Dutzende Gurten-Tickets verkauft, keine geliefert

Ein mutmasslicher Betrüger hat Geld für Gurten-Tickets einkassiert, die Käufer aber vergeblich warten lassen. Und: Er macht das bereits seit mehreren Jahren.

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Das Gurtenfestival beginnt. Dutzende Personen haben keine Tickets, obwohl sie dafür bezahlt haben; oder sie mussten gleich doppelt in die Tasche greifen, um doch noch an ein Billett zu kommen. Der Grund: Sie kauften ihre Tickets alle demselben Verkäufer ab, der diese nie lieferte.

Der 36-jährige P. B., wohnhaft im zürcherischen Pfäffikon, bot die Gurtenpässe über Internetverkaufsplattformen wie Anibis.ch oder Tutti.ch an; auch für andere Anlässe wie das Ed-Sheeran-Konzert im Hallenstadion pries er Tickets an. Die Preise waren moderat. Für einen Gurten-3-Tagespass verlangte P. B. 230 Franken. Der Originalpreis lag bei 205 Franken. Da andere Anbieter auf Onlineplattformen Tickets für den ausverkauften Anlass zu deutlich höheren Preisen anboten, stiegen viele auf seine Angebote ein. Eine Whatsapp-Gruppe, in der sich Opfer zusammengeschlossen haben, zählt unterdessen über 30 Mitglieder. Dem «Bund» sind 24 Fälle von betroffenen Personen bekannt, die P. B. insgesamt 6022 Franken überwiesen haben. Die Tickets erhielten sie nicht. Und bisher auch keine Rückerstattungen.

Bereits seit Jahren aktiv

Nun zeigt sich: P. B. treibt nicht erst seit diesem Jahr sein Unwesen. Ein Sprecher des Gurtenfestivals sagte dem «Bund», P. B. verkaufe bereits seit mehreren Jahren angebliche Sponsoring-Tickets. Erstmals aufgefallen sei er, als er vor rund drei Jahren vorgegeben habe, Sponsoring-Tickets aus dem Migros-Kontingent zu verkaufen. Die Migros habe daraufhin rechtlich gegen P. B. vorgehen wollen. Doch weil sie selbst keine geschädigte Partei sei, habe sie keine Handhabe gehabt. Dasselbe gelte auch für das Gurtenfestival. Der Gurten-Sprecher zeigte sich erstaunt, dass von offizieller Seite bisher nichts geschehen sei.

Jolanda Egger, Sprecherin der Kantonspolizei Bern, sagte dem «Bund», sobald Meldungen oder Anzeigen vorlägen, würden Abklärungen getätigt und die nötigen Schritte eingeleitet. In diesem Jahr habe die Kapo bereits gut 15 Meldungen erhalten von Personen, die online Gurten-Tickets gekauft, aber bisher nicht erhalten hätten. Egger hielt aber auch fest, rein theoretisch hätten Verkäufer bis zum heutigen Start des Festivals immer noch die Möglichkeit, die Tickets zu liefern. Mehrere Käufer haben den Glauben daran offensichtlich verloren und bereits Anzeige eingereicht. Andere haben das noch vor.

Dass überhaupt so viele Leute vorgängig Geld überwiesen für die Tickets, liegt daran, dass sich der Verkäufer sehr transparent gab. Er schickte eine Kopie seines Passes, seine exakte Wohnadresse war einsehbar und in seinen E-Mails gab er sich vertrauenswürdig. Nachdem die Tickets nicht wie vereinbart Ende Mai angekommen waren, schrieb er mehreren Personen: «Dass die Tickets kommen und wie versprochen geliefert werden, dazu stehe ich nach wie vor zu 100 Prozent.» Er werde selbst auf dem Gurten sein und, falls tatsächlich irgendetwas nicht klappen sollte, «selbstverständlich eine Lösung suchen». Erst in den letzten Tagen änderte der Tonfall. «Bin echt im Scheiss», schrieb er in Nachrichten, die dem «Bund» vorliegen. Es seien «einige Tickets fürs Gurtenfestival nicht angekommen». Er suche Lösungen, könne aber nicht mehr garantieren, dass er die fehlenden Tickets noch organisieren könne. Wenn er das Ticket nicht liefern könne, werde er den Betrag zurückerstatten. Mehrere Personen hatten P. B. aber bereits ein Ultimatum zur Rückerstattung des Geldes gestellt; er liess dieses ungenutzt verstreichen.

Stattdessen scheint er nun selbst mit rechtlichen Schritten zu drohen. Eine Käuferin berichtete, P. B. habe ihr und vier anderen mit Anzeigen gedroht wegen übler Nachrede, Drohung oder Sachbeschädigung; im letzten Fall habe er argumentiert, der Briefkasten seiner Mutter sei zerstört worden.

Finanzielle Probleme

Ein Bekannter von P. B. sagte dem «Bund», dieser habe schon vor einiger Zeit finanzielle Probleme gehabt. Seine Vorgehensweise sei «sehr clever und unglaublich abgebrüht». Er sei «gerissen, manipulativ und könne sich vom Täter zum Opfer machen». Er vermute, dass P. B. die Mittel zur Tilgung von anderen dringlichen Schulden oder zum eigenen Vergnügen benötige.

In einem dem «Bund» bekannten Fall ist es den Geschädigten gelungen, das Geld zurückzuerhalten. Ein Berner hatte für sich und drei weitere Personen bei P. B. Tickets für das Ed-Sheeran-Konzert gekauft und dafür 780 Franken bezahlt. Weil sie die Tickets nicht erhielten, suchten sie P. B. an seiner Wohnadresse auf. Die vier drängten ihn, einen Vertrag zu unterschreiben, der ihn zur Rückerstattung des Geldes verpflichtete. So erhielten sie den Betrag schliesslich zurück. (Der Bund)

Erstellt: 12.07.2017, 06:57 Uhr

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