«Allzu oft sind Ärzte bloss noch Verwalter von Krankheiten»

Der umstrittene Arzt Ruediger Dahlke rät Kranken zum Fasten und warnt vor dem Konsum tierischer Produkte.

Der Arzt Ruediger Dahlke kritisiert die Schulmedizin und wird für seine Thesen ebenfalls kritisiert.

Der Arzt Ruediger Dahlke kritisiert die Schulmedizin und wird für seine Thesen ebenfalls kritisiert. Bild: Manu Friederich

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Herr Dahlke, Sie sind bekannt geworden als Naturheilarzt, der seelische Ursachen für körperliche Beschwerden verantwortlich macht. Starten wir mit einer Fragerunde: Welche seelischen Hintergründe hat chronisches Übergewicht?
Eigentlich ist es unsere Aufgabe, unser Leben rund zu bekommen, indem wir alle wesentlichen Felder oder Lebensprinzipien abdecken. Wie bei allen Krankheitsbildern sinkt diese Aufgabe auch hier auf die Körperbühne. Statt das Leben im übertragenen Sinn abzurunden, futtern Betroffene den Körper rund.

Worauf würden Sie bei wiederkehrenden Migräneanfällen achten?
Darauf, grosse, mitreissende Liebesfeste zu feiern.

Welches ist der beste Weg, mit dem Rauchen aufzuhören?
Es ist wichtig, das eigene Rauchmuster zu erkennen. Geht es darum, Dampf abzulassen, geht es stark um orale Befriedigung, oder geht es darum, die Zigarette als Taktstock zu benutzen? Wer seine Motive kennt, kann sie durch konstruktivere Muster ersetzen: Wer rauchend Dampf ablässt, sollte sich eine erlöstere Ebene suchen, seine Aggressionen rauszulassen. Das orale Thema liesse sich schöner küssend bearbeiten. Wer hier einfach aufhört zu rauchen, läuft Gefahr, stattdessen zu essen und zuzunehmen. Wer den Glimmstängel als Taktstock mit Lichtpunkt missbraucht, könnte andere Wege finden, öfter den Ton anzugeben.

Auch bei schweren Erkrankungen wie multipler Sklerose oder Krebs benennen Sie seelische Ursachen. Das tönt zynisch. Ist in Ihren Augen selber schuld, wer an einer solchen Krankheit stirbt?
Es geht mir nie um Schuld, sondern um Verantwortung. Wir müssen wieder die Verantwortung für unsere Probleme übernehmen, denn die kann uns niemand abnehmen, auch der beste Arzt nicht. Es ist ein Jammer, dass wir im Deutschen Schuld und Verantwortung synonym verwenden. Tatsächlich geht es darum, Antworten zu finden auf die im Krankheitsbild deutlich werdende Aufgabe. In anderen Sprachen zeigt sich das noch deutlicher: responsabilità, responsabilité, responsibility – es geht um die «ability to respond», die Fähigkeit, Antworten zu finden. Ich arbeite seit fast vier Jahrzehnten als Arzt und habe tausendfach erlebt, wie entscheidend es ist, dass die Menschen die Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen.

Sie sprechen damit der Schulmedizin ihre Daseinsberechtigung ab.
Bei allen chronischen Krankheitsbildern hat die Schulmedizin wenig anzubieten. Sie kann keine Krankheiten heilen. In der ersten Lebenshälfte gelingt es noch ganz gut, mit Medikamenten Symptome zu unterdrücken, in der zweiten Lebenshälfte bei chronischen Krankheiten ist das kaum mehr möglich. Und wenn doch, ist es kontraproduktiv. Natürlich kann man bei Rheuma mit sehr starken Medikamenten den Schmerz unterdrücken, aber das rächt sich ebenso sehr, wie wenn Sie im Auto die Warnlampe, die Sie auf den fast leeren Benzintank aufmerksam macht, einfach überkleben.

Was schlagen Sie als Alternative vor?
Fasten, Ernährungsumstellung, mehr Bewegung und ein Verständnis für die seelischen Ursachen der Krankheit. Nehmen wir das Beispiel Diabetes 2: Was früher als Alterszucker bekannt war und primär Senioren zu schaffen machte, ist heute eine Volkskrankheit, von der auch junge Erwachsene, Jugendliche und sogar Kinder betroffen sind. Die Ursachen sind klar: Bewegungsmangel und eine Überdosis an Zucker in den Lebensmitteln führen zu Übergewicht und einer frühzeitig überforderten Bauchspeicheldrüse. Da hilft nur eine Änderung des Lebensstils. Aber natürlich hat die Schulmedizin, die von der Pharmaindustrie abhängig ist, kein grosses Interesse an Lebensstiländerungen, weil damit viel weniger Geld zu verdienen ist als mit Medikamenten.

Man kann nicht über den Darm erleuchtet 
werden.

Ein schwerwiegender und plakativer Vorwurf.
Schauen Sie sich doch an, wie viel Einfluss die Pharmakonzerne durch Lobbying erkaufen. Mit einem Medikament wie dem Cholesterinsenker Lipitor respektive Sortis erzielte der Pharmakonzern Pfizer jahrelang zweistellige Milliardenumsätze – was aus ärztlicher Sicht fragwürdig ist, da unser Gehirn zu 70 Prozent aus Fett besteht und dringend auf die körpereigene Cholesterinproduktion angewiesen ist. Einen guten Teil des Gewinns investieren die Pharmakonzerne in Lobbying. Dank einer Studie der Organisation Oxfam wissen wir, dass die grossen Player im Pharma- und Gesundheitssektor allein im Jahr 2014 500 Millionen US-Dollar für Lobbyarbeit in Washington und Brüssel ausgegeben haben. Bei einem so warmen Geldregen ist es nicht verwunderlich, dass dann bei einer angeblich heraufziehenden Schweine- oder Vogelgrippe massenweise Tamiflu ausgegeben wird.

Nochmals: Möchten Sie die Schulmedizin am liebsten ganz abschaffen?
Nein, keinesfalls. Ich habe eine Tochter mit Down-Syndrom und bin sehr dankbar für fachärztliche Begleitung. Im ganzen Bereich der Diagnostik leistet die Schulmedizin wertvolle Arbeit. Die modernen bildgebenden Verfahren, die mit wenig oder keinen Strahlenwirkungen einhergehen, sind ein Segen. Bei Krebs etwa kommt es sehr auf die Art an; bei kindlichen Leukämien hat auch Chemotherapie die Aussichten sehr verbessert. Aber allzu oft sind Ärzte bloss noch Verwalter von Krankheiten und Medikamentenhändler. Die meisten Pillen helfen aber nicht den Patienten, sondern der Pharmaindustrie. Die dritthäufigste Todesursache in Industrieländern sind Kunstfehler der Medizin respektive Nebenwirkungen von Medikamenten.

Sie empfehlen deswegen Fasten im Kampf gegen den Krebs, Kokosöl gegen Alzheimer, vegane Ernährung bei Rheuma und Herz-Kreislauf-Problemen: Haben Sie nie Zweifel, ob Ihre Überzeugungen genug abgesichert sind, um Patienten in heiklen Situationen damit zu therapieren?
Doch, anfangs hatte ich solche Zweifel. Mit den Jahren haben sich diese durch Heilungserfolge bei Patienten gelegt. In vielen Fällen ist die Wirksamkeit inzwischen wissenschaftlich solide belegt. Ich führe beispielsweise seit über 38 Jahren Fastenseminare durch und sehe, wie positiv sich dies auf die Übersäuerung und Entzündungsanfälligkeit des Körpers auswirkt. In den letzten Jahren haben renommierte Wissenschaftler wie Valter Longo, Professor für Gerontologie und Biologie an der University of California Los Angeles, die Wirkung des Fastens auf Krebszellen untersucht und nachgewiesen, dass sich das Wachstum der entarteten Zellen verlangsamte und die Wahrscheinlichkeit von Metastasenbildung reduzierte. Ich verstehe Fasten, eine gesunde Ernährung und die Psychosomatik aber nicht als Alternative zur Schulmedizin, sondern als Ergänzung.

Gesunde Ernährung heisst für Sie: keine tierischen Produkte. Warum so radikal?
Ich habe schon als Kind einmal aufgehört, Fleisch zu essen – das war eine intuitive Entscheidung aus purer Tierfreundschaft. Später kam eine ethische Dimension dazu: Ist es wirklich legitim, dass eine Milliarde Menschen hungern, weil wir so viel Fleisch essen und tonnenweise Getreide für die Massentierzucht verwenden, statt es den Ärmsten zur Ernährung zu überlassen? Zudem essen wir mit dem Fleisch auch das Leid der in Massenhaltung gequälten Tiere mit.

Sie empfehlen nicht nur den Verzicht auf Fleisch, sondern gleich alle tierischen Produkte wegzulassen. Mit welchen Argumenten?
Die Publikation der «China Study» von Colin Campbell im Jahr 2005 war für mich ein Aha-Effekt. Sie liefert solide wissenschaftliche Argumente für eine pflanzlich vollwertige Ernährung, indem sie zeigt, dass der Konsum von Tierprotein die Entstehung von Krebs, Herz-Kreislauf-Krankheiten und viel anderem Elend begünstigt.

Die Studie ist stark kritisiert worden. Campbell habe aus rund 8000 statistisch signifikanten Korrelationen nur jene herausgepickt, die seine Theorie stützten, wird bemängelt.
Ich habe mir von mehreren Wissenschaftlern versichern lassen, dass die Studie solid ist. Aber ich würde keiner Studie vertrauen, ohne die Ergebnisse immer wieder zu verifizieren. Sie können mit Studien alles beweisen, auch dass Coca-Cola Leben rettet. Wenn Sie zwei Gruppen mehrere Tage in der Wüste aussetzen und der einen nichts zu trinken geben, der anderen Coca-Cola, dann ist der lebensrettende Effekt leicht nachzuweisen.

Cola halten die wenigsten für gesund. Anders ist es bei der Kuhmilch, die uns in der Werbung als Fitmacherin und Knochenstärkerin angepriesen wird. Warum raten Sie dezidiert vom Konsum ab?
Kuhmilch-Konsum ist – besonders in der pasteurisierten und homogenisierten Form – ein Angriff auf unsere Darmschleimhaut. Kuhmilch enthält obendrein den Wachstumsfaktor IGF-1, der für schnelle Zellteilung sorgt und die Eliminierung alter Zellen behindert. Das ist für Erwachsene eine Art Krebsprogramm. Colin Campbell hält Kuhmilch auf der Basis vieler Studien für den gefährlichsten Krebsförderer. Schliesslich hat die Kuhmilch wie alles Tierprotein den Nachteil, uns zu übersäuern. Und sie entzieht dem Körper mehr Kalzium, als sie ihm zuführt. Es spricht wirklich nichts dafür, dass Erwachsene tierische Milch konsumieren.

Freuen Sie sich darüber, dass inzwischen auch Spitzenköche und Leistungssportler auf vegane Ernährung setzen?
Es ist gut, wenn vollwertige pflanzliche Ernährung mehr mit Genuss und Gesundheit als mit Verzicht assoziiert wird. Ich bin aber kein ideologischer Veganer: Weissmehl und raffinierter Zucker, Wodka und Whiskey sind vegan, deswegen aber nicht gesund. Ich versuche, Ideologie aus der Ernährungsfrage herauszuhalten und auf medizinische, humanitäre, tierethische und ökologische Argumente hinzuweisen. Essen soll nicht zur Religion werden. Man kann auch nicht über den Darm erleuchtet werden.

Sie können auch beweisen, dass Coca-Cola 
Leben rettet.

Grenzen Sie sich von der Esoterik ab?
Mir liegt daran, die wissenschaftlich-analytische Weltsicht durch eine spirituelle Dimension zu erweitern. Wenn wir die grundlegenden Lebensprinzipien nicht verstehen, welche uns schon die antike Mythologie vor Augen führte, fehlt es uns an Orientierung. Das Bewusstsein bestimmt das Sein. Wenn ich aber auf Messen weiss gekleideten Gestalten begegne, die leise gehen, leise reden und permanent blöd grinsen, suche ich rasch das Weite. Wo sich alles um Licht, Liebe und Engel dreht, entsteht ein grosser Schatten. Es gibt keinen Direktflug ins Licht, der Weg führt immer durch den eigenen Schatten.

Wie sind Sie als Sohn einer Sonderschullehrerin und eines Industriemanagers eigentlich zum Arzt geworden, der die Schulmedizin auf Herz und Nieren prüft?
Meine Mutter hätte es gerne gesehen, wenn ich ein zweiter Albert Schweitzer geworden wäre, mein Vater monierte, wenn ich nicht die Bestnote nach Hause brachte. Ansonsten betrieb er grossen Aufwand, um mich von den Utopien des Sozialismus und der Hippie-Bewegung zu heilen. Ich hatte das Glück, schon in jungen Jahren viel von der Welt zu sehen. Schliesslich studierte ich Medizin wie schon mein Grossvater.

Als Klinikarzt hielten Sie es nur ein knappes Jahr aus.
Ich war schockiert, wie sehr der Mensch auf seine Symptome reduziert wurde. Die Ärzte redeten von der «Niere auf Zimmer 17», auf der Krebsstation durfte nicht über das Sterben gesprochen werden. Ich stellte nach kurzer Zeit fest: Dieses System macht die Patienten nicht gesund, und mich macht es krank. So suchte ich meinen eigenen Weg, erkundete die Welt, lernte von Geistheilern auf den Philippinen, Schamanen in Afrika und indischen Yoga-Meistern. Schliesslich kam ich mit dem Psychotherapeuten Thorwald Dethlefsen zusammen, der zu meinem Mentor wurde.

Ihr gemeinsames Buch «Krankheit als Weg» wurde zum Bestseller.
Es hat rasch die Millionengrenze überschritten und wurde in 28 Sprachen übersetzt. Dass wir die Wechselwirkungen zwischen Psyche und Körper so direkt darstellten, war Anfang der Achtzigerjahre eine Sensation. Die Schulmediziner ignorierten das Buch nach Kräften, aber die Leser und vor allem Leserinnen waren ganz verrückt danach. Bei der ersten Abrechnung vom Verlag traf mich fast der Schlag. Wir hatten uns vorgenommen, uns bei 100'000 verkauften Exemplaren ordentlich zu betrinken, doch da war diese Schwelle schon überschritten. Wir holten es bei 250'000 Exemplaren nach.

Ist es eine Genugtuung für Sie, dass nun auch Schulmediziner zu Ihnen in die Weiterbildung kommen?
Es freut mich, dass ich für die Deutsche Ärztekammer arbeiten und medizinische Fortbildungen leiten kann, etwa zum Arzt für Naturheilverfahren. Das Entscheidende für mich sind aber die Lebensqualität und der Dank meiner Patienten. (Der Bund)

Erstellt: 20.05.2017, 08:45 Uhr

Ruediger Dahlke

Der Arzt, Therapeut und Buch-Autor wurde 1951 in Berlin geboren. Er studierte in München Humanmedizin, bildete sich zum Arzt für Naturheilverfahren und Psychotherapeuten weiter und machte sich bald als Autor und Kritiker der Schulmedizin einen Namen. Wegen seiner psychosomatischen Krankheitsdeutungen, Experimenten mit Lichtnahrung und seiner Nähe zur Esoterik-Szene polarisiert Dahlke stark. 1990 gründete er mit seiner ersten Frau das Heilkundezentrum in Niederbayern. Später nahm er die österreichische Staatsbürgerschaft an und baute mit seiner zweiten Frau in der Steiermark das Gesundheitsresort Tamanga auf, wo er Fasten-, Meditations- und Ernährungsseminare durchführt. Dahlke hat über 60 Bücher publiziert, darunter Bestseller wie «Krankheit als Symbol», «Peace Food» und zahlreiche Fasten-Ratgeber. Der 65-Jährige ist Vater einer erwachsenen Tochter und lebt seit 2016 in Fürigen bei Luzern. (mmw)

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