«Im Westen wird immer nur über das Kopftuch gesprochen»
Von Rudolf Burger. Aktualisiert am 22.09.2012
Fazilet Dagci Ciglik
Fazilet Dagci Ciglik, Jahrgang 1973, ist in Erzurum in der Türkei geboren. Im Alter von einem Jahr kam sie mit ihren Eltern zunächst nach Solothurn und dann nach Zürich, wo sie aufgewachsen ist. Sie absolvierte eine KV-Lehre und bildete sich danach an der Fachhochschule zur Informatikingenieurin aus. Sie arbeitete im Versicherungsbereich und in der Informatik, und nebenberuflich war sie in Dietikon eine Zeit lang als Moderatorin, als Vermittlerin zwischen ausländischen Kindern und den Behörden, tätig.
2007 wurde sie, noch in der Schweiz, ins türkische Parlament gewählt. Sie war die erste Parlamentarierin, die während der Zeit im Parlament ein Kind gebar. Bei den Wahlen 2011 wurde sie wiedergewählt. Fazilet Dagci Ciglik ist verheiratet und Mutter von zwei Buben. Sie lebt in Erzurum in der Osttürkei.
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Frau Ciglik, Sie politisieren für eine konservative Partei, die AKP . . .
. . . konservativ ist falsch. Die AKP hat einen grossen Fächer zwischen rechts und links, wir stehen in der Mitte.
Bei uns gilt die AKP auch als religiöse Partei.
Es gibt bei uns streng Religiöse und weniger Religiöse. Religion ist aber sicher ein gutes Thema für die AKP.
Bekannt ist, dass die Frau des der APK angehörenden türkischen Ministerpräsidenten Erdogan ein Kopftuch trägt. Sie tragen keines.
Das muss jede für sich entscheiden. Ich habe mich entschieden, kein Kopftuch zu tragen.
Auch nicht in der Türkei?
Nein. Man darf in einem Amt kein Kopftuch tragen. So gibt es keine Kopftuchträgerinnen im Parlament.
Immerhin hat die AKP erreicht, dass Frauen mit Kopftuch an den Universitäten studieren dürfen. Das war früher verboten.
Die einen Rektoren haben das Verbot durchgesetzt, andere nicht. Frauen sollten mit oder ohne Kopftuch studieren können. Jeder und jede soll unabhängig von seiner Kleidung das Recht auf eine Ausbildung haben.
Sie sind in der liberalen Schweiz aufgewachsen. Da erstaunt es, dass Sie in der AKP gelandet sind.
In der Türkei sind die Verhältnisse anders. Forderungen wie die von der Schweizer SP werden in der Türkei von der AKP vertreten. Wir sind für Meinungsfreiheit, mehr Demokratie, Gleichberechtigung, für eine Öffnung, für die EU. Alle Bevölkerungsschichten werden von der AKP vertreten, Arm und Reich und auch der Mittelstand.
Das tönt gut. Westliche Journalisten stellen aber unter der AKP eine schleichende Islamisierung der Türkei fest.
So stellen Sie und diese Journalisten es dar. Jemand wie ich, der zwei Kulturen kennt, kann guten Gewissens sagen, dass es nicht um Islamisierung geht. Heute können die Leute in der Türkei leben, was sie glauben, es gibt keine Verbote.
Offenbar sieht man auf den Strassen viel mehr Kopftücher, seit Erdogan an der Macht ist.
Heute tragen Frauen Kopftücher dort, wo es früher verboten war, bei der Arbeit, an der Uni. Das ist ihr gutes Recht. In Anatolien trägt fast jede Frau ein Kopftuch. Das Kopftuch ist Bestandteil der Türkei, aber das heisst noch lange nicht, dass das Land islamisiert worden wäre, es ist jetzt endlich normal geworden. Im Westen wird aber immer nur über das Kopftuch gesprochen und die Islam-Schublade aufgemacht.
Wollte nicht die AKP in allen Schulen Gebetsräume einrichten?
In den Schulen gibt es keine Gebetsräume. Aber im Islam ist es nun einmal so, dass Strenggläubige fünfmal am Tag beten müssen. Dafür braucht es Gebetsräume.
Wenn man wirtschaftlichen Fortschritt will, ist es nicht hilfreich, wenn die Arbeit fünfmal am Tag durch Beten unterbrochen wird.
Die Türkei ist ein säkularer Staat, niemand muss fünfmal am Tag beten. Da mischen sich weder die AKP noch Erdogan noch der Staat ein.
Haben Sie das berühmt-berüchtigte Mohammed-Video gesehen?
Nein, aber ich habe davon gehört.
Sollte man dagegen protestieren?
Jedes Jahr geschieht so etwas, ein Film, eine Karikatur, eine Koranverbrennung. Eigentlich sollte man sich das ruhig anschauen, damit nicht noch mehr Werbung gegen den Islam gemacht wird, man sollte die Islamophobie bekämpfen. Was wäre, wenn jemand einen antisemitischen Film machen würde?
Mit Sicherheit würden keine Botschaften angezündet.
Jedes Volk, jede Nation hat Heilige, die man respektieren sollte. Einem Muslim käme es nie in den Sinn, Jesus oder Moses despektierlich darzustellen. Aber ich finde es nicht gut, dass Leute auf die Strasse gehen und Botschaften anzünden. Sie sagen, die Türkei werde islamisiert, aber in der Türkei hat es keine riesigen Proteste gegen den Film gegeben.
Aber es wurde doch demonstriert.
Es ist normal, dass man seine Meinung offenlegt, aber dabei sollten keine Menschen zu Tode kommen. Es braucht mehr Toleranz, man sollte ruhig Blut bewahren und sich überlegen, was der Film eigentlich bezweckt.
Darf man Karikaturen über religiöse Figuren, Mohammed, Christus, Buddha, machen?
Ich kann das nicht beantworten, ich bin keine Islamgelehrte. Aber Sie wissen vielleicht, dass Mohammed gar nicht gezeichnet wird. Man weiss nicht, wie er ausgesehen hat. Also sollte man das eigentlich respektieren, und das Gleiche gilt auch für die anderen Religionen.
In der westlichen Auffassung darf man den lieben Gott, Jesus und alle Heiligen karikieren.
Die westliche Auffassung, das Christentum, ist eben anders als der Islam. Das sollte man verstehen, es geht um den Dialog, um gegenseitiges Kennenlernen, nicht darum, zu sagen: Bei uns ist das so, weshalb akzeptiert ihr das nicht?
Der Islam ist anders, sagen Sie. Samuel Huntington hat das Buch «Zusammenstoss der Kulturen» geschrieben und vor allem den Konflikt zwischen der westlichen Kultur und dem Islam angesprochen. Was halten Sie davon?
Haben wir jetzt nicht genug über Religion gesprochen? Es ist typisch, dass wir nur darüber reden. Man könnte aber zum Beispiel davon reden, dass die Türkei hinter China das zweitgrösste Wachstum hat, dass die Türkei um 2050 hinter Deutschland die zweitgrösste Volkswirtschaft Europas sein könnte.
Reden wir also von der Wirtschaft. Haben Sie die Hoffnung, dass die Türkei der EU beitreten wird?
Auf jeden Fall. Die EU ist ein grosses Projekt für die Türkei. Wir sind bestrebt, alle nötigen Reformen durchzuführen. Vieles ist schon gemacht, aber einiges muss noch getan werden.
Viele EU-Länder sind schwer verschuldet, es gibt die Eurokrise. Ist die EU für die Türkei noch attraktiv?
Die Türkei hat mit seiner Wirtschaft und seiner jungen Bevölkerung – Durchschnittsalter 29 – ein grosses Potenzial. Von Europa aus gesehen ist die Türkei überdies ein Tor zum Osten. In diesem Sinne braucht Europa die Türkei, und die Türkei braucht die demokratischen und freiheitlichen EU-Normen und Standards, vor allem auch im wirtschaftlichen Bereich.
Haben Sie Verständnis dafür, dass sich die EU vor den 72 Millionen Türken auch ein wenig fürchtet?
Deutschland ist gross, so auch Frankreich, Italien und Spanien. Wir sind nun einmal 72 Millionen, aber wir bieten auch viel, eine junge, gut ausgebildete Bevölkerung. Das überalterte Europa braucht diese Dynamik.
Sieht sich die Türkei auch als Anführerin der muslimischen Länder?
Wir sind als säkular-demokratisches Land ein Vorzeigebeispiel, besonders auch nach dem arabischen Frühling. Diese Länder sehen in uns ein Vorbild.
Wie sehen Sie den Konflikt in Syrien?
Es ist richtig, dass die Forderung nach demokratischen Rechten und Strukturen vom Volk gestellt worden ist. Die Türkei unterstützt es, dass Syrien ein demokratisches Land wird, aber einheitlich bleibt.
Muss das Assad-Regime weg?
So, wie es aussieht, ja. Assad hat die versprochenen Reformen nicht durchgeführt. Das ist ja auch der Anlass für die inneren Unruhen.
Es gibt zwei Dinge, welche die Schweiz an der Türkei kritisiert: erstens das Problem mit den Kurden, das nach Angriffen der kurdischen Separatisten PKK und Gegenschlägen der türkischen Armee wieder aufgebrochen ist.
Gerade am Montag sind von der PKK zehn Soldaten umgebracht worden.
Wieso ist es den Kurden immer noch verboten ist, ihre Sprache offiziell zu brauchen?
Laut Verfassung gibt es bei uns eine Amtssprache, Türkisch. Das kann man in der Schweiz vielleicht nicht verstehen . . .
. . . das versteht man tatsächlich nicht . . .
. . . in der Schweiz ist die Verfassung mit den vier Sprachen historisch gewachsen. Die Türkei ist 1923 von Kemal Atatürk anders aufgebaut worden. Ob man zu Hause Kurdisch oder Arabisch oder anders spricht, ist egal, aber laut Verfassung ist die Amtssprache Türkisch. Die Türkei ist immer wieder von Militärputschen geplagt worden. Mit jedem Putsch gingen Freiheiten verloren. Es gab unter den Militärs sogar eine Zeit, als es verboten war, Kurdisch zu reden.
Die Verfassung könnte man ändern und Kurdisch als zweite Amtssprache einführen.
Als zweite Sprache kann man jetzt in türkischen Schulen Kurdisch belegen. Das ist neu. Und man kann die kurdische Sprache an den Universitäten studieren. Es gibt kurdisches Fernsehen, das 24 Stunden am Tag sendet . . .
. . . ein Station sendet aus Dänemark . . .
. . . mit TRT-6 gibt es eine amtliche Station, und es gibt auch Radiosendungen auf Kurdisch. Früher durfte ein Häftling mit seinen Verwandten nicht Kurdisch sprechen, heute geht das. Diese Freiheiten sind mit der AKP gekommen.
Nochmals: Dann könnte man Kurdisch auch zur Amtssprache machen.
Als Kurde gehört man nicht zu einer Minderheit. Ich weiss, was es heisst, in einem Land Ausländer zu sein. Als Kurde ist man in der Türkei nicht Ausländer, ein Kurde ist allen andern gleichgestellt. Zwei unserer Staatspräsidenten waren kurdischer Herkunft. Von den 328 AKP-Abgeordneten sind etwa 70 kurdischstämmig. Wir haben etwa vier Minister, die kurdischstämmig sind, und fliessend Kurdisch sprechen.
Wären Sie dafür, dass Kurdisch zur Verfassungssprache wird?
Das kann nicht meine Meinung sein. Seit Anfang 2012 ist eine Kommission dabei, eine neue Verfassung auszuarbeiten. Wir wollen eine zivile Verfassung nach den freiheitlichsten Normen, die man haben kann, aber es gibt in der Türkei ein paar Eckpfeiler, die man nicht ändern kann. Wir brauchen eine Sprache, die alle verstehen können. Aber die Türkei hat in den letzten zehn Jahren grosse Fortschritte gemacht. In den 80er-Jahren war es den Kurden nicht einmal erlaubt, auf Kassetten kurdische Lieder anzuhören. Nur: Die Kurdenfrage und die PKK sind zwei separate Dinge.
Es geht uns nicht darum, die PKK zu verteidigen.
Die PKK ist eine terroristische, gewalttätige Organisation. Die kurdischstämmige Bevölkerung hat Probleme gehabt, wir sind dabei, sie zu lösen. In den Militärputsch-Zeiten sind Orte von Kurdisch auf Türkisch umbenannt worden. Jetzt wird das geändert. Früher konnte man auf Kurdisch keine Vornamen oder Nachnamen haben, jetzt ist das erlaubt.
Das zweite Problem im Verhältnis Schweiz - Türkei ist Armenien. Der Nationalrat hat 2003 ein Postulat angenommen, das die Vertreibung der Armenier aus der Türkei im Jahr 1915 als Völkermord bezeichnete. Die offizielle Haltung der Türkei ist immer noch: Diesen Völkermord hat es nie gegeben. Wie sehen Sie das?
Wir haben 2009 in Zürich ein Protokoll unterschrieben, um zwischen Türken und Armeniern einen Normalisierungsprozess einzuleiten. Die Schweiz hat eine Vermittlerrolle übernommen. An dieses Protokoll muss man sich halten. Was 1915 war, ist Geschichte. Darüber sollten Politiker nicht reden. Warten wir ab, was uns die Historiker sagen.
Die meisten Historiker sagen, was 1915 in der Türkei mit den Armeniern passierte, war Völkermord.
Es sind damals ganz schlimme Dinge passiert. Ich komme aus Erzurum, das in dieser Region liegt. Mein Grossvater erzählt mir davon, was seiner Familie geschehen ist. Es war ein Krieg, auf beiden Seiten sind Menschen umgekommen, das tut einem leid. Mehr will ich dazu nicht sagen, ich möchte das den Historikern überlassen.
Man hat das Gefühl, dass sich die Türkei ungern mit der Vergangenheit auseinandersetzt.
Ich bin im Rahmen der parlamentarischen Freundschaftsgruppe Schweiz - Türkei hier in Bern. Ich bin hier, um die Freundschaft zu pflegen. Wollen wir Probleme auftischen oder vorwärtskommen, mehr Handel treiben? In der Türkei gibt es rund 30'000 ausländische Unternehmungen, nur 400 davon sind aus der Schweiz. Warum gibt es nicht mehr Schweizer Firmen in der Türkei?
Sie reden lieber über Wirtschaft als über Geschichte.
Ich will über das reden, was uns vorwärtsbringt. Die Schweiz hat einen besonderen Platz im Herzen der Türken. Als Bundespräsident Couchepin 2008 in der Türkei war, hat er den Tisch mitgebracht, auf dem 1923 in Lausanne der Vertrag unterzeichnet wurde, der die moderne Türkei begründete. Dieser Tisch ist jetzt ein Museumsstück, auf das wir alle stolz sind. Wir müssen daran arbeiten, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und der Türkei noch mehr zu pflegen.
Wie steht es in der Türkei mit der Meinungsfreiheit? Unter Erdogan müssen Journalisten doch aufpasssen, was sie schreiben.
Meinungsfreiheit besteht. Man kann schreiben und sagen, was man will. Aber vielleicht reden Sie von den inhaftierten Journalisten. Die sind nicht wegen ihrer journalistischen Aktivitäten im Gefängnis, sondern weil sie ein anderes Regime wollten, keine Demokratie, sondern vielleicht wieder eine Militärdiktatur. Was kritisiert wird, ist die lange Dauer der Untersuchungshaft. Es gibt zu wenig ausgebildete Staatsanwälte und Richter. Aber jetzt hat man Computer eingeführt, mehr Leute eingestellt, um die Verfahren zu verkürzen.
Sie sagen mir, in der Türkei ist momentan alles in bester Ordnung.
Nicht alles in bester Ordnung, aber ich habe mich 2007 für eine Kandidatur entschieden, weil ich gesehen habe, dass die Türkei auf gutem Weg ist. Sie hat den Willen für mehr Reformen, mehr europäische Standards und will sich eine neue Verfassung geben.
2007 arbeiteten Sie noch in der Schweiz für eine Versicherung. Wie kam es zu Ihrer Kandidatur fürs türkische Parlament?
Ministerpräsident Erdogan war ein paar Mal am WEF in Davos. Ich kannte ihn und habe ihn dort begleitet.
Er hat Sie gefragt, ob Sie kandidieren möchten?
Ja, 2007 konnten auch Türken kandidieren, die ausserhalb der Türkei lebten. Ich hatte das Glück, in Erzurum auf Platz drei zu sein, und wurde gewählt.
Als einzige Frau?
Ja.
Heute sind Sie Berufspolitikerin. Wie geht es weiter mit Ihrer Karriere – werden Sie Ministerin?
Jetzt will ich Abgeordnete sein und im türkischen Parlament arbeiten. Was in der Zukunft passiert, weiss ich nicht. Ich bin Mitglied der interparlamentarischen Union, bin viel international tätig und versuche, die türkische Sache gut zu vertreten.
Sie sind hier aufgewachsen. Wie viele Schweizer Eigenschaften stecken in Ihnen?
Zum Beispiel Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, vielleicht auch Ordnungssinn. Ich bin bald 39-jährig, 33 Jahre habe ich in der Schweiz verbracht. Ich bin in zwei Kulturen aufgewachsen. Ich kann Sie verstehen, und ich kann einen Türken verstehen. (Der Bund)
Erstellt: 22.09.2012, 09:39 Uhr
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