Irtisch, Ob, Jenissei, Lena, Angara, Tunguska, Amur, Ussuri.

«Früher war es besser»

Lubow Maljamowa ist eine ältere, adrett gekleidete und ein blitzsauberes Deutsch sprechende Dame in Jekaterinburg, in deren Wohnung ich hausen darf. Sie zeigt mir akribisch die Stadt.

Lubow hatte zu Sowjetzeiten als Übersetzerin für Sach­bücher und Gebrauchsanleitungen in der Stahl- und Rüstungsindustrie gearbeitet. Jetzt leben sie und ihr Mann von zweimal zehntausend Rubel Rente, umgerechnet etwa fünfhundert Franken. «Wir hätten bei den Staatsbahnen arbeiten sollen, dann würden wir jetzt das Vielfache kriegen», meint Lubow.

Lubow und ihr Mann, Jekaterinburg

Sie schenkt mir ein kleines Einmachglas mit Waldbeerensaft – eine olfaktorische Reminiszenz an die Zeit, als man noch im Wald Beeren pflücken ging. «Früher war es für uns besser. Wir hatten Arbeit, gesicherte Renten. Die Breschnew-Ära war die beste Zeit. Nach der Perestroika wurde es schwierig. Wachsende Kriminalität, Zerfall des Rubels, wenig oder gar keine Arbeit und häufig keinen Lohn. Jetzt schlagen wir uns durch.» Lubow lächelt. «Touristen sind immer willkommen.»

Den letzten Touristen auf meiner Reise begegne ich kurz nach dem Ural im tüllgeschmückten Speisewagen bei einer schmackhaften Soljanka und einer Flasche Sibirskaja Korona. Es sind dies ein Rentnerpärchen aus Helsinki und ein öster­rei­chi­scher Agronomiestudent, der an der Universität Ulan Ude ein EU-Stipen­dium antritt. Sie alle fahren die vier Tage bis Irkutsk durch, benutzen die klassische Transsib-Route südlich des Baikalsees.

Ich habe mir eine speziellere Variante ausgesucht. Ab Taischet in Zentralsibirien werde ich die Transsib verlassen und mit der Baikal-Amur-Magistrale (BAM) über das Nordende des Baikalsees durch das Stanowoi-Gebirge bis weit nach Russisch- Fernost reisen, um dann südwärts entlang der russisch-chinesischen Grenzflüsse Amur und Ussuri die Hafenstadt Wladiwostok am Pazifik zu erreichen.

Die BAM ist ein altes Stalin-Projekt. Da die klassische Transsib teilweise sehr nahe an der chinesischen Grenze vorbeiführt, ordnete Stalin aus strategischen Gründen den Bau einer weiter nördlich gelegenen Bahnlinie an. Die BAM wurde erst in den Neunzigern endgültig fertiggestellt und in Betrieb genommen.

«Amerikanski, Amerikanski!», haucht mir grölend im Speiserestaurant ein betrunkener junger Russe ins Gesicht und zeigt mir auf seinem Smartphone ein westliches Musikvideo. Er und sein Kollege werden mit steigendem Wodka­konsum im Lauf des Abends immer aufdringlicher. Ich habe genug, trinke mein Bier aus, lege ein paar Rubelscheine auf den Tisch, stehe auf und zwänge mich durch die Waggons zurück ins warme Abteil.

In den zugigen Durchgängen klebt Eis auf den stählernen Trittbrettern. Draussen fliegt in der Nachtschwärze die sibirische Sumpfebene vorbei, entlang des von den Waggonfenstern aufgehellten Bahndamms wirbelt Schnee auf, der russische Winter hält früh Einzug.

Nachts wache ich auf und blicke durchs halb vereiste Fenster. Der Zug steht. Omsk am Irtisch. Draussen ist es vollkommen still. Es schneit. Irgendjemand fängt im Nebenabteil an zu schnarchen. Am nächsten Morgen überqueren wir den Ob und halten in der Millionenstadt Nowosibirsk, der Himmel hängt grau und kalt über dem grün gestrichenen Bahnhof.

Neue Passagiere drängen ins Abteil und erzählen, in der Stadt laufe nichts mehr, alles sei abgesperrt, ein Verkehrschaos – Präsident Putin sei zu Besuch. Ich arbeite mich nach draussen und kaufe einer Babuschka einen Sack Piroggen ab. Zwei junge Polizisten drängeln durch die Menge und führen in ihrer Mitte die Betrunkenen aus dem Speise­wagen ab. Die beiden taumeln im T-Shirt bei plus zwei Grad an mir vorbei, ein glückliches Grinsen im Gesicht.

Besuch von den lieben Nachbarn

Igor, ehemaliger Historiker und jetzt Versicherungskaufmann aus Barnaul im Altai, ist mein neuer Nachbar – wie auch ­Ilschar, der wortkarge Tatar, der über mir liegt. Letzterer erklärt mir, dass sein Arbeitsort, die Stadt Ust-Kut an der oberen Lena, der Ort ist, der auf der Erde am weitesten von jeglichem Meer entfernt sei.

Später besuchen uns im Abteil zwei wild aussehende, halbliterweise Wodka trinkende und Fischpiroggen verschlingende Kältetechniker aus Kasachstan, dazu ein ebenfalls stark angetrunkener Kirgise aus Bischkek. Der Geruchsmix im Abteil wird immer interessanter.

«Putin ist stark», verkünden fast alle unisono, als unsere Gespräche ins Politische abdriften. Und: «Alle Westukrainer sind Faschisten.» Putins Propagandazentrale scheint das Wort «Faschist» als Multifunktionsbegriff zur Abtötung jeder Debatte auserkoren zu haben. «Was denkst du über die Ukraine?», fragt Igor.

Ich erwähne, dass Faschisten wohl überall in der Welt vorkämen, in der Schweiz, in den USA, auch in Russland. Meine Sorge sei eher, dass die Russen einseitig informiert würden, der Kreml bestimme doch mehr oder weniger, was man lesen, hören und sehen dürfe.

«Es gibt das Internet», entgegnet Igor. Ja, antworte ich, doch hätte ich gelesen, dass die Russen ihre Informationen grösstenteils vom Staatsfernsehen bezögen. Ausserdem hätte ich bisher nirgendwo auch nur eine einzige Person Zeitung lesen sehen – nicht mal in Moskau. «Das ist richtig», sagt Igor nachdenklich. «Vielleicht wissen wir nur das eine.»

Er gähnt, entfaltet sorgsam sein weisses Bettlaken und verstaut seine blank polierten Lackschuhe. «Ich muss schlafen», sagt er. In Krasnojarsk müsse er frühmorgens an ­einer Konferenz teilnehmen. Seine Vor­gesetzten aus ganz Russland seien geflogen, er selber müsse die Bahn nehmen. Ich entgegne: «Igor, das ist Kapitalismus!» Er lächelt säuerlich.

Nach Überquerung des Jenissei bei Krasnojarsk in der Morgendämmerung bummelt der Zug durch eine immer hügeligere Landschaft, die mittelsibirische Wald-Taiga. Als Zaungäste fungieren weiterhin Billionen von Berjosas – weiss-schlanke Birken –, dazu gesellen sich nun auch Kiefern, Lärchen, Föhren, Zedern, Laubbäume.

Nur noch wenige Siedlungen sind zu sehen, ab und zu erblickt man ein verfallenes Holzhaus, kleine Bahnhöfe, riesige Holzfabriken und vereisende Flüsse. Etappenhalt in Taischet, dem sibirischen Bahnknotenpunkt, und Empfang durch einen weiteren Igor: Igor Schalygin.

Er umarmt mich herzlich auf dem windigen Perron. Rein äusserlich ginge der langhaarige Igor locker als Rockgitarrist der 80er-Jahre durch. Er ist ehemaliger Lehrer und Supermarktleiter, ein Rückenleiden zwang ihn zur vorzeitigen Rente.

Er spricht ansprechendes Deutsch und zeigt mir am nächsten Tag Taischet, das ausser ein paar Denkmälern mit fäuste­reckenden Bronzeproletariern neben rostigen Panzern und einem kleinen Orts- und Eisenbahnmuseum nicht viel zu bieten scheint. Und doch: Unter der kundigen Führung von Igor entblättert sich die abgelegene Siedlung, die nur dank der BAM entstand, zu einem kleinen Universum.

Marina, Deutsch- und Französischlehrerin, im BAM-Museum in Tynda

Während Stalins Herrschaft entstanden rund um Taischet diverse Gulags. Hunderttausende politische und kriminelle Häftlinge, dazu deutsche und japanische Kriegsgefangene, sollen hier krepiert sein. Mein Gastgeber zeigt mir auch den Moskau-Trakt, die alte Handels­strasse durch Sibirien.

Hier sei gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch Anton Tschechow vorbeikutschiert, als er nach Sachalin reiste, um die dort Inhaftierten der Verbannung – der Katorga – statistisch zu erfassen. Sein Buch darüber befindet sich in meinem Gepäck, es ist jedoch aufgrund der seitenlangen statistischen Erhebungen des Mediziners Tschechow ­etwas mühsam zu lesen.

Igor initiiert mich abends ins korrekte Wodka-Schwarzbrot-Ritual: zuerst an einem Stück Schwarzbrot riechen, tief ein­atmen, dann das Gläschen kippen, erneut am Brot riechen, in den Mund schieben, lange kauen und geniessen.

Im Holzhaus herrscht Marina

Baikal. Das blaue Auge Sibiriens – tiefstes und grösstes Süsswasserreservoir der Erde – erstreckt sich vom Aussichtspunkt bis an den Horizont, die Wälder sind braun, der Himmel ist gross, die Wasser­fläche unendlich. Ein eisiger Wind weht von der südöstlich gelegenen Republik Burjatien her, weit entfernt glänzen schneebedeckte Bergketten.

Der Alpengewohnte verfällt bei der Betrachtung des gewaltigen Panoramas in eine Art Landschaftsbesoffenheit. Im bequemen Wolga wartet Raschit mit dem Chauffeur. Raschit Jahin ist Tatar, ehemaliger Tunnelingenieur bei der BAM und mein touristischer Betreuer hier in Sewerobaikalsk.

Raschit Jahin, Touristiker, Sewerobaikalsk

Er hat einen verdrehten Fuss seit Jugendzeiten, erlitt vor zwanzig Jahren einen Schlag­anfall, ist seither halbseitig gelähmt und spricht dadurch ein etwas nuscheliges Englisch.

Nun steuert er, bekleidet mit Wollmütze, Handschuhen und einer Jacke in orangener Signalfarbe, seit Jahren ein Elektrowägelchen der deutschen Marke Optimus durch die triste Sowjetstadt. Auf seinem Lenker flattert stolz die russische Fahne. Er schickt mich am nächsten Tag nach Baikalskoye, ein Fischerdorf am Baikalsee, rund vierzig Kilometer südlich.

In einem alten Holzhaus unweit des Flusses herrscht Marina, die Fischersfrau. Am Tisch sitzen ihre Söhne Sirjoga und Fjodor, es gibt gebratenen und rohen Omul, der an einen Thunersee-Felchen erinnert. Bald gesellen sich ihr Mann, der Robbenjäger Mischa und der pensionierte Eisenbahningenieur Viktor hinzu. Sie alle lachen, als ich nach dem Verzehr eines ­rohen Fischs das Baikal-Sushi lobe.

Mischa präsentiert mir daraufhin seine hölzerne Kalaschnikow mit Zielfernrohr und erklärt wortreich, wie Marina vor ein paar Jahren einen herumstreunenden Braunbären mit einem einzigen Kopfschuss niedergestreckt habe.

Mischa, Fischer und Robbenjäger mit Jagd-Kalaschnikow, Baikalskoye

Marina lächelt bescheiden und tischt zum Dessert Äpfel auf – sie sind nicht grösser als Radieschen, schmecken etwas mehlig, aber gut. Dafür sind die Vögel viel grösser als bei uns: Die Baikal-Kohlmeisen haben annähernd Amselformat.

Wiktor fängt an, mir einen politischen Vortrag zu halten. Ich kann noch so oft beteuern, ich verstünde praktisch kein Russisch – er ignoriert es. Viktor scheint Putin und seine Petersburger Entourage nicht zu mögen und steigert sich in eine wahre Suada gegen die herrschende ­Nomenklatura.

Nackt unter dem Polarstern

Am nächsten Tag geht es mit Raschit und Witali, einem Wolgadeutschen, Zobel­jäger und Panzerfahrer der russischen ­Armee, im stossdämpferlosen Lada weit nach Osten in die Berge zu Thermalquellen. Irgendwann auf einer schneebedeckten Schotterpiste – links und rechts steht dichteste Taiga Spalier – halten wir an.

Raschit quält sich aus dem Lada, lehnt sich rückseitig ans kleine Auto und uriniert in den Strassengraben. Witali und ich tun dasselbe diskret ein paar Meter weiter. Es beginnt zart zu schneien. Wir stehen unschlüssig herum. Die Stille gellt in den Ohren. Ein authentisches Russlandgefühl stellt sich ein. Witali führt mich danach durch dichten Wald.

Wir laufen über eine Lichtung zu einer steil abfallenden Böschung: Unter uns zieht grau und majestätisch die noch junge Angara vorbei. Weiter südlich mäandert sie in die Sümpfe des Baikalsees.

Ich hätte nie gedacht, mitten in Sibirien einem Russen die Position des Polarsterns erklären zu müssen. Und doch stehe ich splitternackt bei minus 20 Grad, aus sämtlichen Poren dampfend, mit ­Oskar neben seiner Sauna auf knirschendem Schnee und mustere den Sternenhimmel über der BAM-Stadt Tynda. Grosser Bär, Oskar! «Medwed bolschoi!»

Dort, den rechten Rand fünfmal nach oben 
verlängern, da ist er, der Polarstern! ­«Polarskaja swjesda!» Oskar strahlt und haut mir auf die Schultern.

Später, im warmen Holzhaus, bereitet er für mich köstliche Hackbällchen, Piroggen und Kartoffelstock zu. Gegen Mitternacht schenkt er Wodka ein – mir bis an den Rand, sich selber nur eine mickrige Fingernagelbreite hoch. Er winkt mit dem Zeigefinger und sagt, er habe frühmorgens Dienst, er fahre einen Werkbus für BAM-Bahnarbeiter. Wodka? «Tschut­tschut!» Nur ein ganz kleines bisschen. Sonst werde er gefeuert.

Der Präsident und der Tiger

In Komsomolsk-na-Amure, nahe am Ochotskischen Meer, darf ich als westlicher Kulturschaffender einer Exklusivität beiwohnen, einem russischen Kampfjet-Kindermusical. In einem prall gefüllten Saal zeigen Dutzende von Kindern der Mitarbeiter der russischen Flug­zeug­manu­faktur Suchoi ein Sonntagnach­mittagsprogramm. Als Background dient ihnen eine überdimensionierte Leinwand, auf die schnittige Suchoi-Jets projiziert werden, darunter der geheimnisumwitterte Stealth-Jäger der Russen, die Suchoi T-50.

Michail, mein Gastgeber, klärt mich auf. Suchoi sei hier in der Stadt allgegenwärtig. Erika, Mischas Frau, fügt hinzu, sie sei früher sogar technische Zeichnerin bei Suchoi gewesen und habe diverse Kampfjetmodelle entworfen. Heute arbeite sie als Physiotherapeutin für behinderte Kinder.

Ich bestaune den Anachronismus und erwähne, dass Russlands Kampfjets zurzeit gar aggressiv an den Lufträumen der Nato und der westlichen Staaten ritzten und die Tupolew-Fernbomber etwas sinnlos bis an die Ostküste der USA oder über Schottland bis nach Portugal patrouillierten. Erika meint trocken: «Zu viel Testosteron.» Michail zuckt mit den Schultern und erzählt von seinen Vorfahren, die in Gulags starben, und von seiner Mutter, die als Kind in einem Erdloch bei Tynda aufwuchs. Michail hasst Stalin.

Doch seine in St. Petersburg studierende Tochter – ich übernachte in ihrem Zimmer – hat eine bronzene Büste von Stalin auf der Kommode stehen. Michail zuckt mit den Schultern. Das sei halt heutzutage Mode bei den Jungen, was solle man machen. Stalin habe es dem Westen «gegeben». Auch auf Putin stünden sie, weil er «stark» sei. Er lacht.

Sein Freund, ein Wildhüter, habe vor ein paar Jahren Folgendes miterlebt: Als Putin in der Gegend weilte, hatte man den Auftrag, einen Amur-Tiger – der Begriff «Sibirischer Tiger» sei zoologisch falsch, Sibirien liege weit weg von dessen Habitat – lebendig zu fangen, um ihn mit Putin abzulichten.

Fallensteller fingen einen ausgewachsenen Amur-Tiger und schossen ihm Narkosepfeile ins Fell. Putin kam, wollte mit dem Tiger posieren, der erhob sich jedoch wieder, der Wildhüter schoss dem Tier eine weitere sedative Ladung zwischen die Rippen, der ­Tiger sackte zusammen, und die Auf­nahmen mit Putin wurden gemacht. Die Bilder von Putin und dem gefährlichen «sibirischen» Tiger gingen um die Welt, und die Russen waren stolz auf ihren starken Präsidenten. Der Tiger war übrigens nach dem Fotoshooting tot. Überdosis.

Fischmarkt im Zug

Nach dem Besuch des KHL-Eishockeyspiels zwischen den Amur Chabarowsk und Lokomotive Jaroslawl trinke ich in einer Wohnung in Chabarowsk einen Tee mit Elena, meiner Gastgeberin, einer Wirtschaftswissenschafterin.

Wir diskutieren Putins Verhalten. Sie meint: «Putin ist raus aus dem KGB, aber der KGB ist nicht raus aus ihm. Er ist ein Kind des Kalten Kriegs, mit seinem Traum von Nowo­rossija steuert er Russland in den Abgrund. Es ist wie bei den Zaren, die Russen brauchen einfach einen starken Mann.» Ich frage Elena, ob Putin nicht wie die grossen, russischen Schachspieler Züge mit etwas mehr Denktiefe drauf habe. Elena entgegnet: «Unsere Schachweltmeister? Das waren alles Juden.»

Ab Chabarowsk reise ich nunmehr wieder in der klassischen Transsib. Mäandernde Flussläufe des Amur wechseln sich ab mit Sumpfgebieten, gelbbraunes Schilfrohr liegt von den Winden flach abgeplattet bis an den Horizont, dazwischen posieren neckisch Birkengrüppchen. Die Sicht ist glasklar, ein eisiger Wind hat den Himmel blankgeputzt.

Der Zug hält oft an kleinen Bahnhöfen oder auch bloss auf dem offenen Feld. Bärtige Männer im Tarnanzug – Kalaschnikow und Fischrute geschultert – veräussern ihren Fang. Die Kondukteurin meines Waggons, eine fröhliche Tungusin, erwirbt einen Taimen, eine Art Lachs, und wedelt stolz im Gang mit dem stockgefrorenen Tier.

Kondukteurin, Waldbeeren-Zwischenhändlerin und Kundschaft im Abteil

Wenig später drängen ältere Damen in mein Abteil. Dieselbe Schaffnerin hat einer Bäuerin zwei 10-Kilo-Kübel voller riesiger Heidelbeeren abgekauft. Sie giesst hastig die glitschigen Früchte in schwarze Kehrichtsäcke um und verkauft sie weiter. Danach hastet sie mit den leeren Kübeln zur Waggontür und schmeisst sie wieder den wild gestikulierenden Bäuerinnen zu, während die Transsib ruckelnd Fahrt aufnimmt.

Alle dürfen heute die Schiffe sehen

Nach dreieinhalb Wochen und 9500 Kilometern im Zug in Wladiwostok angekommen, eile ich kurz nach Sonnenaufgang zum Hafen hinunter, um die Kriegsschiffe der russischen Pazifikflotte abzulichten. Zu Sowjetzeiten wurden die Touristen in der Nacht nach Nachodka geschleust, wo sie die Fähre nach Japan bestiegen.

Niemand durfte die Flotte sehen, selbst für normale Russen war die Stadt Sperrgebiet. Jetzt kümmert hier keinen Menschen meine Fotografiererei. Immerhin ein Fortschritt, denke ich und bedanke mich innerlich bei Putin. Ich lichte auch den schnittigen Raketenkreuzer Warjag ab.

Tags darauf ist das Schiff weg. Erst später, Mitte November, werde ich lesen, dass die Warjag zusammen mit einem russischen Flottenverband vor der Ostküste Australiens Präsenz markiert, pünktlich zum G-20-Gipfel in Brisbane.

Und als ich von Wladiwostok nach Japan abfliege, erblicke ich durchs Fenster unseres Airbus zwei grosse Tupolew-
Tu-95-Fernbomber auf dem Flugfeld. Mecha­ni­ker schieben Treppen herbei, Schutzblachen werden entfernt, Uniformierte besteigen die Flieger. Wohin gehts? An die Küsten Alaskas, ein bisschen wie früher die Amis provozieren? Putin zeigt weiter trotzig seine Muskeln, obwohl er in Brisbane imagefördernd mit einem Koala kuschelt.

Und was macht Bodybuilder Andrei? Wie weit ist wohl sein Muskelapparat gediehen? Er, der locker als blonder russischer Bösewicht in einem Bond-Film durchginge? Ist er zurückgekehrt ins «westliche Russland» für etwaige Schiessübungen? Ich werde es wohl nie erfahren.

Der Berner Schauspieler, Regisseur und Autor Daniel Ludwig ist Anfang 
Februar im Kino Kunstmuseum im neuen Film von Jean-Luc Godard zu sehen. 
Kommenden Herbst veröffentlicht er das Buch «Hauptmann Schneewittchen», 
eine literarische Spurensuche 
zur Korea-Mission seines Vaters. (Der Bund)

Erstellt: 10.01.2015, 12:00 Uhr

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