«Meistens ziehen die Frauen den Schlussstrich»

Die Dauer einer Ehe ist kein Kriterium für ihr Gelingen, sagt Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello.

Die Berner Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello hat erforscht, was Ehen zusammenhält, und warum jede zweite Ehe geschieden wird.

Die Berner Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello hat erforscht, was Ehen zusammenhält, und warum jede zweite Ehe geschieden wird. Bild: Adrian Moser

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Frau Perrig-Chiello, junge Menschen träumen wieder vom klassischen Familienmodell, und zugleich wird fast die Hälfte aller Ehen geschieden. Wie ist das zu erklären?
Man kann tatsächlich eine Retraditionalisierung in Bezug auf die Vorstellungen von Ehe und Familie feststellen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der alles möglich, aber nichts sicher ist. Diese Unverbindlichkeit und Schnelllebigkeit macht immer mehr Menschen zu schaffen. Denn das Streben nach engen, sicheren Bindungen ist integraler Bestandteil des Menschseins. Auf diese Entwicklungen gibt es zwei Arten von Gegenreaktionen: Entweder man heiratet gar nicht oder man heiratet erst recht traditionell mit vorheriger Verlobung und zwei Kindern.

Sie haben über eine Periode von sechs Jahren 1000 langjährig in erster Ehe Verheiratete und 1000 spät Geschiedene befragt. Wie kamen Sie auf diese Forschungsidee?
Die Scheidungsrate für Ehen mit einer Dauer von mehr als zwanzig Jahren hat sich von 1970 bis heute verdreifacht. Hierzu gibt es viele Fragen, aber kaum wissenschaftliche Erkenntnisse. Ich wollte herausfinden, warum viele langjährige Beziehungen zerbrechen und viele andere nicht.

Sie zerbrechen wohl wegen der neuen Situation nach dem Auszug der Kinder.
Das ist bloss ein möglicher Aspekt. Bedeutsam sind auch gesellschaftliche Gründe für die späten Trennungen wie zum Beispiel die steigende Lebenserwartung. Es hat noch nie eine Generation gegeben, die mit einer Perspektive von siebzig Jahren Ehe-Dauer heiratet.

Ist eine derart lange Beziehungsdauer denn überhaupt menschengerecht? Sind wir Graugänse?
Für viele ist sie menschengerecht, für viele andere aber ist sie eine grosse Herausforderung. Früher hat der Tod ganz viele Probleme gelöst. Weitere gesellschaftliche Gründe für Trennungen sind der Wertewandel sowie die bessere Bildung und grössere finanzielle Unabhängigkeit der Frauen. Hinzu kommen paarbezogene Gründe wie Entfremdung, Dauerkonflikte oder eine Aussenbeziehung.

Von wem gehen Trennungen in der Regel aus?
Meistens sind es die Frauen, die den Schlussstrich ziehen. Oft ist es auch eine Reaktion auf eine Aussenbeziehung des Mannes. Aber ihre Frage, ob eine Beziehungsdauer von sechzig Jahren menschengerecht sei, finde ich spannend.

Eigentlich haben Sie diese Frage noch nicht ganz beantwortet.
Stimmt. In der Wissenschaft und im Alltag wird die Dauer häufig als Indikator für das Gelingen einer Ehe angesehen. Dem ist aufgrund unserer Forschungsergebnisse aber nicht so: Etwas mehr als vierzig Prozent der langjährig Verheirateten sind unzufrieden mit ihrer Beziehung.

Die Angst vor dem Alleinsein spielt eine grosse Rolle.


Warum sind sie dann noch zusammen?
Häufig geht es um psychische Verstrickungen nach dem Muster: «Man kann es nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander.» Die Angst vor dem Alleinsein spielt eine grosse Rolle. Aber auch der Mangel an Alternativen sowie Ängste wegen Prestigeverlust oder finanzieller Verluste können Gründe für ein Ausharren in einer Beziehung sein.

Und wenn Männer sich trennen, dann ist es wegen einer zwanzig Jahre jüngeren Frau?
Das ist ein Klischee, das häufig gar nicht zutrifft.

Immerhin. Die Ergebnisse Ihrer Studien für die Männer sind ziemlich ernüchternd.
Sie sprechen die Geschlechterunterschiede bei der Kommunikation in Paarbeziehungen an. Trennungen und Scheidungen haben nun mal viel mit kommunikativer Kompetenz zu tun – und hier haben Männer häufig Defizite. Unsere Forschungen zeigen zudem, dass die Männer sehr partnerbezogen sind. Ihre Partnerin ist ihre erste und einzige Ansprechperson. Dies im Gegensatz zu Frauen, die meist verschiedene enge Bezugspersonen haben. Genau dies wird den Männern zum Verhängnis, wenn die Frau mal weg ist. Männer haben in dieser Situation oft Mühe, Hilfe zu suchen. Sie machen es lieber mit sich selber aus.

Sie halten aber auch fest, dass Männer rasch wieder eine Beziehung eingehen.
Viele Männer tendieren zu schnellen Lösungen, weil sie die emotionale Einsamkeit nicht aushalten. Frauen hingegen lassen sich mehr Zeit, um mit der neuen Situation zurechtzukommen und sich neu zu definieren. Sie signalisieren freimütiger, wenn es ihnen nicht gut geht und holen sich auch eher Hilfe. Meistens können sie auch auf ein gutes soziales Netz zurückgreifen, reden mit der Mutter, der Schwester oder der Freundin. Das sind «Anlaufstellen», die vielen Männern fehlen. Männer sprechen beim Sport oder beim Jassen über Gott und die Welt und vielleicht einmal auch über Probleme.

Woran liegt das?
Das hat immer noch mit falsch verstandener Männlichkeit und mit tradierten Rollenmustern zu tun. Man kann den Männern deswegen aber kaum Vorwürfe machen, weil sie nach wie vor einer entsprechenden Erwartungshaltung der Gesellschaft nachleben müssen. Männer behalten Probleme in der Regel für sich, nicht zuletzt, weil sie nicht ihr Gesicht verlieren wollen. Bei Frauen ist man eher gewohnt, dass sie offen über ihre Probleme sprechen.

Ein Fazit Ihrer Untersuchung lautet, dass man «keine überzogenen Ansprüche an Liebe, Sexualität und Partnerschaft» haben sollte. Das klingt ziemlich unromantisch.
Ich bin gar nicht gegen Romantik. Sie kann aber unmöglich das einzige Ziel sein. Denn nach der Anfangsphase einer Beziehung kommt die Realitätsphase, wo die Liebe dem Alltag standhalten muss – und der ist eher unromantisch. Wir leben in einer Zeit, die sehr hohe Ansprüche an die Ehe stellt: Der Mann muss potent und gut aussehend sein. Er muss gut verdienen, im Haushalt helfen und ein aufmerksamer Gatte und engagierter Vater sein. Die Frau ist idealerweise schön und leidenschaftlich, eine gute Mutter sowie eine tüchtige Haus- und Berufsfrau. Diese Ansprüche kann auf die Dauer niemand befriedigen. Deshalb braucht es nebst realistischeren Ansprüchen auch eine permanente Auseinandersetzung mit Fragen wie: Was haben wir aneinander? Was bedeutet uns gegenseitige Unterstützung und Treue? Wie gehen wir mit Krisen um?

Was ist denn das Geheimnis einer langjährigen Partnerschaft?
Es gibt kein Geheimnis und kein Rezept. Aber es gibt Standards, welche die Wahrscheinlichkeit des Gelingens erhöhen wie zum Beispiel eine offene, respektvolle Kommunikation, die Bereitschaft, Krisen als normalen Bestandteil einer Ehe anzusehen, sowie gemeinsame Werte, Pläne und Projekte. Dabei geht es darum, die eigene Entwicklung zu verfolgen, ohne die gemeinsame Entwicklung als Paar aus den Augen zu verlieren. Letztlich braucht es aber auch ein bisschen Glück.

In Ihrem Buch sagt ein Mann, seine Frau habe sich nur noch um die Kinder gekümmert und er habe neue Aufgaben im Beruf übernommen – so hätten sie sich auseinandergelebt.
An diesem Beispiel wird ersichtlich, wie wichtig sowohl die gemeinsame Entwicklung als auch die individuelle Entwicklung ist. Und wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen, wenn sich jemand «abgehängt» fühlt. Eine Partnerschaft ist keine Selbstverständlichkeit. Sie will gepflegt werden.

Sie schildern auch Fälle, in denen eine Aussenbeziehung wie ein Donnerschlag wirkt.
Aussenbeziehungen sind zutiefst verletzend und bei einem Drittel unserer Befragten der Grund für eine Trennung. Sie sind jedenfalls eine Krise, aber auch ein Weckruf, mehr in die Beziehung zu investieren.

Sie haben vor vierzig Jahren als «Flower-Power-Paar» geheiratet. Damals waren Aussenbeziehungen noch Teil des Protests.
Es war damals der Mainstream, alles in Frage zu stellen und zu experimentieren. Vieles erwies sich als unrealistisch. Eine Ehe verträgt einfach nicht alles. Im Übrigen ist das sexuelle Fremdgehen bei langjährigen Beziehungen kein zentrales Thema. Da sind viele bereit, beide Augen zuzudrücken. Was weh tut, sind Liebesbeziehungen ausserhalb der Ehe. Wenn die Liebe der einzige Grund für die Ehe ist, warum sollte ein Paar zusammenbleiben, wenn die Liebe andernorts ausgetauscht wird?

Behandeln Sie deshalb das Thema Cybersex derart stiefmütterlich?
Nein, nein. Der einfache Grund dafür ist, dass es kaum Forschungen über dieses Thema gibt.

Gemäss einer Untersuchung sind die Glücksprognosen für arrangierte Ehen in Indien nicht schlechter als für Liebesheiraten. Das erstaunt.
Das ist für mich nicht erstaunlich. Auch in einer arrangierten Ehe kann sich unter Umständen eine Liebesbeziehung entwickeln.

Müssen wir also wieder zurück in die Zeiten, wo aus wirtschaftlichen Gründen geheiratet wurde?
Sicher nicht, wir müssen vorwärts schauen. Etwas mehr Rationalität würde viele vor Enttäuschungen bewahren.

Sie bezeichnen Entfremdung als häufigsten Scheidungsgrund. Wann kippt die Vertrautheit in Überdruss?
Überdruss entsteht, wenn ein Paar verschmolzen ist. Da gibt es keine Überraschungsmomente mehr. Jeder sollte sich auch als eigenständige Person weiterentwickeln können.

Das kann aber auch Befremden oder Angst auslösen.
Genau über diese Ängste muss eben gesprochen werden.

Eigentlich sind die Männer viel treuer.
Nein, sie sind nicht treuer. Untreue gibt es hüben wie drüben. Aber es sind meist die Frauen, die eine Trennung mit der Untreue des Partners begründen.

Ich wollte bloss einen Pluspunkt für die Männer rausholen.
Ich haben nichts gegen Männer, im Gegenteil. Aber sie sollten wach werden und die sozialen Belange nicht einfach den Frauen überlassen. Sonst sind sie die sozialen Verlierer bei Scheidungen.

Bei Trennungen nach langer Beziehung wird über Frauen oft gesagt, sie seien «aufgeblüht». Trifft das zu?
Das kann man so generell nicht sagen. Unsere Forschungen zeigen, dass rund die Hälfte der Frauen und Männer gut mit einer Trennung klarkommt, ein Drittel gar sehr gut. Zwanzig Prozent leiden aber über Jahre nachhaltig. Frauen tendieren eher zu depressiven Symptomen, Männer zu Einsamkeit. Das «Aufblühen» spielt allenfalls bei Witwen eine Rolle – vor allem dann, wenn dem Tod des Gatten eine lange Pflegephase vorangegangen ist.

Die Exklusivität der Ehe wird sich noch mehr aufweichen.

Sie sagen, wir steckten in einer Experimentierphase auf dem Weg zu neuen Beziehungsformen. Die Ehe ist nicht mehr die ideale Form?
Wenn fast jede zweite Ehe geschieden wird, liegt dies auf der Hand. Die Exklusivität der Ehe wird sich wohl noch mehr aufweichen. Vielleicht gibt es künftig Partnerschaften, wo sich zwei zum Zusammenleben verpflichten, bis die Kinder gross sind. Wir sind jedenfalls auf der Suche nach neuen Formen des Zusammenlebens, die nicht derart verletzend und anfällig sind. Scheiden tut nun mal weh – allen Beteiligten.

Sie fordern eine Wertediskussion über Beziehungen. Worüber genau?
In Sachen Beliebigkeit gibt es psychologische Grenzen der Verletzbarkeit. Die Wertediskussion müsste klären, welchen Stellenwert wir Treue, Verbindlichkeit und Solidarität zumessen. Sie müsste aufzeigen, welche Beziehungen Menschen brauchen, damit sie psychisch und körperlich gesund bleiben. Es gibt nur wenige Menschen, die auf die Dauer ohne enge Beziehungen glücklich sind. Die grosse Mehrheit braucht eine enge, verbindliche Beziehung. Letztendlich will der Mensch Exklusivität. Er will das Gefühl, dass er für jemanden von Bedeutung ist und dass diese Person für ihn da ist.

Eine Kollegin sagte einmal, sie möchte, dass jemand an ihrem Sterbebett ihre Hand halte.
Das ist sehr verständlich. Aufgrund der Verluste lieber Menschen im höheren Alter erhalten enge Beziehungen eine besondere Bedeutung. Gerade Menschen ohne Partner und ohne Kinder und Freunde bekommen die Einsamkeit bitter zu spüren. Deshalb ist es so wichtig, bereits viel früher freundschaftliche Beziehungen zu pflegen. Diese sind – wie die Partnerschaft auch – keine Selbstverständlichkeit. (Der Bund)

Erstellt: 24.06.2017, 08:18 Uhr

Pasqualina Perrig-Chiello

Bis zu ihrer Emeritierung im letzten Herbst war die Entwicklungspsychologin Professorin an der Universität Bern. Sie hat sich schwerpunktmässig mit den Lebensaltern und den Generationenbeziehungen befasst. Von 2003 bis 2008 war sie Präsidentin des Forschungsprogrammes «Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel» des Nationalfonds. Zuletzt sorgte ihr Buch «In der Lebensmitte. Die Entdeckung des mittleren Lebensalters» für Gesprächsstoff. In diesen Tagen ist im Berner Verlag Hogrefe das Buch «Wenn die Liebe nicht mehr jung ist» erschienen. Pasqualina Perrig-Chiello hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Partner in Basel. (bob)

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