«Es gibt einen Kult des Natürlichen»

Der Soziologe Robert Schäfer sieht in der Naturliebe der Städter einen Rückgriff auf die deutsche Romantik. Und er erklärt, was Urban Gardening mit Christoph Blocher zu tun hat.

Der Soziologe Robert Schäfer denkt lieber über Urban Gardening nach, als sich selber die Hände schmutzig zu machen.

Der Soziologe Robert Schäfer denkt lieber über Urban Gardening nach, als sich selber die Hände schmutzig zu machen. Bild: Adrian Moser

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Herr Schäfer, bauen Sie Ihr Gemüse selber an?
Ich muss Sie enttäuschen, die grassierende Naturliebe hat mich noch nicht infiziert. Ich kaufe mein Gemüse im Supermarkt und verbringe meine Freizeit auch lieber in Städten als in den Bergen. Früher war ich schon zwei-, dreimal wandern. Das war auch ganz in Ordnung, jedenfalls im Nachhinein. Grundsätzlich bin ich aber schon eher für Müssiggang als für Anstrengung.

Viele Zeitgenossen finden aber verstärkt Gefallen an Wanderferien und am Buddeln in der Erde.
Offenbar. Auch in meinen Forschungen zum Tourismus ist festzustellen, dass das scheinbar Authentische eine grosse Anziehungskraft hat. Der Trend zur Natur ist eine Ausprägung davon.

Wieso hat denn die Natur eine so grosse Ausstrahlung?
Zunächst geht es dabei einfach um Abwechslung. Man sucht in der Freizeit, was einem im Arbeitsalltag fehlt. Wer in einem Büro, in einem technisierten, sterilen Umfeld, arbeitet, sucht demnach in seiner Freizeit eher nach dem Naturerlebnis. Ein Bauer wird sich abends kaum dem «Urban Gardening» widmen. Im Fachjargon bezeichne ich deshalb Tourismus als «Organisation des Ausseralltäglichen», was den Widerspruch betonen soll, dass das Ausseralltägliche eben gerade nicht mehr ausseralltäglich ist, wenn es organisiert wird.

Steckt dahinter nicht auch eine Sehnsucht nach einem ursprünglicheren und echteren Leben?
Doch. Es gibt diese nostalgische Sehnsucht nach einem harmonischen Verhältnis zur Natur, welche ihren Ursprung in der deutschen Romantik hat. Zurzeit lassen sich tatsächlich vielfältige Rückgriffe auf ein solch idealisiertes Naturverständnis beobachten.

Der Ursprung des Urban Gardening – um bei diesem Beispiel zu bleiben – liegt also am Ende des 18. Jahrhunderts?
Das ist ein wenig überspitzt formuliert. Es gibt sicher einen Unterschied, wie die Romantik Ende des 18. Jahrhunderts entstanden ist und wie ihre Themen heute verwendet werden. Aber einen gewissen Zusammenhang kann man da schon sehen. Die deutsche Romantik entstand als Reaktion auf den analytischen Rationalismus der Aufklärung, welcher die Welt mit Dualismen wie Körper-Geist, Mensch-Tier sowie Natur-Kultur betrachtete. Die Romantiker befürchteten darin eine Entzauberung der Welt und versuchten mit der Kunst – aber auch mit einem idealisierten Bild der Natur – der Welt den Zauber zurückzugeben.

Können Sie das ausführen?
Genau. Vorher wurde die Natur eher als feindliches Gegenüber betrachtet, als Gefahrenquelle. Man musste sich gegen Unwetter und Ernteausfälle wappnen. Erst mit einem gewissen Mass an Naturbeherrschung wurde sie zu einer ästhetisch erfahrbaren Sache. Idealisiert wurde aber nicht nur die Natur. Es gibt auch einen Kult des Natürlichen.

Was meinen Sie mit «Kult des Natürlichen»?
Die deutsche Romantik hatte stark zivilisationskritische Aspekte. All das Höfische wie die standesbedingten Konventionen war den Romantikern ein Gräuel. Sie stellten dem den Wert des Einfachen, Natürlichen und Ursprünglichen entgegen. Anstelle des zeremoniellen Gehabes priesen sie den spontanen, unverfälschten Ausdruck des einfachen Menschen. Dem zentralistisch organisierten Grossreich stellten sie die natürlich gewachsene Volksgemeinschaft entgegen. Es gibt im Übrigen die nicht unumstrittene These von Isaiah Berlin, dass die deutsche Romantik auch aus einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber Frankreich entstanden sei. Das absolutistische Frankreich war im 17. Jahrhundert unter Ludwig XIV. eine Grossmacht, Deutschland in zahlreiche Kleinstaaten, Bistümer, Grafschaften und Herzogtümer aufgesplittet und durch den Dreissigjährigen Krieg politisch stark geschwächt. Die politische Unterlegenheit, so Berlin, sollte durch das Gefühl kultureller Überlegenheit quasi kompensiert werden.

Wieso kommt es gerade in diesen Jahren zu Rückgriffen auf die deutsche Romantik?
Dazu habe ich keine wissenschaftlich gesicherten Ergebnisse, ich kann also nur soziologisch informiert spekulieren.

Ich bitte darum.
Es gibt zurzeit ja grosse gesellschaftliche Umbrüche. Im letzten Jahrzehnt ist die terroristische Bedrohung stärker geworden, der Populismus erstarkt, wir haben die Finanzkrise erlebt, der wirtschaftliche Druck erhöht sich. Viele Menschen werden durch Digitalisierung und Robotik als Arbeitskräfte ersetzbar und, drastisch formuliert, eigentlich überflüssig. Das kann zu Entfremdungserfahrungen führen, auf die romantische Motive reagieren. Der Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt, dass Rückgriffe auf die Romantik immer dann populär werden, wenn es zu gesellschaftlichen Krisen kommt.

Denken Sie etwa an die Lebensreformbewegung, die ihre Anfänge Ende des 19. Jahrhunderts hatte?
Zum Beispiel. Die Lebensreformbewegung kann als Reaktion auf die Etablierung des Kapitalismus und die Industrialisierung verstanden werden. Auch die Hippie-Bewegung in den 1970er-Jahren – als romantische Motive ebenfalls hoch im Kurs waren – war eine Reaktion auf gesellschaftliche Krisen: Kalter Krieg, Kuba-Krise, Vietnam-Krieg etc.

Die Hippies, die Lebensreformbewegung und vor allem die heutigen Städter verstehen sich als progressiv. Ihrer Beschreibung nach handelt es sich bei der Romantik aber um eine eher konservative Strömung.
Nein, gerade die Frühromantiker verstanden sich im Gegenteil als äusserst revolutionär. Aber es gibt schon auch konservative Aspekte der Romantik. Die Verklärung der natürlich gewachsenen Volksgemeinschaft beispielsweise gründet in der Romantik – daran konnte der widerliche Kult um Blut und Boden anschliessen. Auch zeichneten sich einige Romantiker durch einen ausgeprägten Anti-Intellektualismus aus und betonten dagegen die Sinnlichkeit, das Gefühl, das Mystische, das Irrationale. Was witzig ist, handelte es sich doch bei ihnen selbst um Intellektuelle.

Als Intellektuellen, der sich teils antiintellektuell gebärdet, könnte man auch Christoph Blocher bezeichnen. Dass sich der SVP-Stratege über «Professörlein» lustig macht und Städter Schrebergärten bewirtschaften, gründet also letztlich in derselben Weltanschauung?
Das ist eine sehr steile These und viele Urban Gardener würden da heftig protestieren! Die Strategie, angeblich weltfremd-verkopfte Intellektuelle gegen den sogenannten gesunden Menschenverstand und die natürliche Stimme der Volksgemeinschaft auszuspielen, trägt schon auch romantische Züge. Aber letztlich sind alle Vorstellungen und Weltbilder politisch instrumentalisierbar, nicht nur romantische Ideen. (Der Bund)

Erstellt: 15.07.2017, 08:17 Uhr

Robert Schäfer

Kultursoziologe

Robert Schäfer arbeitet an der Universität Freiburg im Studienbereich Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit. Er forscht zu aktuellen Formen der Gesellschaftskritik, Weltanschauungen und zu soziologischen Zeitdiagnosen. Schäfer lebt in Bern.

«Natürlich Bern»

Von der allzu menschlichen Naturliebe



Die «Bund»-Sommerserie thematisiert das Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Dabei zeigt sich, dass in unserer «Natur» auch sehr viel Kultur steckt.

Zugegeben, «Natürlich Bern», der Titel der «Bund»-Sommerserie, tönt nach einem wenig einfallsreichen Slogan einer lokalen Tourismusorganisation. Das ist kein Zufall. Natur und Natürlichkeit stehen zurzeit hoch im Kurs. Wir machen Wanderferien, bauen vermehrt unser Gemüse selber an, trinken selbst gemachten Ingwer-Likör, und nicht wenige von uns ziehen natürliche Präparate der Schulmedizin vor.

In mehreren Beiträgen geht der «Bund» diesem Trend nach. Wir besuchen Städter, welche den Sommer auf der Alp verbringen, und fragen sie nach dem Reiz des knochenharten Lebens. Und wir fragen Frauen, wieso sie lieber im Geburtshaus denn im sicheren Schoss eines technisch hochgerüsteten Spitals gebären.

In den nächsten Wochen thematisieren wir aber nicht nur die allzu menschliche Naturliebe, sondern auch die Natur selber. Es zeigt sich, dass unsere Natur nicht so ursprünglich und unveränderlich ist, wie der Begriff eigentlich suggeriert. Im Gegenteil, Natur hat eine Geschichte. Kaum ein Fluss der Schweiz wurde in seinem Lauf nicht verändert. Weizen und Mais, welche das Mittelland stark prägen, wurden, wie rund 80 Prozent aller Nutzpflanzen, einst importiert. Und sogar die Naturschutzgebiete werden mit grossem menschlichen Aufwand «natürlich» gehalten.

Die Feststellung, dass sich in der Natur viel Kultur versteckt, soll die Freude an Wiesen und Wäldern, Flüssen und Seen, Bergen und Tälern nicht schmälern. Geniessen Sie also weiter Ihre kontemplativen Waldspaziergänge, bauen Sie Tomaten an und baden Sie mindestens einmal pro Jahr in der Aare. (chl)

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