Christenverfolgung – «ha, ha, ha»

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler überlegte sich, wie man in 20 Jahren die Berichte über die Stadtratssitzung lesen wird?

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Zeitungsartikel landen im Altpapier, oft sofort, doch hauchen sie ihr junges Leben nicht endgültig aus. In elektronischer Form bestehen sie weiter. Selbst in Papierform bleiben sie greifbar, auch wenn man sich zur Sichtung in die Nationalbibliothek bemühen muss, die einst «Landesbiblere» hiess.

Irgendwann blättert ein Student die alten Bände durch auf der Suche nach Beiträgen zu seinem Thema. Dann lacht er über die Meinungen, die man zum Zeitpunkt der Publikation hatte. Nichts ist lustiger, als in alten Fernsehsendungen zu sehen, wie 1971 gegen das Frauenstimmrecht argumentiert wurde. Oder was «das Volk» in den 1960er-Jahren von «den Italienern» hielt.

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Letzte Woche sass ich im Stadtrat. Die Sitzung plätscherte dahin. Dann kamen zwei Vorstösse an die Reihe, die den Islam zum Thema hatten. Ob Bern «ein Tummelplatz für Salafisten» sei, fragte SVP-Mann Henri-Charles Beuchat. In einem weiteren Vorstoss zur Koranverteilaktion «Lies!» forderte er den Gemeinderat auf, diese Kreise im Auge zu behalten, da die jungen Leute nicht harmlos, sondern mit Jihadisten und Syrien-Fahrern verbandelt seien.

Dieses «Hasspredigerprojekt» müsse «zwingend trockengelegt» werden, so der SVP-Stadtrat, der früher bei der CVP politisierte. Die Aktion verstosse gegen die verfassungsmässige Ordnung und habe «unter den Lauben von Bern nichts verloren».

Wie wird man die Zeitungsberichte über die Stadtratssitzung vom 6. April im Jahre des Herrn 2017 in ferner Zukunft bewerten? Wird man amüsiert feststellen, dass sich einige Alarmisten ganz grundlos über angebliche islamistische Machenschaften aufgeregt hatten, da doch die Integration der muslimischen Bevölkerung nach einigen Anfangsschwierigkeiten bestens gelungen sei und kaum noch Anlass zu Kritik gebe?

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Wie immer, wenn das Stadtparlament Briefträgervorstösse ausbrütet, die auf Kantons- oder Bundesebene realisiert werden müssten, hat das etwas Bemühtes an sich: Der Stadtrat ist nicht zuständig, so bedauerlich das ist – was ihn aber nicht daran hindert, Weltklimapolitik oder sonstige Weltverbesserungsaktionen anzudenken. Besonders Linke und Grüne machen das gerne.

Nun tat es die SVP. Wie einst der Komiker Andreas Thiel in der «Weltwoche» zitierte Beuchat im Vorstoss einige «Worst of»-Koranverse, um zu zeigen, was für ein schreckliches Buch voller Gewaltaufrufe es sei. Selbst in einer toleranten und freiheitlichen Gesellschaft sei es nicht zulässig, ein solches Werk zu verteilen. Denn, so sekundierte ein anderes SVP-Mitglied, es käme keinem in den Sinn, eine Verteilaktion für «Mein Kampf» zu bewilligen.

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Dann verhedderten sich alle etwas im Thema. Ein Ultralinker fand alle Religionen gleich fragwürdig, und nur die Überwindung des Kapitalismus bringe der Welt Frieden. Dann beteuerte die SVP, dass der Vorstoss nicht gegen den Islam gerichtet sei: Jede Hasspropaganda wäre demnach unzulässig, «es könnte auch Christen treffen».

Beuchat las die koranische Aufforderung vor, wonach «Götzendiener» getötet werden müssten. Dies sei «ein Schlag ins Gesicht der Christen», die auf der Welt am meisten verfolgt würden. Als er das sagte, vernahm man aus den links-grünen Reihen vereinzelt ein «ha, ha, ha». «Die Toleranz von Rot-Grün ist eine Selbstaufgabe», rief Beuchat in den Saal.

Nun war ein SP-Mitglied mit türkisch-islamischem Hintergrund beleidigt und verlangte eine Entschuldigung: Seine muslimische, Kopftuch tragende, tolerante Mutter habe ihn Respekt vor allen Menschen gelehrt. «Es geht doch nicht um deine Mutter», hielten ihm SVP-Leute entgegen. Damit erreichte die Diskussion einen toten Punkt, der niemanden befriedigte und niemanden weiterbrachte.

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Selbstverständlich hatten weder der SP-Mann noch dessen Mutter etwas zu tun mit dem Anschlag in St. Petersburg zwei Tage zuvor, nichts mit dem Anschlag von Stockholm am Tag darauf – auch nichts mit den Morden an koptischen Christen vom Palmsonntag. Verübt wurden sie dennoch.

Wie wird man also in 20 Jahren die Berichte über diese Stadtratssitzung lesen? Wird man sagen: Was war dieser Beuchat bloss für ein «Stürmicheib»? Oder wird man denken, die Ha-ha-ha-Rufer hätten besser daran getan, die Warnung nicht leichtsinnig in den Wind zu schlagen?

«Bund»-Redaktor Markus Dütschler hofft, dass Stadtrat Beuchat unrecht hat. Ganz sicher ist er aber nicht. Drum nutzt er die Gelegenheit – und wünscht frohe Ostern! (Der Bund)

Erstellt: 12.04.2017, 07:05 Uhr

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