Kultur
Die Auferstehung
Aktualisiert am 23.10.2012 28 Kommentare
Film
«Skyfall» läuft ab 1. November in den Schweizer Kinos.
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Noch nie ist ein Bond-Film mit so viel Vorschusslorbeeren bedacht worden. Nachdem sich ausgewählte englische Medien das 23. Kinoabenteuer des britischen Lizenzkillers an einer Vorpremiere hatten ansehen dürfen, hiess es gar, bei «Skyfall» handle es sich um den besten Bond-Film überhaupt («Daily Mirror»). Selbst ein so renommierter Titel wie «The Times» schloss sich den Begeisterungsstürmen an: «Skyfall» sei eine «triumphale Rückkehr zum klassischen Bond». Klingt gut.
Stimmt es auch? Der Start von «Skyfall» ist zugegebenermassen originell: James Bond stirbt bereits im Pre-Title. Zuvor jagte 007 einen Gangster, der eine Liste sämtlicher MI6-Undercover-Agenten auf einem Chip um den Hals trägt. Beim Faustkampf der beiden auf dem Dach eines rasend-ratternden Zugs kommt es dann zum Dienstunfall, Bond kippt weg, getroffen von Friendly Fire.
Kinetisches Kabarett, pyrotechnischer Zauber
Der vermeintliche Exitus praecox ist die Vorlage für die beste Dialogzeile des 146 Minuten langen Actionspektakels. «Was ist Ihr Hobby?», wird Bond später mal gefragt werden. «Wiederauferstehung», antwortet er.
In der Tat, totgesagte Kinohelden leben länger. Die Beinahe-Pleite der Produktionsfirma MGM verzögerte die Dreharbeiten zu «Skyfall» für Monate, mit Sony waren es schliesslich die Japaner, die Bonds Fortleben finanzierten; er soll übrigens, das haben Literaturwissenschaftler unlängst herausgefunden, populärer als Donald Duck sein. 200 Millionen Dollar hat «Skyfall» (Himmelssturz) schliesslich gekostet – und dafür wird einiges geboten: viel kinetisches Kabarett, pyrotechnischer Zauber, zielsicher platzierte One-Liner auch, schön exotische Schauplätze, zahlreiche Anspielungen auf frühere Bondfilme, Zitate aus der Filmgeschichte. Und da ist, selbstverständlich, ein terroristischer Bösewicht, grossartig gespielt von Javier Bardem, der die Welt mit Laptop und Plastiksprengstoff in Atem hält, die Zentrale des britischen Geheimdienstes, gewissermassen Englands Oberstübchen, in die Luft sprengt und sich bis ins Parlamentsgebäude, ins Houses of Parliament, durchschiesst.
Mastermind Mendes
Mit dem Engländer Sam Mendes führte ein Mann Regie, der so grossartige Filme gedreht hat wie «American Beauty» (1999) und «Revolutionary Road» (2008) und der sich als «Verehrer Ian Flemings» bezeichnet. Oscar-Preisträger Mendes wollte zurück zum Buch-Bond, zum Original: zu einer Figur mithin, die zwar ein Held ist, aber kein strahlender, sondern vielmehr ein Mann mit Abgründen – ramponiert, in die Jahre gekommen, mit grauem Barthaar. Ein Mann, der mit seinem grossen Talent zum Töten nicht wirklich glücklich werden kann. In manchen Szenen wirkt Bond wie eine Art Kampfroboter mit Depressionen. Selbst nach dem Sex mit Bond-Frau Sévérine (Bérénice Marlohe) sieht 007 nicht wirklich entspannt aus, schon gar nicht befriedigt.
Wer Bond-Filme mit allzu viel Bedeutung belastet, verdirbt dem grossen Publikum den Fun an der Action, sollte man meinen. Doch es ist Daniel Craig, der schauspielerisch unbestritten kompetenteste Bond-Darsteller, den die Serie bisher hatte, der diese Charakterwidersprüche und Seelenkonflikte plausibel auf die Leinwand bringt und so zusätzlichen Suspense schafft. Craig, der nach dem vielfach enttäuscht aufgenommenen «Quantum of Solace» unter Beschuss kam, liefert unter der Anleitung von Mendes im dritten Versuch seinen besten 007. Man ahnt irgendwie: Bonds gefährlichster Feind kommt von ganz innen, versteckt sich in der eigenen Seelenlandschaft, in der eigenen Geschichte. Und man wird recht erhalten.
Seelenlandschaft, nebelverhangen
Bedient sich Mendes in den ersten beiden Dritteln von «Skyfall» mit all den Verfolgungsjagden und Schiessereien im wohl bekannten dramaturgischen Arsenal des Genres, so sprengt er dessen Grenzen geradezu virtuos im Finale. Mit M (Judi Dench) als Köder zieht sich James Bond an die Stätte seiner Kindheit zurück, ins nebelverhangene schottische Hochland. Im DB5, im grauen Bond-Streitwagen, fährt er die Chefin des MI6 zum Landsitz Skyfall, wissend, dass ihnen Schurke Raoul Silva auf den Fersen ist. Im eigenen Elternhaus verschanzt, unweit vom Grab der Eltern Andrew Bond und Monique Delacroix, bereitet er sich auf den Angriff Silvas vor, der einst auch ein MI6-Agent gewesen war, allerdings verstossen und verraten wurde, nun aber scheinbar am Ziel seines Rachefeldzuges angelangt: der Tötung von M.
Ein Agent auf der Couch?
Schauerlich-gespenstisch, als wärs das letzte Kapitel einer Gothic-Novel, inszeniert Mendes den Endkampf zwischen Gut und Böse, wobei bis auf die filmische Ebene einer als Spiegelung des anderen erscheint. Bond und Silva, das sind im Grunde Brüder, nicht biologisch, aber in ihrer Seele und im Schicksal. Psychoanalytisch geschulte Geister werden ihre helle Freude haben an der Pointe des Plots. Und wenn es uns bis anhin entging, dann merken wirs spätestens mit «Skyfall»: M, das ist der erste Buchstabe des Wortes Mother.
Ja, kann sein, dass «Skyfall» der beste Bond ist. Sicher aber ist das 23. Werk der Serie das überraschendste.
Am Schluss liegt Bonds eigene Geschichte in Trümmern. Das Elternhaus ist abgefackelt, der DB5 weggebombt. James Bond, das ist jetzt ein Mann ohne Vergangenheit. Der perfekte Agent. Gerüstet für jede Zukunft.
Michael Marti ist Co-Autor des Buches «James Bond und die Schweiz», das die Rolle der Schweiz, der Schweizer und natürlich auch der Schweizerinnen in der 007-Sage ausleuchtet.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.10.2012, 14:38 Uhr
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28 Kommentare
Eine 'Spoiler'-Warnung wäre vielleicht angebracht gewesen, bei dieser inhaltlich sehr ausführlichen Kritik, welche doch schon so einige Plotdetails und Wendungen preisgibt. Schade der Spannung wegen, falls man den Film noch nicht gesehen hat. Antworten
Michael Marti macht richtig neugierig! Freue mich riesig auf diesen Bond. Quantum of Solace von "unserem" Gspürschmi-Marc-Forster war ja dermassen schlecht, dass man ihn nur vergessen kann. Wenn Skyfall an Casino Royal anknüpfen kann, dann wird das ein Highlight. Antworten
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