Kultur

Getanzte Tristesse, himmlischer Gesang

Von Marianne Mühlemann. Aktualisiert am 21.10.2011 1 Kommentar

Zurück ins Mittelalter: Die renommierte belgische Tanzcompany Rosas eröffnet in der Dampfzentrale die 4. Ausgabe von Tanz in. Bern.

Präzise, auch im Chaos: Rosas.

Präzise, auch im Chaos: Rosas.
Bild: zvg

Rosas’ Sound- und Bilder-Track passt perfekt zur Tristesse dieses kühlen, nassen Oktoberabends. Geradezu körperlich fühlt man, wie alles fällt. Wie sich das Licht, die Farben und Säfte zurückziehen, wie das Leben leise wird, wie alles nach innen strebt und nach unten zieht. Der Mensch in der Warteschlaufe – die Welt «En atendant». So lautet auch der Titel des Stücks (flämisch hat das Warten nur ein t), mit dem die belgische Tanzcompagnie Rosas das Festival Tanz in. Bern eröffnet. Eine Koryphäe des zeitgenössischen Tanzes: Die 51-jährige Choreografin war (und ist) durch ihre Arbeiten wegweisend für viele zeitgenössische Tanzschaffende. Und darüber hinaus für andere wie Beyoncé: Anfang Monat hat Keersmaeker Klage eingereicht gegen sie. Die Popdiva soll sich an Keersmaekers Bewegungseigentum vergriffen haben. Trotz Rosas bleibt der Ansturm für eine Festivaleröffnung erstaunlich zahm. Bis kurz vor Beginn gibt es in der Dampfzentrale freie Plätze. Und einige bleiben leer.

«En atendant» ist keine Uraufführung. Das Stück, das ins 14. Jahrhundert verweist, als in Europa die Pest wütete, wurde für das Festival d’Avignon kreiert und da unter freiem Himmel zwischen den rauen Mauern eines archaischen Klosters uraufgeführt. Da kann die Dampfzentrale nicht mithalten. Die Bühne präsentiert sich geheimnislos kahl wie ein abgeernteter Acker. Das Brachland im kühlen Fabriklicht wird lichtmässig erst gegen Schluss des 100-minütigen Stücks verändert. Der Ort mutiert zum blutleeren Vakuum, in das die Dunkelheit einströmt. Wie ein Weichzeichner legt sich die Nacht auf die Szene und deckt den einzelnen Körper zu, der da nackt, anonym und schutzlos auf der Bühne liegt. Ein Vergessener im Staub, umgeben von Leere und eingehüllt ins stockende Geräusch seines Atems, dessen Erregung nach und nach verstummt. Ein Kreis hat sich geschlossen, das berührt.

Zuvor gibt es einige dramaturgische Längen. Man fühlt sich «en attendant», während ein einsamer Flötist mit geschlossenen Augen zu spielen beginnt. Sein Brustkasten geht auf und ab, wenn er Luft schöpft und endlos haucht, bläst, zischt und flirrende Töne produziert. Rohmaterial, das klingt, als ob es durch ein undichtes Fenster zieht. Am Boden hinter dem Mann liegt ein dünner Wall aus brauner Erde, eine scharfe Trennlinie. Die acht Tanzenden werden sie durch ihre Bewegungen zerstieben lassen. Aufbruch, Auflösung – bis ins Detail. Herbst eben. Auch Lebensherbst.

Undurchschaubare Regeln

Mager sind die Frauen und athletisch die Männer, die in «En atendant» aufeinandertreffen. Sie tragen schwarze Kleider und Turnschuhe, die in die Stille quietschen. Später tanzen die wirbligen Perfektionisten barfuss und geraten zusehends in Fahrt: Es sieht aus, als ob sie nach unsichtbaren Geistern greifen, als ob sie Diagonalen mit Ausfallschritten «besticken», als wäre die Leere ein Fetzen unsichtbares Tuch, das durch die Bewegungsmuster sichtbar wird. Sie laufen, rennen durcheinander, synchron, gegen- und nebeneinander, rückwärts, zerrissen in fragilen Körperlinien, mal als Solisten, mal im Rudel. Präzise auch im Chaos. Zuweilen sieht es aus, als ob Ober- und Unterkörper von zwei verschiedenen Gehirnzentren gesteuert würden. Improvisation und Komposition verzahnen sich, wenn die Tanzenden sich wie Kämpfer an der Front in Reihen stellen, einander halten in schiefen Balancen und Statuen formen, die nicht Bestand haben. Oder wenn sie sich zu Leiberbergen türmen. Das ist Keersmaeker: Bilder an der Grenze der Wahrnehmung, die sich zu keiner Geschichte fügen lassen und dadurch – als Resonanzräume für den Zuschauer – alle Geschichten möglich machen.

Das Hohe wird niedrig gemacht, das Liegende erhöht, nach welchen Regeln, bleibt undurchschaubar. Wie immer bei Keersmaeker ist die Musik ein Höhepunkt in ihren Tanzstücken. Diesmal kommt sie aus der frühen Renaissance. Mit fliessender Intensität bedient das Trio am Bühnenrand die Tanzenden und spielt ihnen mit glockenhellem Sopran (eine Entdeckung: Annelies Van Gramberen), mit Blas- und Streichinstrumenten Boden unter die Füsse. Da wird es einem warm ums Herz, die schlichte Schönheit ist berückend.

Rosas zeigt am 22. und 23. Oktober in der Dampfzentrale eine zweite Produktion «Cesena». www.tanzinbern.ch (Der Bund)

Erstellt: 21.10.2011, 15:33 Uhr

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1 Kommentar

Nikolaus Chavet

21.10.2011, 21:39 Uhr
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Text der fein einfängt was die De Keersmaeker zeigen will: Schönheit ohne Worte. Gratuliere. Antworten



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