Lachhaftes Verhalten

«Wahrheit»-Kolumnist Alexander Sury klärt Sie übers Lachen auf, denn auch da kann man verheerende Fehler machen.

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Es ist lange her, und doch denke ich hin und wieder daran zurück: An einem strahlenden Sommertag war ich mit einer Frau unterwegs, die ich mit meinem Witz und meinem Charme zu beeindrucken versuchte. Während wir uns so unterhielten – und ich witzig und charmant war, dass es mir schon fast unheimlich wurde –, kam uns ein Mann entgegen, der eine Glace in der Hand hielt. Als er sich, den Mund schon halb geöffnet und die Zunge sprungbereit, leicht zur Glace hinunterbeugte, stolperte er über eine Unebenheit im Asphalt.Dabei tauchte seine Nasenspitze unfreiwillig in die Cornet-Waffel, ehe diese dem Unglücklichen aus der Hand fiel und auf den Boden klatschte.

Was nun folgte, war ein reflexhaftes Auflachen meinerseits, die pure Schadenfreude entlud sich in einem dümmlich-gackernden Gelächter, das ich nur mit Mühe nach einigen Sekunden abwürgen konnte. Auf einen Schlag mündete mein witziger und charmanter Höhenflug in eine krachende Bruchlandung. Die Frau schaute mich an, als hätte ich ihr meine dunkelsten Abgründe offenbart – was irgendwie ja auch zutraf – und nahm innerlich wohl unverzüglich Abstand davon, mich als potenziellen Vater ihrer Kinder in Betracht zu ziehen.

Und Sie? Sind Sie eigentlich zufrieden mit Ihrem Lachen? Glauben Sie, dass es Ihre Persönlichkeit angemessen repräsentiert? Oder erleben Sie Ihr Lachen zuweilen als Fremdkörper, als Heimsuchung, der Sie hilflos ausgeliefert sind? In seiner Komödie «Small Time Crooks» aus dem Jahr 2000 spielt Woody Allen einen Schmalspurganoven, dessen Frau nicht nur eine veritable Nervensäge ist, sondern zu allem Übel auch noch über ein unsäglich ordinäres Lachen verfügt. Als sie ihn wieder einmal mit einer höhnischen Lachsalve bombardiert, pariert er den Angriff mit der Aufforderung: «Work on your laugh» – arbeite an deinem Lachen! Geht das? Ist es nicht Schicksal, mit welchem Lachen ich durchs Leben gehe?

Die Gelotologie, die Wissenschaft von den Auswirkungen des Lachens, beschäftigt sich mit den körperlichen und psychischen Aspekten des Lachens; sie unterscheidet zum Beispiel 18 Arten von Lächeln. Aber nur eine einzige Variante ist offenbar Ausdruck von spontanem Vergnügen. Dieses ehrliche Lächeln ist offenbar immer symmetrisch – beide Mundwinkel ziehen sich gleichzeitig nach oben – und mit Krähenfüsschen um die Augen gekoppelt. Wir sprechen hier allerdings vom Lächeln, also von der Mimik. Wie aber bekomme ich die akustische Komponente in den Griff?

Nun, offenbar kann man sich ein zu lautes, zu polterndes, zu meckerndes, an quietschende Autoreifen, röhrende Hirsche oder den Keuchhusten eines Greises erinnerndes Lachen tatsächlich abtrainieren. Auf Youtube gibt es zahlreiche Filmchen mit Anleitungen, wie ein ungeliebtes Lachen Schritt für Schritt in ein attraktives verwandelt werden kann. Einer meiner Lieblingstipps lautet: Wenn Ihr Lachen zu laut ist, versuchen Sie, bewusst leiser auf einen Lachimpuls zu reagieren.

In der Kurzfassung geht das so: 1. Im Internet die zahlreichen Lacharchive frequentieren, das neue Lachen identifizieren und auf Band aufnehmen. (Aber Obacht: Wenn Sie ein bekanntes Lachen wie etwa das wiehernde Gelächter des debilen Millionärs Osgood Fielding aus «Some Like It Hot» wählen, könnte das unter Umständen von Ihrer Umgebung als unecht empfunden werden.) 2. Vor dem Spiegel das neue Lachen ausprobieren, dabei an etwas Lustiges denken und unter Umständen die Atemtechnik anpassen. (Schnarch- und Gluckslachen etwa sind eindeutig Folgen falschen Atmens.) 3. Ein stilles Örtchen aufsuchen (Auto, Park, Toilette, Schrank, Keller) und das Lachen gezielt automatisieren. (Achtung: Wenn man das Lachen in der Nähe anderer Leute übt, kann es diese verunsichern, da Sie ja nichts Lustiges sagen.) 3. Das neue Lachen behutsam im eigenen sozialen Umfeld einführen. (Wichtig: sich selber bleiben und nur lachen, wenn man froh ist.)

Einen geeigneten Anlass, Ihr altes oder neues Lachen zu präsentieren, bietet der Weltlachtag am 6. Mai. In Zürich wird die konfessionell und politisch neutrale Lachbewegung eine Lachparade mit vielen Smiley-Ballons durchführen und auf die heilende Kraft des Lachens aufmerksam machen. Eine richtig lächerliche Veranstaltung. (Der Bund)

Erstellt: 20.04.2017, 06:59 Uhr

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