«Meine Träume interessieren mich nicht»

Beim «Bund im Gespräch» zieht Peter Schneider Parallelen zwischen Satire und Psychoanalyse, beantwortet Fragen zu Friedensmärschen und outet sich als Enid-Blyton-Fan.

Peter Schneider im Gespräch (Video: Crosscam.ch).
Video: Stream: Crosscam.ch

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Trotz sommerlichem Bade- und Grillwetter war gestern Abend der Saal des Hotels Bellevue bis in die hinteren Reihen gefüllt, alle wollten sie dabei sein, wenn der Psychoanalytiker der Nation sich selber auf die Couch legt.

Hingelegt hat er sich dann doch nicht ganz, Peter Schneider, seines Zeichens landesweit bekannter Satiriker, Kolumnist und eben praktizierender Psychoanalytiker. Höchstens ein bisschen im Sessel fläzen tat er zwischenzeitlich beim «‹Bund› im Gespräch» mit Redaktor Alexander Sury und gewährte dabei doch auch Einblick ins schneidersche (Innen-)Leben.

Nein, als Workaholic würde er sich trotz 70-Stunden-Arbeitswochen nicht bezeichnen, erklärte der 60-Jährige, schliesslich schaue er, dass er pro Nacht acht Stunden Schlaf verbuchen könne. Sechs Espressi würden ihm dann morgens den nötigen Schub verleihen, um sich aus diversen Tageszeitungen sein satirisches Material zusammenzusuchen – seit rund 25 Jahren verfasst Schneider Kolumnen für SRF, die «SonntagsZeitung» und natürlich die jeweils mittwochs erscheinende «Bund»-Rubrik «Leser fragen». Daneben betreibt der studierte Philosoph und Psychologe in Zürich eine Praxis für Psychoanalyse und psychoanalytische Psychotherapie.

Es bestünden durchaus Parallelen zwischen diesen zwei Disziplinen, erklärte Schneider der Zuschauerschaft im Bellevue. So gehe es sowohl in der Satire als auch in der Psychoanalyse darum, Verbindungen aufzuzeigen, von denen man denke, dass sie doch eigentlich offensichtlich seien. «Die Denkhemmungen, welche diese Verknüpfungen bis anhin verhindert haben, müssen überwunden werden.»

Was sich in Peter Schneiders Kolumnen zeigt, offenbarte sich gestern auch im Gespräch: Da hat einer Freude am Reflektieren und Zerlegen und Ergründen von Gedankengängen. Hirnsport habe er tatsächlich schon als Kind viel lieber betrieben als richtige körperliche Betätigung, erzählte Schneider. Man habe ihn – das kleine dicke Kind – bereits im Alter von zwei Jahren «zur Ruhigstellung» vor den Schulrundfunk gesetzt. Mit 12 habe er dann Tucholsky entdeckt und mit 15 habe er sich brennend für die Theorien des Sigmund Freud interessiert. «Ich fand es klasse, dass man sich wissenschaftlich mit Sex befassen konnte.» Parallel zu Freud habe er aber auch bis in die 20er die Jugendromane von Enid Blyton verschlungen.

«Ich hatte keine Midlifecrisis»

Diese Mischung aus Unterhaltung und gelehrter Belehrung sei es, welche die Kolumnen des Peter Schneider ausmachten, hielt Moderator Sury gestern Abend fest. Dazu kommt Schneiders sympathisch unaufgeregte Haltung in Bezug auf die eigene Person («meine Träume interessieren mich nicht»), der etwas verschrobene Humor («Ich hatte keine Midlifecrisis, weil ich schon immer ein ‹ältliches› Gemüt hatte») und auch eine einnehmend pragmatische Ironie («Meine Medienkritik ist in jeder Hinsicht wirkungslos»).

Kurz ins Schwitzen gekommen sein dürfte Schneider in der zweiten Hälfte des «Bund»-Gesprächs dann trotzdem, als Moderator Alexander Sury seinen Platz kurzerhand für Fragenstellende aus dem Publikum räumte. Auf einen kürzlich durchgeführten Berner Friedensmarsch angesprochen, antwortete Schneider, dass er nicht viel von symbolischen Massenaktionen halte, schliesslich gebe es ja mittlerweile Welttage für alles Mögliche. Ihm fehle der konkrete Anlass, zumal ja keine Berner Söldner im Einsatz seien. Die Schweiz sei doch aber finanziell sehr wohl an Kriegen beteiligt, hakte ein anderer Fragesteller nach. Er übernehme seine politische Verantwortung abstimmenderweise, konterte der Satiriker, der 1992 seine deutsche Staatsbürgerschaft gegen einen Schweizer Pass eintauschte. Sauber aus dem Schneider, Herr Schneider.

Das nächste «‹Bund› im Gespräch» findet am 3. Juli mit Alec von Graffenried im Hotel Bellevue statt. (Der Bund)

Erstellt: 13.06.2017, 06:28 Uhr

Peter Schneider, Bund-Kolumnist

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