Kultur

Erotik hinter dem Maschendrahtzaun

Von Marianne Mühlemann. Aktualisiert am 05.11.2011

«Winternachtstraum», ein abendfüllendes Ballett von Cathy Marston, bringt Shakespeare und Mendelssohn mit Elektroklängen von Gabriel Prokofjew zusammen. Es funktioniert erstaunlich gut.

Kobolde mit Zauberkräften: Zwei Pucks, die aussehen wie eine mutierte Version von Schulze und Schulze.

Kobolde mit Zauberkräften: Zwei Pucks, die aussehen wie eine mutierte Version von Schulze und Schulze.
Bild: Philippe Zinniker

Marianne Mühlemann

Ein Karussellross aus leuchtendem Milchglas schwebt über dem Boden. Ein Phantom aus einer surrealen Welt. Auf und ab federt der Pegasus, grenzenlos langsam und unendlich verloren. Um ihn eine gespenstische Kulisse aus Nacht und Nebel. Der Luzerner Discjockey Martin Baumgartner steuert seine elektronischen Klänge hinein oder schäumt die glasklaren Streicher des Berner Symphonieorchesters auf. Ein Bild von archetypischer Kraft: An den Pferdehals klammert sich Oberon (Gary Marshall) wie ein Schiffsbrüchiger an einen Mast. Und ihm zu Füssen liegt Titania (Irene Andreetto). Doch nicht ihn, ihren Göttergatten, himmelt sie an. Ihre Leidenschaft zieht sie zu Zettel. Auch er trägt diesen milchigen Pferdekopf. Er wurde ihm angezaubert. Man sollte sagen «ihr»: Denn Zettel ist hier eine Frau (Martina Langmann).

Shakespeare hätte nichts dagegen, das passt auf diesen Rummelplatz der Hormone, wo sich selbst das Dröhnen der Hörner wie verzerrtes Wiehern anhört. Cathy Marstons nennt das Märchen «Winternachtstraum». Die vier beschwörenden Fermaten, mit welchen die Bläser des Berner Symphonieorchesters unter Dorian Keilhack das Verwirrspiel eröffnen, sind ein sicheres Indiz dafür, dass es sich trotz des Winters im Titel um Shakespeares «Sommernachtstraum» handelt.

Eine fantastische Welt tut sich auf in diesem Handlungsballett, das eine willkommene Ergänzung bietet zu den theater- und performancelastigen Stücken, die im Moment bei Tanz in. Bern gezeigt werden. Und dass Cathy Marston ihr hervorragend disponiertes 12-köpfiges Ensemble mit «Elfen» aus der Volks- und Musikschule Münchenbuchsee aufstockt, ist ein Schachzug, der dem Stück zugutekommt.

Der experimentierfreudige Abend beginnt mit Bauarbeitern in gelben Monturen. Sie bewachen den Maschendrahtzaun, der ein verlassenes Areal umgibt. Hektisch werkeln sie herum, kicken mit den Armen fiktive Motorsägen an, buckeln Tannen, alles mit viel Leerlauf und Tamtam.

«Do not enter» steht auf dem Plakat vor dem Zaun. Eine verlockende Einladung. Plötzlich sind alle drin, die Liebespaare zwischen futuristischen Metallgestängen, Schaukeln, Diabolo-Rolle und Riesenrad.

Zwei synchrone Pucks

Das Bühnenbild der britischen Künstlerin Naomi Wilkinson überzeugt wie die Kostüme von Catherine Voeffray durch Schlichtheit und Poesie. Es läuft wie geschmiert auf der Achterbahn der Gefühle dank den zwei synchronen Pucks (Izmi Shuto, Yu-Min Yang). Ganz in Weiss mit Melone sehen die Liebesvermittler aus wie eine mutierte Version von Schulze und Schultze, den Detektiven aus «Tim und Struppi».

Als Kobolde mit Zauberkräften machen sie einen gründlichen Job. Schnell verliert man den Überblick, wer nun wann genau mit wem ein Techtelmechtel hat. Die Tanzenden zeigen je nach Gemütslage andere Bewegungsmuster. Explosiv ist die Kraft, die sich entlädt, wenn sie aufeinandertreffen. Da wird geknuffelt und gemuffelt. Berauschend oberflächlich. Und manchmal fast etwas des Guten zu viel.

In der Ouvertüre wird man den Verdacht nicht ganz los, dass hier nicht die Aussage den Tanz bestimmt, sondern die Länge der vorgegebenen Musik. Und was sollen die Riesen-Enten? Wie Boulevardkugeln werden sie bedeutungsvoll herumgeschoben, aber so richtig warm wird man mit ihnen nicht. Mit dem Winter hat das nichts zu tun. Die Flocken, die die Szenerie romantisch einhüllen, sind – im Gegenteil – herzerwärmend.

Tänzerische Liebesgrammatik

Boulevardesk sind die Körpersignale, welche die Liebestollen und -kranken in virtuosem Überschwang aneinander verschwenden. Leidenschaftliche Spagatsprünge und aufregende Liebesposen, wilde Hüftverrenkungen, gierige Biegerücken und nervöse Trippelfüsse – alles wird durchdekliniert, was die tänzerische Liebesgrammatik hergibt.

Der animalische J-Lo-Po, der vor dem Liebsten fast bis zur Bewusstlosigkeit (und ohne Wirkung) geschüttelt wird, oder die wiederholte Ganzkörperküsserei sind allerdings ziemlich aufdringlich. Andere parodistische Pointen werden dezenter eingestreut in den komödiantischen Verführungsreigen: wie das knackige Frauenbein, das der alternde Oberon im Pas de deux in den Schritt bekommt und ihn einen Takt lang der Illusion erliegen lässt, es sei sein übermächtiger Phallus. Das Berner Symphonieorchester begeistert mit schönen melodischen Soli, die sich nahtlos – und nicht minder verführerisch als der Tanz – mit Gabriel Prokofjews virilen Rhythmen paaren. Wie im zerzausten Hochzeitswalzer oder im deftigen Rüpeltanz, wo man bekannte Intervalle und Motive fragmentiert oder zerdehnt zu hören bekommt. Spannend ist das. Zum Schluss wird die Musik wie die Liebe in ordentliche Bahnen gebracht. Gekonnt ist dieses komödiantische Happy End mit Blumen, Ringen und Konfetti, eingehüllt in den überirdischen Gesang des Damenchors des Stadttheaters (Solistin Vilislava Gospodinova). Und während man lauscht und auf der Bühne die Schaukeln auf- und abwippen, zieht die vom Rosskopf befreite Zettel allein – aber nicht einsam – ihre Kreise. Schön.

Weitere Vorstellungen bis 31. Januar 2012. www.stadttheaterbern.ch (Der Bund)

Erstellt: 05.11.2011, 12:13 Uhr

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