Pferdefleisch mit «Spiegelei»

Selbst das Schneegestöber namens Egon hält den «Aufgetischt»-Reporter nicht davon ab, nach Worb aufs Land ins Restaurant Hirschen zu fahren .

Auch ohne Schnee gemütlich: Das Restaurant Hirschen ist eines der seltenen Restaurants, die Pferdefleisch servieren.

Auch ohne Schnee gemütlich: Das Restaurant Hirschen ist eines der seltenen Restaurants, die Pferdefleisch servieren. Bild: zvg

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Das blaue Bähnli gleitet durch verschneite Landschaften, in der sich Saatkrähen versammeln. In Worb gibts zwar eine neue Wendeschlaufe, doch da das alte Fahrzeug zwei Führerstände hat, geht der Fahrer wie eh und je den Zug entlang, um auf dem anderen «Bock» Platz zu nehmen. Uns kanns egal sein. Wir streben dem Hirschen zu, einer Gaststätte an einer der Worber Hauptstrassen, auf der es erstaunlich wenig Verkehr hat. Ob das mit dem neuen Umfahrungstunnel zusammenhängt, welcher derzeit in aller Munde ist?

Diesmal ist der Testesser mit einem Begleiter unterwegs, der – sonst ganz eine weibliche Domäne – vegetarisch isst. Zum Glück wird er auf der Karte mit den Tagesmenüs fündig: Tortellini mit Spinatfüllung und Käse (Fr. 16.–). Das panierte Schweinsschnitzel ist bereits vergriffen, doch möchte der Testesser ohnehin etwas «Rossiges» nehmen, weil es die Spezialität des Lokals ist. (Hoffentlich liest das die Tochter nicht, die Pferdeliebhaberin würde ihm das nie verzeihen.) In unseren allemanisch-germanischen Breiten sind Pferdefleisch-Restaurants eher spärlich gesät, während es im Welschland «steak de cheval» an sehr vielen Orten gibt. Wohl aus kulturellen Gründen ist diese Fleischart bei uns mit einer stärkeren Tabuisierung behaftet. Wie auch immer: Der Testesser nimmt das Pferde-Stroganoff mit Rösti (Fr. 31.–). Die Serviererin mit dem robusten Charme macht darauf aufmerksam, dass die Rösti etwas länger dauere, sie werde frisch zubereitet.

Während des Wartens und Redens schauen wir uns um. Den Hirschen könnte man für eine Serie über typische Schweizer Dorfrestaurants casten: die heimelige Holzdecke, die Vitrine voller Gläser mit dem Zeichen des Turnvereins Satus Worb, eine Kuhglocke an der Wand und eine aufklappbare Box auf den Tischen mit Gipfeli. Auch die faltbare Trennwand aus Holz fehlt nicht. Dahinter befindet sich ein Säli mit einer Gesellschaft. Jedenfalls hört man Musik, und ein Gast sagt scherzhaft zur Wirtin, ob da hinten eine Disco stattfinde, auch wenn es gar nicht laut ist. Inzwischen haben wir den Menüsalat erhalten, beim Begleiter inbegriffen, beim Testesser à la carte Fr. 7.–, bestehend aus Endivien und dekoriert mit Croûtons. Es ist eine grosszügige Menge, dank der wir die Zeit bis zum Hauptgang problemlos überbrücken.

Dieser kommt. Wir essen und werfen dann und wann einen Blick zwischen den zurückgebundenen Vorhänglein hinaus ins Schneegestöber. Der Begleiter ist mit den Tortellini – mutmasslich aus liechtensteinischer Produktion – sehr zufrieden, auch wenn er nicht alle aufisst: Er halte sich beim Essen mengenmässig zurück, aus gesundheitlichen Gründen. Der Testesser bekommt einen sehr heissen Teller mit klein geschnittenem Pferdefleisch an einer sämigen Sauce. Von den farbigen Peperonistückchen, die zu einem Stroganoff gehören, sind nur wenige zu sehen. Ein Blickfang auf dem Teller ist das «Spiegelei», das sich bei näherer Betrachtung als Aprikosenhälfte auf einem Schlagrahmbett entpuppt – etwas sachfremd zwar, aber originell. Allererste Sahne ist die Rösti, schön kross, aber nicht hart, goldgelb gebraten, wirklich perfekt. Das Warten hat sich gelohnt. Den offenen Wein übrigens, ein Salice Salentino (Fr. 5.20/dl), kann man empfehlen: Er ist kräftig und hat ein angenehmes Bouquet.

Für ein Dessert finden wir weder Zeit noch Platz im Magen. Es reicht nur für einen Kaffee. Auf der Rechnung erscheint dieser als «Mittagskaffee» (Fr. 2.–). Diese lobenswerte Idee dürften sich auch andere Lokale einfallen lassen für Gäste, die nicht allein «äs Gaffe chöme cho ha». Hinter uns fragt die Serviererin ein älteres Ehepaar, offenbar Stammgäste: «Was bechömed ihr?» Roten. Ein Ballönli – wie immer. (Der Bund)

Erstellt: 14.01.2017, 08:08 Uhr

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Die Rechnung, bitte

Karte: Gutbürgerliche Küche mit Spezialität Pferdefleisch.

Preise: Ländlich moderat.

Kundschaft: Dorfbewohner, Vereine, Senioren, die nachmittags ein Glas Wein trinken.

Öffnungszeiten: Montag geschlossen, Dienstag ab 16 Uhr geöffnet. Mi–So offen.

Adresse: Restaurant Hirschen, Beat und Ruth Fankhauser-Ramseier, Bahnhofstrasse 7,
3076 Worb, Telefon 031 839 02 53;

Internet: www.restaurant-hirschen-worb.ch.

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