Vom Scheitern

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann über Neujahrsvorsätze, Fitnessabos und Nikotinabstinenz.

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Mit Neujahrsvorsätzen halte ich es wie mit Handyschutzhüllen, SCB-Saison-Abos oder Crocs – ich habe aus Prinzip keine. Vielleicht halten Sie das anders. Womöglich sind Sie deswegen zurzeit sogar etwas gereizt. Vielleicht liegt das an Ihren neuen Joggingschuhen, die in der Ecke von den ersten Spinnweben umgarnt werden, oder am frisch gelösten Fitnessabo, das längst in den Tiefen Ihrer Brieftasche verschwunden ist (siehe dazu «Bund» vom 5. Januar 2017). Um nicht gänzlich die Nerven zu verlieren, stehen Sie vermutlich gerade am Kiosk, um Ihrer mehrtägigen Nikotinabstinenz ein Ende zu setzen. Ich könnte nun versuchen, Sie von diesem Einknicken abzuhalten und Ihren Willen zu stählen. Doch Sie ahnen es: Ich werde Ihnen keine grosse Stütze sein. Ich wünschte, ich könnte es, doch ich habe dazu keine Lust.

Bitte werfen Sie mir wegen meines Unwillens, Ihnen zu helfen, keine schlechten Manieren vor. Sie können mir glauben, ich wünsche Ihnen für all Ihre Vorhaben nur das Beste – solange Sie nicht gedenken, zu Jahresbeginn damit anzufangen. Denn Neujahrsvorsätze zähle ich zu den unnötigsten Bräuchen der modernen Welt. Sie beinhalten grösstenteils das Streben nach körperlicher Selbstoptimierung. Der erforderliche Einsatz dazu besteht aus Dingen, die Sie nicht gerne machen. Deshalb verschieben Sie den Startpunkt des Weges zu Ihrem besseren Ich auf den spätesten Termin, den Ihre Agenda zulässt. Das spricht nicht für die Ernsthaftigkeit Ihrer Absichten, und Sie wissen bestimmt aus Erfahrung, wo das endet.

Ich will Ihnen nun doch ein paar tröstende Worte spenden. Denn die Schuld an Ihrem kläglichen Scheitern tragen weder die üblichen Verdächtigen wie RGM oder Lügenpresse noch Sie selbst. Bezichtigen Sie gescheiter jenes Konstrukt der Schuld, das grundsätzlich für alles Schlechte verantwortlich ist, was Ihnen widerfährt – die Gesellschaft. Um diese These auszuleuchten, richten wir unser Augenmerk für einen Moment auf die Evolution. Sie hat uns den aufrechten Gang geschenkt, uns Körper konstruiert, die ohne grössere Updates bis ins hohe Alter funktionieren. Nun besteht der gesellschaftliche Konsens aber darin, die Mühen der Evolution rückgängig zu machen, indem wir möglichst viel Lift fahren und bei jeder Gelegenheit Pizzaburger essen (siehe «Poller»-Kolumne vom 13. Juli 2016). In diesem konter-evolutionären Umfeld müssen Sie schon über einen eisernen Willen verfügen, wenn das mit der Selbstoptimierung klappen soll.

Vermutlich habe ich Sie nun mit dieser düsteren Skizzierung unserer Gesellschaft eher deprimiert als getröstet. Lassen Sie es mich nochmals versuchen: Wir leben in goldenen Zeiten. Wäre dem nicht so, könnten Sie sich nicht den Luxus gönnen, jedes Jahr aufs Neue an irgendwelchen Vorhaben zu scheitern. Neujahrsvorsätze sind etwas für die noble Abteilung der Zivilisation. Um dies zu unterstreichen, werden wir nun kurz die Epoche wechseln. Meinen Sie etwa, unsere mittelalterlichen Vorgänger hätten sich grossen Illusionen hingegeben, dass im neuen Jahr alles besser wird? Mit welchen Mitteln hätten sie das schon anstellen sollen? Was hätten sie bestenfalls erwarten können? Etwas weniger Typhus aufzulesen? Wenn möglich nicht auf dem Scheiterhaufen zu landen? Das waren noch Probleme, vor denen man nicht einfach davonjoggen konnte. Im diesem Sinne, wünsche ich Ihnen ein frohes neues Jahr.

Martin Erdmann ist «Bund»-Online-Redaktor und hofft, auch in diesem Jahr dem lodernden Scheiterhaufen entwischen zu können. (Der Bund)

Erstellt: 11.01.2017, 07:26 Uhr

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