Euro 2012
So haben die Deutschen Robben taktisch zermürbt
Von Thomas Niggl. Aktualisiert am 15.06.2012
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Hollands Vizeweltmeister Arjen Robben riskiert, der grösste Verlierer dieser Saison zu werden. Mit den Bayern hat der eigenwillige Stürmer die Meisterschaft, den Pokal und die Champions League verspielt. In der Bundesliga verschoss er jenen fatalen Elfmeter, der bei der 0:1-Niederlage beim späteren Meister Dortmund die Vorentscheidung im Titelrennen bedeutete. Im Final der Champions League verschoss Robben in der Verlängerung beim Stand von 1:1 ebenfalls einen Penalty und musste nach dem Elfmeter-Drama gegen Chelsea als Verlierer vom Platz. Jetzt steht er mit Holland an der EM nach den beiden Niederlagen gegen Dänemark und Deutschland schon nach der Gruppenphase vor dem vorzeitigen Aus.
«Er hat den Glauben an sich verloren. Er ist jetzt ganz unten», sagt ZDF-Experte Oliver Kahn. Man spüre, dass er innerlich total verkrampft sei. «Die Gegner haben sich taktisch auf das Spiel von Robben eingestellt», sagt Experte Martin Andermatt. Er habe es im Spiel gegen Deutschland vorwiegend gegen seine Bayern-Teamkollegen schwer gehabt. «Die kennen seine Spielweise natürlich in- und auswendig. Verteidiger Philippe Lahm hat ihn schon hoch angegriffen und ihn schon bei seiner Ballannahme konsequent attackiert», stellt der ehemalige Nationalspieler fest. Die defensiven Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira hätten Lahm dann abwechslungsweise unterstützt. Robben sei doppelt und manchmal sogar dreifach abgesichert gewesen.
«Er ist dann verzweifelt auf die linke Seite ausgewichen»
«Wenn Robben nach innen ziehen wollte, musste er seine Dribblings immer wieder abrupt abbrechen und sich wieder nach hinten orientieren, weil Schweinsteiger und Khedira schon zur Stelle waren. Und auch auf der Aussenbahn hatte er keine Chance, an Lahm vorbeizukommen. Er ist dann oft verzweifelt auch auf die linke Seite ausgewichen, obwohl er von dort wesentlich ungefährlicher ist. Aber auch dort wurde er von Jérôme Boateng sofort angegriffen», so Andermatt. Bei einem Kopfballduell gegen seinen Münchner Teamkollegen Holger Badstuber habe er sich auch noch am Kopf eine Platzwunde zugezogen. Wenn es die Spielsituation forderte, habe sich sogar jeder Deutsche sofort um Robben gekümmert. «Man sah es ihm an seiner Körpersprache an, dass es ihm zurzeit gar nicht gut geht. Sie haben ihn psychisch regelrecht zermürbt und auch physisch müde gemacht.»
«Darunter leidet auch Robben»
«Diese Zermürbungstaktik der Deutschen ist voll aufgegangen», sagt auch der ehemalige Nationalspieler Raimondo Ponte. Eigentlich habe gegen Robben jeder Deutsche gespielt. «Er wurde sofort attackiert. Man liess ihm keine Luft zum Atmen. Er wurde am Boden, aber auch in der Luft kompromisslos bekämpft.» Ponte nimmt Robben aber auch ein bisschen in Schutz. «Eigentlich haben die Holländer die besseren Einzelspieler als die Deutschen. Aber sie sind überhaupt kein Kollektiv, sondern eine Mannschaft voller Solisten. Und darunter leidet nicht nur Robben, sondern die ganze Gruppe.»
Robben im Elend. Und jetzt kriegt er auch noch von seinem Trainer Bert van Marwijk sein Fett weg. «Wir hatten auf ein Unentschieden oder einen Sieg gehofft. Van Persie und Huntelaar haben gut gespielt, aber von der Seite mit Afellay und Robben kam nichts. Wenn die beiden stark gewesen wären, hätten die Deutschen es schwerer gehabt», sagte der Bondscoach. Van Marwijk nahm Robben in der 83. Spielminute sogar vom Feld und wechselte ihn durch Dirk Kuyt aus.
Trost erhielt Robben nach der Partie von seinen deutschen Teamkollegen bei den Bayern. Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller gingen nach dem Spiel in die holländische Kabine und umarmten Robben. Unterstützung kann Robben von den Deutschen auch sportlich gebrauchen. «Wir sind jetzt abhängig von Deutschland, um ins Viertelfinale zu kommen. Und das fühlt sich nicht gut an.» Seine Hoffnung: «Auch Deutschland hat sich noch nicht für das Viertelfinale qualifiziert und wird gegen die Dänen sicherlich mit dem stärksten Team antreten.» Die Holländer spielen am Sonntag noch gegen die Portugiesen.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 15.06.2012, 12:25 Uhr
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