Wird das iPad zum Schulbuch 2.0?
Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 09.02.2012 3 Kommentare
Matthias Vatter hat vor zehn Jahren in Bern die Firma Lernetz AG mit gegründet. Der 40-jährige ausgebildete Primarlehrer und studierte Historiker lebt heute in Zürich, ist verheiratet und hat einen Sohn.
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Lernetz AG
Aus der Zusammenarbeit der Berner Pädagogen Bernhard Probst und Matthias Vatter mit dem Freiburger Informatiker und Erwachsenenbildner Manfred Kaderli bei traditionellen Lehrmittelprojekten ist vor zehn Jahren die Lernetz AG entstanden. Damals leistete die Firma Pionierarbeit, heute beschäftigt sie 23 Mitarbeitende und ist spezialisiert auf elektronische Lernmedien – von der didaktischen Konzeption bis zur technischen Umsetzung. Ihr erstes grosse Projekt war das Budget Game der Postfinance. Aktuell arbeitet sie mit dem Lehrmittelverlag St. Gallen an einer digitalen Lernumgebung für Tablet-Computer für die Fächer Deutsch und Mathematik. Zum Jubiläum hat die Firma einen Wettbewerb für Lernfilme ausgeschrieben.
Wettbewerb für Lernfilme
Im schwedischen Sollentuna arbeiten Erstklässler nur noch mit dem Tablet-Computer anstatt mit Bleistift und Papier. Wäre das auch ein Weg für Bern?
Ich bezweifle, ob sie das in Schweden wirklich hundertprozentig umsetzen. Natürlich kann man auch auf einem iPad das Schreiben üben, feinmotorisch ist das jedoch etwas ganz anderes.
Als Hersteller von interaktivem Lernmaterial müssten Sie den Schweden doch eigentlich zujubeln.
Es war nie unser Ziel, die klassischen Medien wie Schulbücher durch den Computer zu ersetzen. Die richtige Mischung macht es aus.
Die schwedische Stadt will sogar noch weiter gehen und 2013 für alle Klassen das digitalisierte Schulzimmer ohne Bücher einführen.
Um eine Vision umzusetzen, braucht es eine Strategie. Auch in Schweden wird deswegen der Unterricht aber nicht nur noch digital stattfinden. Spannend ist auf jeden Fall, dass die Stadt konsequent und offensiv auf digitale Medien setzt und ein Experiment wagt.
Experimente am Kind sind verpönt.
Wenn man aber ehrlich ist, ist Bildung und Erziehung immer ein Experiment.
Was sind die Chancen eines solchen Experiments?
Wir diskutieren in der Schweiz viel über Medienkompetenz. Wenn die Kinder in der Schule aber nicht lernen, die Neuen Medien für etwas Alltägliches wie Lernen zu nutzen, dann können sie keine Medienkompetenz entwickeln.
Das digitale Schulzimmer birgt aber auch Risiken.
Ja, konkret macht man sich von Technologien abhängig. Dieses Risiko teilt aber die ganze Gesellschaft. Dann muss man sich auch fragen, welche positiven oder negativen Einflüsse die Neuen Medien auf die psychosoziale Entwicklung von Kindern und Erwachsenen haben. Darüber wissen wir heute noch zu wenig.
Heute steht praktisch in jedem Schulzimmer ein Computer mit Internetanschluss. Wird die Infrastruktur auch genutzt?
Die Nutzung hinkt den Möglichkeiten hinterher. Jede Lehrperson muss ihren eigenen Weg finden, mit den Neuen Medien umzugehen. In der Lehrerausbildung sollte man aber mehr tun.
Apple hat im Januar mit iBook Author eine Software vorgestellt, mit der jeder auf einfache Art ein attraktives interaktives Lehrmittel herstellen kann. Was wird diese Offensive bewirken?
Erstaunlich ist erst einmal die Tatsache, dass etablierte Lehrmittelverlage die Möglichkeiten bisher kaum genutzt haben. Wenn es einen Bereich gibt, der für die Neuen Medien geeignet ist, dann sind es Lehrbücher. Die Offensive von Apple wird jetzt viel Dynamik in den Markt bringen. Künftig werden neben den etablierten Schulbuchverlagen immer mehr neue Akteure mitmischen.
Voraussetzung für das digitalisierte Schulzimmer waren einfache Endgeräte wie die Tablet-Computer. Wird das iPad zum Schulbuch 2.0?
Es geht in diese Richtung. Tablets sind das Zwischenstück zum digitalisierten Schulzimmer, das noch gefehlt hat. Mit den Pads können sämtliche Lerninhalte in einem Medium genutzt werden.
Damit die Gesellschaft diese Entwicklung akzeptiert, muss die Schule den Kindern aber eine solide Medienkompetenz vermitteln.
Ich habe viel Vertrauen in unsere Kinder. Die Möglichkeiten loten sie schnell selber aus. An der ganzen Gesellschaft ist es nun, ihnen soziale und moralische Regeln im Umgang mit den Neuen Medien zu vermitteln. Erwachsene müssen diese Regeln aber genauso lernen. (Der Bund)
Erstellt: 09.02.2012, 10:04 Uhr
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3 Kommentare
Ein muss für die Digitale Zukunft. Wenn Europa mit Asiens Jugend mithalten will, sollten wir schon im Kindergarten mit Tablet und co. anfangen. Nur der Werkunterricht, das Turnen und den Biologielehrgang im Wald sollten Sie nicht vergessen! Der Mix und die Abwechslung machts aus Antworten
Wohlfeil, diese wiederholte Kritik von M. Vatter gegenüber den "etablierten Lehrmittelverlagen", die sich angeblich nicht bewegen. Nur ein Beispiel: "Mille feuilles", das neue Französisch-Lehrmittel aus dem Schulverlag, ist voll digitalisiert. Gerade arbeitet man an der Umsetzung auf Tablets Nur müssen die Schulen dann ausrüstungsmässig dann auch Schritt halten können mit den digitalen Angeboten. Antworten
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