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«Wir planen beim AKW Mühleberg bis 2022»

Von Hans Galli. Aktualisiert am 30.01.2013 3 Kommentare

Suzanne Thoma ist die erste Frau an der Spitze der BKW. Sie sagt, warum der Berner Stromkonzern erst Ende Jahr entscheiden wird, ob sich die Nachrüstung des AKW Mühleberg lohnt.

BKW-Chefin Suzanne Thoma: «Wir setzen auf erneuerbare Energien, Effizienz und neue Geschäftsmodelle.»

BKW-Chefin Suzanne Thoma: «Wir setzen auf erneuerbare Energien, Effizienz und neue Geschäftsmodelle.»
Bild: Adrian Moser

Elektrizitätswerke: «Ja, aber» zur Energiestrategie 2050

Die Elektrizitätswerke stellen sich zwar hinter die Energiestrategie 2050 des Bundesrates und damit hinter den Atomausstieg; es sei aus politischen Gründen unrealistisch, neue Kernkraftwerke zu bauen, sagte Kurt Rohrbach, Präsident des Verbandes Schweizerische Elektrizitätswerke (VSE), gestern vor den Medien in Bern. Er kritisierte aber die fehlende Koordination beim Ausbau von Produktion, Netzen und Speichern.

In diesen Punkten plädiert der Verband für Anpassungen:

Effizienz: Der Bund fordert von den Elektrizitätswerken, dass sie ihre Kunden zum Stromsparen zwingen. Falls sie die Sparziele nicht erreichen, müssen sie «weisse Zertifikate» kaufen. Der VSE plädiert dagegen für freiwillige Zielvereinbarungen nicht nur bei grossen Firmen wie heute, sondern auch bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Die Elektrizitätswerke könnten zudem die Kontrolle von Klimaanlagen und andern Grossanlagen übernehmen.Kostendeckende Einspeisevergütung: Wer Ja sage zu erneuerbaren Energien, müsse auch Ja sagen zu deren Förderung, sagte Rohrbach. Ohne Förderung werde nicht investiert. Der Vorschlag des Bundesrates, kleine Anlagen mit einmaligen Investitionsbeiträgen zu unterstützen und die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) für grössere Projekte zu reservieren, gehe in die richtige Richtung. Das Tarifsystem der KEV sei aber weiterhin zu kompliziert und müsse vereinfacht werde.

Netzkosten: Diese sind laut VSE den Verursachern zu überwälzen. Wer auf seinem Haus eine Fotovoltaikanlage installiere, aber trotzdem einen Netzanschluss für Zeiten mit zu wenig Sonnenschein benötige, müsse die vollen Netzkosten übernehmen.

Gaskraftwerke: Gleichbehandlung von grossen und kleinen Anlagen. Es gehe nicht an, dass Quartierkraftwerke, sogenannte Wärme-Kraft-Kopplungs-Anlagen (WKK), bevorzugt werden sollen, sagte VSE-Geschäftsführer Michael Frank. Es wäre paradox, das Erdgas mit einer CO2-Abgabe zu belasten und gleichzeitig gasbetriebene WKK-Anlagen zu fördern. Nichts einzuwenden habe der VSE aber gegen die Förderung von Fernwärmenetzen. (-ll-)

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Frau Thoma, Sie sind seit Anfang Jahr Konzernchefin der BKW. Wie ist Ihr Befinden? Bereuen Sie den Aufstieg noch nicht?
Nein, es ist eine Freude, bedeutet aber auch viel Verantwortung.

Ist die Arbeitsbelastung höher als in Ihrer früheren Funktion als Leiterin des Geschäftsbereichs Netze?
Sie ist im Moment eindeutig höher.

Weil Sie sich noch einarbeiten müssen oder aufgrund der Themen?
Einerseits muss ich mich in neue Themen einarbeiten und andererseits ist die Themenvielfalt grösser. Auch beansprucht hat mich die Vorbereitung der Reorganisation, die wir vor wenigen Tagen angekündigt haben.

Ein Dauerthema ist die Zukunft des Atomkraftwerks Mühleberg. Die Atomaufsichtsbehörde Ensi verlangt bis Mitte Jahr einen Plan für die Nachrüstung. Die BKW will aber erst Ende Jahr sagen, ob sich die Investitionen lohnen oder ob sie es vorzieht, das AKW vorzeitig vom Netz zu nehmen. Welcher Termin gilt nun?
Es handelt sich um eine logische Abfolge: Wir zeigen bis Mitte Jahr auf, welche technischen Massnahmen wir vorsehen. Danach wird das Ensi dazu Stellung beziehen. Erst wenn definitiv feststeht, wie wir genau die vorgesehenen Massnahmen umsetzen müssen, können wir die Kosten schätzen.

Das heisst, dass das Ensi die Antworten bis im Sommer erhalten wird?
Selbstverständlich – das Ensi hat die jeweils geforderten Dokumentationen von uns noch immer rechtzeitig erhalten.

Im vergangenen Frühjahr kündigte die BKW an, dass sie das AKW Mühleberg 2022 abschalten werde. Im Dezember hiess es dann, dass es länger laufen könnte, falls die Nachrüstungen erfolgen. Was gilt jetzt?
In der bundesrätlichen Stellungnahme ist klar festgehalten, dass ein AKW so lange betrieben werden kann, wie es sicher und wirtschaftlich ist. Aber unsere Planungsgrundlage für das AKW Mühleberg ist das Jahr 2022.

Ende der vergangenen Woche stellte die BKW ihre künftige Konzernstruktur vor. Dabei fällt auf, dass es mehr Geschäftsbereiche geben wird. Der Konzern wird somit breiter und nicht schlanker, dabei muss die BKW doch überall sparen.
Kostensenkungen stehen bei der Reorganisation nicht im Vordergrund. Vielmehr setzen wir mit der neuen Konzernstruktur die im vergangenen Jahr verabschiedete Strategie um. Dabei ergeben sich gewisse Entflechtungen, sodass wir Doppelspurigkeiten abbauen können. Das werden wir aber erst in einem zweiten Schritt angehen.

Heisst das, dass weitere Stellen abgebaut werden?
Dies ist nicht im Fokus. Wir befinden uns aber in einem herausfordernden Umfeld und müssen auf die Rentabilität des Unternehmens achten. Wir müssen in der Lage sein, gute Anstellungsbedingungen zu bieten, Dividenden auszuschütten und zu investieren. Was momentan am Strommarkt passiert, geht an der BKW nicht spurlos vorbei.

Bisher waren das Ausland- und das Inlandgeschäft getrennt, nun werden sie zusammengelegt. Verliert das Auslandgeschäft an Bedeutung?
Nein, ganz und gar nicht. Die BKW investiert beispielsweise von allen Schweizer Stromunternehmen am meisten in ausländische Windkraftwerke. Dieses Investitionsprogramm geht weiter, und wir führen die Kompetenzen in der Windenergie im In- und Ausland zu einer kräftigen neuen Organisation zusammen.

Ist der geplante neue Geschäftsbereich «Erneuerbar und Effizienz» ein verkapptes Sparprogramm, oder handelt es sich um das Bekenntnis, dass die BKW vermehrt auf erneuerbare Energien setzt?
Die Konzernstrategie sagt klar, dass wir auf erneuerbare Energien, Effizienz und neue Geschäftsmodelle bauen. Das setzen wir in der neuen Organisation um. Aber auch dieser Geschäftsbereich hat den Auftrag, genügend Erträge zu erarbeiten, damit Löhne, Dividenden und Investitionen finanziert werden können.

Ist das im noch jungen Gebiet der neuen erneuerbaren Energien realistisch?
Die erneuerbaren Energien wie Wind-, Wasser- und Sonnenkraft werden teilweise subventioniert. Das gibt uns eine gewisse Rendite, wenn auch keine grosse. Aber diese fällt erst an, wenn die Anlagen produzieren. Alles, was vorher passiert, ist finanziell nicht abgedeckt: Projekte, die wir starten, aber nicht realisieren können, bedeuten einen Verlust. Der neue Geschäftsbereich muss nun zeigen, dass er trotz allem übers Ganze gesehen eine vernünftige Rendite erwirtschaften kann.

Der neue Geschäftsbereich heisst zwar Erneuerbar und Effizienz, aber die BKW wehrt sich dagegen, die Kunden zur Effizienz zu zwingen, wie es der Bund anstrebt.
Wir wollen unsere Kunden nicht zwingen, wir wollen ihnen dienen.

Ist der Zwang zur Effizienz der Hauptkritikpunkt Ihres Unternehmens an der Energiestrategie 2050 des Bundesrats?
Vorausschicken möchte ich, dass wir die Energiestrategie unterstützen. Zwei Punkte stören uns aber. Erstens der Fokus auf den Strom: Es heisst zwar Energiestrategie 2050, aber wenn man genauer hinsieht, geht es fast nur um den Strombereich, was auch unter dem Aspekt des Klimaschutzes schwer nachvollziehbar ist. Zweitens ist es der Zwang zur Effizienz: Wenn wir die Kunden zur Effizienz zwingen sollen, müsste man den Elektrizitätsversorgungsunternehmen auch die entsprechenden Befugnisse und Instrumente geben. Bildlich gesprochen: Wir müssten den Kunden vorschreiben können, welches Auto sie zu fahren haben. Das wäre doch eine bemerkenswerte Entwicklung .. .

Die BKW äussert sich in der Vernehmlassung ebenfalls kritisch zu den Wärme-Kraft-Kopplungs-Anlagen (WKK), den kleinen Kraftwerken in den Quartieren. Warum?
Es geht um die Effizienz des gesamten Energiesystems und um den Wirkungsgrad. Wenn das Ziel lautet, möglichst viel Stromproduktion und möglichst wenig CO2-Emissionen zu haben, dann sind zentrale grosse Gaskraftwerke effizienter. Mit WKK haben wir mehr CO2 in der Luft als mit effizienten und modernen Gaskraftwerken.

Also lieber wenige grosse Gaskraftwerke als viele kleine?
Unter dem Aspekt der Gesamteffizienz ja. Wir wenden uns nicht grundsätzlich gegen eine dezentrale Stromversorgung. Im Gegenteil: Für uns ist die Integration dezentraler Anlagen in moderne Netze, die Smartgrids, unternehmerisch interessant.

Im Kanton Bern wird im März über zwei Vorlagen abgestimmt, die noch schärfere Effizienzmassnahmen verlangen als der Bund. Welches wären die Auswirkungen auf die BKW?
Es kommt auf die konkrete Umsetzung an. Effizienzmassnahmen eröffnen uns neue Geschäftsfelder, denn sie benötigen Energieberatung, Planung und Integration.

Kommen wir zur aktuellen Entwicklung: Der Winter verläuft durchzogen – manchmal ist es kalt, dann wieder wärmer. Ist es schon zu Engpässen beim Strom gekommen?
Nein, bisher drohten keine Engpässe. Mehrere Faktoren wirken entgegen: Die Wirtschaft in Europa stottert, und in Deutschland wird sehr viel Windenergie eingespeist. Mehrere deutsche Kernkraftwerke wurden zwar vom Netz genommen, aber der Ausfall ist durch Kohle- und Gaskraftwerke vollständig kompensiert worden. Deshalb ist die Stromproduktion in Deutschland sehr hoch. Allerdings gibt es Schwierigkeiten, das System zu stabilisieren: Im Norden fällt viel Windenergie an, aber konsumiert wird vor allem im Süden. Der Stromtransport ist nicht einfach. In der Schweiz wird sich dieses Problem weniger zeigen, weil die Energiewende dezentraler erfolgen wird.

Wegen der hohen Produktion sind die Strompreise in Europa tief. Wann werden sie wieder steigen?
Aufgrund unserer Prognosen stellen wir fest: In nächster Zeit zeichnet sich noch kein Preisanstieg ab. Zwei Faktoren sind entscheidend: erstens die Konjunktur und zweitens die Entwicklung auf dem Gasmarkt. Die Situation bleibt in den nächsten Jahren herausfordernd.

Wie viele Jahre können Sie vorausschauen?
Drei bis fünf Jahre.

So lange wird sich der Strom in Europa nicht verteuern?
Ausser es wird eine rasche wirtschaftliche Erholung geben. Eine solche Entwicklung ist aber momentan nicht erkennbar. (Der Bund)

Erstellt: 30.01.2013, 09:22 Uhr

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3 Kommentare

Heini Müller

30.01.2013, 14:38 Uhr
Melden 7 Empfehlung 2

"Vorausschicken möchte ich, dass wir die Energiestrategie unterstützen." Dass tönt vom Vizepräsident des Verwaltungsrats der BKW und VSE-Vorstands Kurt Rohrbach jeweils ganz anders (siehe Vernehmlassungsantwort VSE). Die BKW Leitung spielt ein Doppeltes-Spiel und will dem Bürger Sand in die Augen streuen. Hintenrum wird ein ganz anderes Spiel gespielt, als die BKW vordergründig kommuniziert. Antworten


Saulnier Monique

31.01.2013, 09:00 Uhr
Melden 2 Empfehlung 0

Warum habe ich so grosse Mühe, nur ein Wort von Frau Thoma zu glauben? Antworten