Das blaue Wunder

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler weiss besser als Sie, wie mit Müll umzugehen ist.

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Wohnen Sie in der Bereitstellungszone A? Sie wissen es nicht? Das wundert mich nicht. Also gut: Wir nehmen jetzt alle den Stadtberner Abfallkalender 2017 zur Hand. Oben sehen wir ein Kärtchen. Die Zone A umfasst die ganze Stadt östlich der Aare. Hier wird der Ghüder montags und donnerstags abgeholt, was man sich leicht merken kann. Darum stellten ihn die A-Bernerinnen und -Berner auch letzten Montag hinaus – ohne ihre Nase vorgängig in den Kalender zu stecken. Sonst hätten sie es gewusst: Tag der Arbeit – keine Abfuhr.

Doch sie schauten nicht nach, denn am Tag der Arbeit gingen sie zur Arbeit. Wie hätten sie ahnen können, dass die städtischen Angestellten an diesem Tag blau machen? Und so erlebte die Stadt östlich der Aare ihr blaues Wunder: in den Strassen gefühlte Millionen von blauen Gebührensäcken, die vergeblich ihrer Abholung harrten. Das freute die Krähen, die mit ihren Schnäbeln nach Verwertbarem stocherten. Weniger freut das die Strassenreiniger, die jetzt noch «an die Säcke» müssen, und auch die Kehrichtmänner werden heute die montägliche Wohltat büssen, da sie doppelt so viele Säcke heben müssen.

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Das lässt den Schluss zu: Bern ist keine rabenschwarze katholische Hochburg, in der einem nur schon beim Erwähnen des Tags der Arbeit der Mund mit Seife ausgewaschen wird. Es ist aber auch kein Bollwerk des Sozialismus, in dem der Kampf- und Feiertag aller Werktätigen dazu benutzt wird, Konvois mit Armeefahrzeugen samt aufragenden Raketen an der Tribüne der Parteibonzen vorbeidefilieren zu lassen. Die Stadt ist zwar rot-grün, doch die meisten gehen arbeiten, nur die städtischen Angestellten nicht. Wer am Montag die Kantonsverwaltung anrief, hatte mehr Glück, denn zu einem amtlichen Feiertag hat es der 1. Mai im Kanton noch nicht gebracht.

Früher kams noch knüppeldicker. Bernmobil firmierte als Städtische Verkehrsbetriebe Bern und war Teil der Stadtverwaltung. Damals hielten SVB-Trams- und -Busse am 1. Mai für zwei Stunden inne, damit die Chauffeure – viele gewerkschaftlich organisiert – die Feier besuchen konnten. Selbstredend vergassen die meisten Kunden diesen Sonderfall und bemerkten ihn erst, wenn sie die Flugblätter an den Automaten sahen oder mit vollen Einkaufstaschen auf der Gasse standen und kein – damals noch grünes – Vehikel kam. Die wenigsten Kunden waren dann in der Stimmung, den alten SVB-Slogan zu rezitieren: «I ha mi – u bi zfride – für d SVB entschide.»

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Als einstiger Nebenjob-Taxifahrer werde ich die von verzweifelter Gier verzerrten Gesichter nie vergessen und die sehnsüchtig winkenden Arme: Nie fühlte man sich in Bern als Taxifahrer so beliebt und begehrt wie in diesen zwei Stunden – vielleicht abgesehen von Silvester. Die Zentrale musste die Chauffeure ermahnen, nicht wahllos Leute einsteigen zu lassen, sondern prioritär die Bestellungen der Stammkunden abzuarbeiten.

Im Jahr 2000 wurde der Brauch des Betriebsunterbruchs im Stadtrat diskutiert. Es sei doch seltsam, wenn die neu als Bernmobil auftretende Verkehrsfirma am 1. Mai «immobil» sei. Die Linke entgegnete, die Angestellten hätten ein Recht auf diese Demonstration – und dass sich viele Kunden daran störten, sei eine reine Behauptung. So stands im «Bund». Nur zwei Jahre später gab Bernmobil bekannt, man werde erstmals auf den Betriebsstopp verzichten. Anlass, von dieser Tradition abzurücken, hätten «einerseits Reklamationen von Kunden» gegeben. Also doch. Andrerseits habe der Kanton den Wunsch geäussert, Bern möge auf der Landkarte des öffentlichen Verkehrs «keine Insel mehr darstellen».

«Bund»-Redaktor Markus Dütschler will keinesfalls besserwisserisch erscheinen, doch hat er seinen Kehricht am Montag auf dem Küchenbalkon zwischengelagert. (Der Bund)

Erstellt: 04.05.2017, 07:04 Uhr

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